Alle Beiträge von Armin Wolf

Geboren am 19. August 1966 in Innsbruck. Studium der Politikwissenschaft (mit einer Fächerkombination aus Zeitgeschichte, Soziologie und Erwachsenenbildung) in Innsbruck und Wien. Sponsion 2000, Promotion 2005. Postgraduate-Studium Business Administration in Berlin, MBA 2010. Seit 1985 ORF-Journalist. Ab 2002 Moderator der ZiB2, seit 2010 auch stellvertretender Chefredakteur der TV-Information.

Richtungswechsel

Sowas macht mich fertig … 😉

Wie funktioniert Journalismus?

Das ist ein wirklich großartiges Projekt für alle, die sich für Journalismus interessieren – vor allem aber für Lehrer*innen und Schüler*innen.

Die vom legendären SPIEGEL-Reporter Cordt Schnibben initiierte Reporterfabrik, eine Art Online-Journalistenschule, zeigt, wie Medien funktionieren. (Offenlegung: Ich bin Mitglied im Fabrik-Kuratorium).


Screenshot mit LinkREPORTERFABRIK, 6.8.2019

Was lernen Politiker*innen in Medientrainings?

Heute Abend beginnen die diesjährigen ORF-Sommergespräche, die meistdiskutierte Interviewserie im heimischen Fernsehen. 1981 fanden sie zum ersten Mal statt – damals, um bei der REPORT-Vorläufersendung POLITIK AM FREITAG die nachrichtenschwächsten Sommerwochen zu überbrücken. Weil 1981 nur drei Parteien im Nationalrat vertreten waren, gab es auch nur drei Sommergespräche: PaF-Chef Peter Rabl sprach mit ÖVP-Chef Alois Mock und FPÖ-Obmann Norbert Steger, SPÖ-Kanzler Bruno Kreisky wurde von Fernsehintendant Franz Kreuzer interviewt.

Berühmt wurde das Steger-Gespräch. Weniger wegen des Inhalts – kein Mensch weiß mehr, was damals gesagt wurde. Sondern weil Interviewer Peter Rabl wegen der Riesenhitze mit dem FPÖ-Chef in den Swimmingpool sprang, um das Gespräch dort zu beenden (Video). Es blieb eine einmalige Einlage.

Steger-Rabl-Pool TOTALE

Das bisher meistgesehene Sommergespräch war 36 Jahre später jenes von Tarek Leitner mit dem damals neuen ÖVP-Chef Sebastian Kurz, wenige Wochen vor der Nationalratswahl 2017. 1.034.000 Zuseher*innen waren durchschnittlich dabei. (Hier eine vollständige Auflistung aller ORF-Sommergespräche bisher, inkl. zahlreicher Screenshots.)

Dieses Jahr gibt es fünf Sommergespräche, erstmals geführt von meinem Kollegen Tobias Pötzelsberger, der im Mai mit seiner fulminanten Moderation einer fast sieben Stunden langen „Ibiza“-Sondersendung schlagartig bekannt geworden ist. Tobias arbeitet erst seit einem Dreivierteljahr in der ZiB-Redaktion, ist aber – trotz seiner relativen Jugend – ein ORF-Routinier. Fast 15 Jahre lang war er Reporter und Moderator im Landesstudio Salzburg und hat dort auch zahllose ausführliche Radio-Interviews mit Politiker*innen geführt.

Der Moderator ist dieses Jahr also neu – altbekannt hingegen wird so manche Antwort-Strategie der fünf Parteichef*innen sein. Auch wenn eine aktuelle Studie über die Sommergespräche zeigt, dass im langjährigen Schnitt drei von vier Fragen der Interviewer*innen tatsächlich beantwortet werden, werden wir auch heute um 21h05 und an den nächsten vier Montag-Abenden beobachten können, wie Spitzenpolitiker*innen Fragen ignorieren, ausweichen oder sehr lange Antworten auf Fragen geben, die gar nicht gestellt wurden.

Das machen Politiker*innen natürlich nicht spontan. Sondern weil sie für Medienauftritte eigens geschult werden. Ich kenne das – häufig frustrierende – Ergebnis seit vielen Jahren aus der Perspektive des Interviewers. Aber wie sieht es aus der Warte derjenigen aus, die Politiker*innen schulen?

Das habe ich Lena Doppel-Prix gefragt, eine erfahrene Kommunikations- und Medientrainerin, die aus vielen ORF-Sendungen auch als Social-Media-Expertin bekannt ist. Lena hat immer wieder Politiker*innen (der SPÖ, der Grünen und der Liste Jetzt) geschult – und zum Start der diesjährigen Sommergespräche für meinen Blog dankenswerterweise diesen Gastbeitrag geschrieben:


Das ist eine wirklich interessante Frage… (die ich nicht gedenke, zu beantworten.)

VON LENA DOPPEL-PRIX

Jeder von uns hat diese Floskeln schon dutzendfach gehört: Das ist eine sehr interessante Frage, aber lassen Sie mich zuerst vorausschicken…; Was wirklich wichtig ist… oder Was wir schon immer gesagt haben, ist… Politiker verwenden sie tagtäglich um Fragen von Journalistinnen zu ignorieren und stattdessen auf eigene Kernbotschaften überzuleiten.

