Alle Beiträge von Armin Wolf

Geboren am 19. August 1966 in Innsbruck. Studium der Politikwissenschaft (mit einer Fächerkombination aus Zeitgeschichte, Soziologie und Erwachsenenbildung) in Innsbruck und Wien. Sponsion 2000, Promotion 2005. Postgraduate-Studium Business Administration in Berlin, MBA 2010. Seit 1985 ORF-Journalist. Ab 2002 Moderator der ZiB2, seit 2010 auch stellvertretender Chefredakteur der TV-Information.

Wer hat’s erfunden?

Wem sind die vieldiskutierten „Anlandeplattformen“ für Flüchtlinge eingefallen? Sebastian Kurz will es nicht gewesen sein. Oder doch?

Ich muss gestehen, ich war ein wenig erstaunt gestern Abend im Interview mit Kanzler Kurz nach dem EU-Gipfel in Salzburg. Es ging um die mittlerweile berühmten „Anlandeplattformen“, also Sammellager für Migranten in Afrika, die seit dem EU-Gipfel vom Juni diskutiert werden. Kurz dazu gestern in der ZiB2:

„Für uns ist aber nicht die Frage entscheidend,… ob das Wort, das sich irgendwer in Brüssel einfallen lassen hat, das ich für etwas skurril halte, Anlandeplattformen, jetzt so auf irgendeinen Vertrag nieder geschrieben wird, sondern für uns ist entscheidend, dass sich keine Menschen mehr illegal auf den Weg machen.“

Schon gestern Mittag hatte der Kanzler in seiner Pressekonferenz mit den Herren Juncker und Tusk gemeint:

„Also zunächst einmal glaube ich muss man ein bisschen vorsichtig sein mit der etwas eigenartigen Wortkreation der Anlandeplattformen. Wir haben noch immer nicht herausgefunden, wem das Wort eigentlich eingefallen ist. Ich glaube, es ist nicht unbedingt notwendig, um die illegale Migration zu lösen.“

Und am Vorabend, im Doppelinterview mit Kommissionspräsident Juncker, hatte sich auf eine Frage von Hans Bürger dieser kurze Dialog entsponnen:

Hans Bürger: „Diese Anlandeplattformen, es gibt mehrere Worte dafür. Aber bleiben wir bei Anlandeplattformen. Werden die etwas?
Sebastian Kurz: „Das ist ein bisschen eine seltsame Wortkreation. Ich habe noch immer nicht herausgefunden, wem das eingefallen ist.“
Jean-Claude Juncker: „Ich glaube, das wärst Du gewesen.“
Sebastian Kurz: „Nein, nein, nein, nein, nein!“

Aber woher kommt die „seltsame Wortkreation“ nun wirklich?

Beim EU-Gipfel am 28./29. Juni in Brüssel haben sich die Regierungschef auf eine Idee geeinigt, die im englischen Abschlussdokument regional disembarkation platforms genannt wird und im deutschen Text regionale Ausschiffungsplattformen. Der Plan – und der englische Begriff – stammen aus einem Konzept des UNHCR und der Internationalen Organisation für Migration, das die EU-Spitzen übernommen hatten.

Über die Gipfelergebnisse damals berichtete Tim Cupal am 29. Juni für die ZiB2 und er ließ in seinem Beitrag auch Kanzler Kurz zu Wort kommen – mit diesem Originalton:

„Im Text heißt es jetzt Anlandeplattformen, das ist ein ganz wesentlicher Schritt, denn nur wenn wir sicherstellen, dass Menschen nach der Rettung in Drittstaaten gebracht werden und nicht auf europäischen Boden gebracht werden, werden wir das Geschäftsmodell der Schlepper zerschlagen.“

Im angesprochenen Text hieß es tatsächlich regionale Ausschiffungsplattformen, zugegeben: ein deutlich schlimmeres Wortungetüm. Doch die Anlandeplattformen gab es auch – allerdings in einem anderen Text. Am Tag vor dem Gipfel, am 28. Juni, verschickt das Bundeskanzleramt in Wien eine Presseerklärung unter dem Titel „Bundeskanzler Kurz: Trendwende in der Flüchtlingspolitik möglich“. Sie beginnt mit folgenden Sätzen:

„Es ist möglich, dass wir heute eine Trendwende in der Migrationspolitik einleiten…“, sagte Bundeskanzler Sebastian Kurz zum Auftakt des Europäischen Rats in Brüssel. „Wenn wir uns auf ‚Anlandeplattformen‘ außerhalb Europas einigen, wird das dazu führen, dass Menschen nach der Rettung nicht automatisch nach Europa gebracht werden, sondern in Drittstaaten.“

Es ist die erste nachweisbare Erwähnung des Wortes Anlandeplattformen im Zusammenhang mit Flüchtlingen, die sich in der Austria Presse Agentur, in ihrem elektronischen Zeitungsarchiv mit mehr als 500 Quellen und online irgendwo finden lässt.
Jean-Claude Juncker scheint ein ziemlich gutes Gedächtnis zu haben.

