Zeitungsstapel

Brutale zehn Jahre

Im Jahr 2012 hat der deutsche Journalistik-Professor Klaus Meier eine einfach Projektion durchgerechnet: Wenn sich die Auflagen-Entwicklung von Tageszeitungen so fortsetzt wie in den letzten Jahrzehnten – wann würde dann die letzte gedruckte Tageszeitung in Deutschland erscheinen? Und er kam auf das Jahr 2034.


Grafik Auflagenentwicklung


Das schien damals ziemlich alarmistisch. Aber möglicherweise hat Professor Meier sogar untertrieben.

Das Online-Medienmagazin meedia.de hat kürzlich zu seinem zehnten Geburtstag die Verkaufszahlen wichtiger deutscher Printmedien seit 2008 verglichen – mit erschreckenden Ergebnissen. So wurden vor einem Jahrzehnt in Deutschland noch täglich knapp 24 Millionen Tageszeitungen verkauft – heute sind es noch 16 Millionen, ein Minus von 33 Prozent. Und kaum besser sieht es bei Zeitschriften aus: ein Absturz von 116 Millionen auf 86 Millionen Stück pro Heft, minus 26 Prozent.

Von den bekannten Tageszeitungen hat es BILD am schlimmsten getroffen: Das Boulevardblatt verkauft heute um 54 Prozent auf weniger Exemplare als 2008. Die seriöse FAZ um 35 Prozent weniger, die SÜDDEUTSCHE um 23 Prozent.

Ähnlich bei den bekannten Magazinen: SPIEGEL minus 31 Prozent, FOCUS minus 44 und STERN minus 46 Prozent. Nur Jugend- und Computer-Zeitschriften hatten ein noch katastrophaleres Jahrzehnt: BRAVO hat heute um 78 Prozent weniger Käufer als 2008, die PC-WELT gar um 87 Prozent. In diesen Segmenten schlägt das Internet – nicht weiter überraschend – ganz besonders brutal zu.

UND IN ÖSTERREICH?

Weil ich diese Zahlen so heftig fand, wollte ich wissen, ob es Österreichs Printmedien ähnlich schlimm ergangen ist. Die Ö. Auflagenkontrolle hat bisher nur die Zahlen bis 2017 veröffentlicht, d.h. ich vergleiche hier Daten von 2008 mit 2017 (nicht wie meedia.de mit 2018).

Nach denen sieht es hierzulande ein bisschen besser aus, aber wahrlich nicht gut. So extrem wie bei BILD lief es nirgendwo. Aber die „verkaufte Auflage“ von KURIER und der STANDARD ist immerhin um 23 Prozent gefallen, jene der PRESSE um 17 und die der KRONE um 11 Prozent (alle Zahlen für die Ausgaben Mo-Sa).

Was den Verlagen hilft, sind verhältnismäßig stabile Zahlen bei den Abos (von denen aber nicht alle voll bezahlt sind) – ein wahres Drama ist hingegen der sogenannte „Einzelverkauf“: 2008 hat der STANDARD in der Trafik noch jeden Tag 7.081 Zeitungen verkauft, heute sind es gerade noch 2.596 – und da sind E-Paper-Verkäufe bereits eingerechnet. Das ist ein Minus von 63 Prozent. Bei der PRESSE ist der Einzelverkauf von 6.581 auf 2.942 Stück inkl. E-Paper abgestürzt und die KRONE wird heute in der Trafik um fast 60.000 Zeitungen täglich weniger los als 2008 (minus 43 Prozent).

Nicht unähnlich sieht es bei Zeitschriften aus: Geringere Rückgänge in der verkauften Gesamtauflage, weil die Abos zwar zurückgehen, aber noch relativ moderat – aber katastrophale Abstürze am Kiosk: Am bösesten hat es NEWS erwischt. Statt 195.666 Heften wurden 2017 nur mehr 106.745 abgesetzt. Ein brutales Minus von 45 Prozent im Gesamtverkauf, aber kein Vergleich zum Einbruch von 84 Prozent bei den Einzelverkäufen. PROFIL verkauft insgesamt um 13 Prozent weniger, in der Trafik aber um 73 Prozent, der TREND (2008 noch ein Monatsmagazin, jetzt wöchentlich) hat seine gesamte Verkaufsauflage um 14 Prozent verringert, den Einzelverkauf aber um gleich 86 Prozent (von 13.779 Heften pro Ausgabe auf nur noch 1.865).

Ein viel bewunderter „Ausreißer“ am deutschen Markt ist die ZEIT. Die Wochenzeitung hat während der Printkrise als einer von ganz wenigen Titeln, die sich nicht ausschließlich mit Gärtnern oder Landleben befassen, Leser dazu gewonnen, immerhin ein Plus von 3,3 Prozent seit 2008. Ob es in Österreich dem FALTER ähnlich geht, lässt sich leider in der Auflagenkontrolle nicht überprüfen. Er wird nicht ausgewertet.

EINE UNGEWÖHNLICHE WOCHE

Ein Phänomen ist jedenfalls die GANZE WOCHE, die mit Abstand größte Zeitschrift im Land. Sie verkauft noch immer wöchentlich 300.609 Hefte, um nur 6 Prozent weniger als vor einem Jahrzehnt. Und dabei hat sie kaum Abonnenten. Während die anderen Magazine den allergrößten Teil ihrer Auflage via Abos und „Großverkauf“ vertreiben und nicht mal ein Zehntel im Einzelhandel, bekommen fast 90 Prozent der WOCHE-LeserInnen ihre Zeitung in der Trafik, an der Tankstelle und im Supermarkt.

Für die Verlage sind die Auflagenrückgäng verheerend. Noch immer verdienen sie den Großteil ihrer Einnahmen mit ihren Printausgaben – auch wenn sich das klassische Verhältnis von zwei Drittel Werbeeinnahmen zu einem Drittel Verkaufspreis längst gedreht hat. Selbst wenn sie online hocherfolgreich sind und wirklich viele Menschen erreichen, wie etwa derSTANDARD oder der SPIEGEL: Im Netz lässt sich mit Werbung nicht annähernd so viel verdienen wie bisher auf Papier. Und ein wirklich ertragreiches, nachhaltiges Bezahlmodell hat online noch niemand gefunden.

Das freut kurzfristig viele User, weil sie für ihre Nachrichten nichts oder kaum etwas bezahlen (und viele auch noch Ad-Blocker verwenden). Langfristig wird aber jemand die Herstellung von seriösem Journalismus bezahlen müssen. Sonst wird es irgendwann keinen mehr geben. Vielleicht schon 2034, vielleicht sogar noch früher. Kaufen Sie gut gemachte Zeitungen und Magazine! Solange es noch welche gibt.