Aber nur weil etwas verwendet wird, muss es ja nicht gut sein. Ist es wirklich ratsam, Fragen von Journalistinnen in Live-Interviews nicht zu beantworten? Trainieren Medientrainer tatsächlich solche Techniken, unterrichten Rhetoriktrainerinnen das Ignorieren von Fragen zum Wohle der eigenen Botschaft? Oder ist es gar nur eine Ausrede für vorbereitungsfaule oder sogar journalistenfeindliche Politiker?

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Drama, Baby!

Das ist unglaublich gut gemacht!
(Danke für den Hinweis, Oliver Das Gupta!)

Einfach vs. kompliziert

Sie schreiben. Ich antworte.

Die Konterrevolution der Zornigen

Von all den Büchern, die ich in den letzten Jahren über Populismus gelesen habe, ist dieses das lohnendste. Die deutsche Soziologin Cornelia Koppetsch (TU Darmstadt) sieht den Aufstieg der Rechtspopulisten in Europa und den USA als „Konterrevolution“ gegen die Folgen der Globalisierung seit 1989 – als „kollektiven, emotionalen Reflex“ auf einen „noch unbewältigten epochalen Umbruch“. Das ist ihre grundsätzliche These. Was ihr Buch aber vor allem spannend macht, ist die Differenziertheit und Tiefe der Analyse und wie sie aus verschiedenen soziologischen Perspektiven hergeleitet wird.

GEWINNER UND VERLIERER

Die Globalisierung führte laut Koppetsch zur Herausbildung einer postnationalen, akademisch gebildeten, urbanen professionellen Klasse von Kreativ- und Wissensarbeitern. Deren kosmopolitischen, ökologisch-bewussten, gesellschaftlich-liberalen Lebensstil hat der amerikanische Journalist David Brooks schon vor knapp zwanzig Jahren präzise beschrieben – in seinem globalen Bestseller „Bobos in Paradise“. Gute Ausbildung, Sprachkenntnisse und „global einsetzbares kulturelles Kapital“ machen das „postindustrielle Bürgertum“ der bourgeoisen Bohemiens zu den Gewinnern der wirtschaftlichen Liberalisierung und Globalisierung.

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Wer hat die Zeitungsbranche geschrumpft?

Anfang der 70er Jahre wurden in den USA jeden Tag mehr als 60 Millionen Tageszeitungen verkauft. 2018 ist die Gesamtauflage (Print + digital) auf 28,6 Millionen gefallen, nochmal ein Minus von 8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

2005 haben US-Zeitungen knapp 50 Milliarden Dollar mit Werbung verdient. 2018 waren es noch 14,3 Milliarden, um 13 Prozent weniger als im Jahr davor. Die Details sind in diesem Text nachzulesen (und ausführliche Daten zur Situation der gesamten Medienindustrie in den USA im Jahr 2018 gibt es hier).

Grafik mit Link zum ArtikelPEW RESEARCH CENTER 9.7.2019

Über Jugendsünden und die Macht von Wikipedia

Wenn man öfter im Fernsehen auftritt, wird gelegentlich auch über einen geschrieben und man wird zu Diskussionsveranstaltungen eingeladen, in Schulen, auf Unis, von Kulturvereinen. Die Gesprächspartner, auf die man dort trifft, sind sehr unterschiedlich vorbereitet. Manche verblüffen einen mit biografischen Details und müssen wirklich viel gelesen haben, andere wissen eher wenig. Das einzige, das immer alle kennen, ist der Wikipedia-Eintrag ihres Gastes.

Ich bin kein PR-Experte, aber eines habe ich in den letzten 17 Jahren in einem relativ exponierten Beruf gelernt: Es gibt für Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, kaum etwas Wichtigeres als ihren Wikipedia-Eintrag. Das ist das, was jeder von einem weiß.

Auf meiner Wikipedia-Seite zum Beispiel steht seit etlichen Jahren, dass ich mal Mitglied der Jungen ÖVP war. Und da steht auch: „Seine JVP-Mitgliedschaft bezeichnete Wolf später als ‚Jugendsünde‘.“

DIE WAHRE GESCHICHTE

Seither wurde ich dutzendfach auf dieses Zitat angesprochen, vor allem in Diskussionen mit Jugendlichen – und erst vor wenigen Tagen stand es wieder in einem Zeitungsporträt. Und jedesmal muss ich diese „Jugendsünde“ erklären – deshalb erkläre ich sie jetzt mal hier. Was nämlich nicht auf Wikipedia steht: Die „Jugendsünde“ war ironisch gemeint.

Und ich verdanke sie Michael Spindelegger. (Von dem ja sonst – außer der Entdeckung von Sebastian Kurz – eher wenig blieb.)

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Warum wir einander nicht verstehen

Das ist eine ziemlich interessante Untersuchung aus den USA. Demokraten und Republikaner haben extrem negative Vorstellungen von einander – sehr viel negativer als es der Realität entspricht.

Und die wirklich deprimierende Erkenntnis: Je besser ausgebildet und je intensiver der Medienkonsum – umso falscher ist das Bild von den politisch Andersdenkenden. Medienberichterstattung, die – aus erklärbaren Gründen – auf politische Konflikte konzentriert ist, scheint also die ohnehin vorhandenen Missverständnisse noch zu verstärken. Wäre spannend, eine ähnliche Studie für Österreich zu lesen. (Danke für den Hinweis, Andreas Sator!)


THE ATLANTIC, 23.6.2019