Kern-Schmelze

Keine Witze mit Namen, das ist eine der Regeln, die man ganz früh in der Journalistenausbildung lernt. Aber heute vergesse ich die mal kurz, denn was sich da seit gestern in der SPÖ abspielt, ist tatsächlich sowas wie ein total meltdown.

Christian Kern hat offenbar genug von seiner Partei, was man als Außenstehender durchaus nachvollziehen kann. Aber es sieht auch so aus, als hätte mittlerweile ein sehr großer Teil der Partei genug von Christian Kern. Und Doris Bures wird für ihre – damals zynisch-abfällig wirkende – Diagnose „So wie ich keine gute Bahnmanagerin wäre, wäre Kern kein guter Politiker“ im Nachhinein zur Seherin erklärt.

WAS IST DA GESTERN PASSIERT?

Soweit es sich nachvollziehen lässt, wollte Kern bei einem lange geplanten Abendessen seinen Landesparteichefs erklären, dass er sich nun doch entschlossen habe, bei der EU-Wahl zu kandidieren – offenbar auch nach Signalen anderer europäischer Parteichefs, er könnte europaweit SPE-Spitzenkandidat werden, eventuell sogar mit Unterstützung Macrons. Das würde natürlich auch bedeuten, dass er nach der Wahl den Parteivorsitz übergeben müsste, weil sich die SPÖ nicht aus Brüssel führen lässt.

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ABC der Investigativen Recherche

Das Netzwerk Recherche, die führende Vereinigung deutscher Investigativ-JournalistInnen, veranstaltet nicht nur jedes Jahr im Juni einen hochspannenden Kongress in Hamburg, sondern hat jetzt auch ein englischsprachiges Lehrbuch über investigative Recherche ins Deutsche übersetzen lassen. Eine tolle Einführung!

(PDF mit 89 Seiten. Danke für den Tipp, Florian Klenk!)

Deckblatt "Drehbuch der Recherche" mit Link

Ein anderer Blick auf die Welt

Auf seiner immer interessanten Website Our World in Data hat der kluge Sozialforscher Max Roser eine ganz spezielle Weltkarte gebastelt: Sie zeigt die einzelnen Länder nicht nach ihrer Größe, sondern nach ihrer Einwohnerzahl. Das ist hochinteressant im Detail anzuschauen und die Erläuterungen dazu sind faszinierend:

Weltkarte

Es gibt auf der Welt 13 Länder mit mehr als 100 Millionen Einwohnern (nächstes Jahr dürfte mit Ägypten noch ein 14. dazu kommen), in denen zusammen fast zwei Drittel der Weltbevölkerung leben. Mehr als ein Drittel lebt nur in China und Indien, den beiden einzigen Ländern mit mehr als einer Milliarde Einwohner. Die USA als drittgrößtes Land haben mit knapp 330 Millionen nur ein Viertel der Bevölkerung von Indien und Indonesien, Brasilien und Pakistan sind die einzigen anderen Länder mit mehr als 200 Millionen Einwohnern.

Fünf Länder in Europa haben mehr als 50 Millionen Bewohner. Russland nimmt 11 Prozent der Landfläche weltweit ein, hat aber nur 2 Prozent der Weltbevölkerung. In Kanada wohnen pro Quadratkilometer nur 4 Menschen, in den Niederlanden sind es 505, in Bangladesch 1.252. Die Einwohnerzahl Asiens ist heute drei Mal so hoch wie 1950 und Indien wird 2060 mit knapp 1,7 Milliarden Menschen das bevölkerungsreichste Land der Welt sein.

Auf der Website zur Karte kann man sie nicht nur vergrößern, es gibt auch noch sehr viel mehr interessante Details.

Fake News für Einsteiger

„Cafe Kraus“, benannt nach dem großen Wiener Publizisten Karl Kraus, produziert seit kurzem kleine – sehr hübsch gemachte – Erklärvideos zu Themen aus Politik und Medien. Hier erklären sie in gut fünf Minuten, was Fake News sind und wie man sie erkennt.
Empfehlenswert!

Ganz tief drin

Drei Titelbilder von TIME zu Donald Trump (Februar, April, August). Das jüngste nach den Manafort/Cohen-Enthüllungen.

TIME-Cover

Etwas ist faul am Vergleich mit Dänemark

Wie klein wir doch sind. Und wie komplex.

Lest das, alte weiße Männer!

Screenshot mit Link

SZ MAGAZIN, 10.8.2018

Brutale zehn Jahre

Im Jahr 2012 hat der deutsche Journalistik-Professor Klaus Meier eine einfach Projektion durchgerechnet: Wenn sich die Auflagen-Entwicklung von Tageszeitungen so fortsetzt wie in den letzten Jahrzehnten – wann würde dann die letzte gedruckte Tageszeitung in Deutschland erscheinen? Und er kam auf das Jahr 2034.


Grafik Auflagenentwicklung


Das schien damals ziemlich alarmistisch. Aber möglicherweise hat Professor Meier sogar untertrieben.

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