Eine elegante Ruine wird 100

Heute vor 100 Jahren hat die Provisorische Nationalversammlung in Wien das „Gesetz vom 1. Oktober 1920, womit die Republik Österreich als Bundesstaat eingerichtet wird“ beschlossen – die österreichische Bundesverfassung.

Sie ist eine der ältesten noch gültigen Verfassungen der Welt. Letztes Jahr hat der Bundespräsident ihre „Eleganz und Schönheit“ gelobt, sehr viele Jurist*innen haben damals geschmunzelt. „Eine innere und äußere Ruine“ hat sie einst Verfassungs-Professor und Justizminister Hans Klecatsky genannt.

Tatsächlich ist die österreichische Verfassung extrem unübersichtlich und zersplittert. Das Bundes-Verfassungsgesetz (B-VG) von 1920 wurde mehr als hundert Mal geändert, von seinen 152 Artikeln ist gerade noch ein Zehntel in seinem ursprünglichen Wortlaut in Kraft. Und nicht alle sind so elegant wie der berühmte Beginn:


Artikel 1, B-VG


Artikel 14a zum Beispiel gilt unter Jurist*innen als Schulbeispiel dafür, wie man Verfassungsinhalte nicht formuliert. In mehr als 600 Wörtern wird da bis ins kleinste Detail das „Gebiet des land- und forstwirtschaftlichen Schulwesens“ organisiert.

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Der Viren-Scanner

Selten habe ich mich so um einen Studiogast für die ZiB2 bemüht, wie in den letzten Wochen um Christian Drosten, den Chef-Virologen der Berliner Charité.

Drosten ist einer der weltweit führenden Corona-Experten und zur Zeit auch Deutschlands einflussreichster und bekanntester Wissenschafter – auch weil er seine Arbeit extrem gut erklären kann: in Pressekonferenzen, in Talkshows, in einem sensationellen Podcast, vor fast 300.000 Followern auf Twitter oder eben in Interviews. Ich habe – für die ZiB2 sehr ungewöhnlich – eine halbe Stunde lang mit ihm gesprochen und ich finde, es hat sich gelohnt:

Und das waren die Themen des Gesprächs:
Sind die strengen Corona-Maßnahmen im Rückblick gerechtfertigt?
– Ist der „schwedische Weg“ klüger“?
– Wie ist das nun wirklich mit der Sterblichkeit?
– Wo kommt das Virus wirklich her?
– Droht uns eine zweite Infektionswelle?
– Wie gefährlich ist das Virus im Freien?
– Warum weiß man so wenig über Kinder?
– Wie lange bleibt man immun?
Ist „Herdenimmunität“ eine sinnvolle Strategie?
– Wann kommt ein Impfstoff?
– Wird unser Leben irgendwann wie früher?

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In der Corona-WG: Mein letzter Tag

Heute ist mein letzter Tag hier in der ORF-Sperrzone. Nach der ZiB2 heute Abend packe ich meine sieben Sachen und fahre nach zwei Wochen „Isolation“ nachhause zu meiner Familie. Das Notbett in meinem Büro ist bereits abgezogen und meine Wäsche aus dem Aktenschrank geräumt.

Was habe ich hier gelernt?

Stressigste Erkenntnis: Man muss sich für die Kasernierung nicht besonders ausrüsten. Ich hatte eigens ein paar neue Bücher auf meinen Kindle geladen. Keines davon gelesen. Auf meinem iPad gibt’s diverse Streaming-Accounts – nichtmal die letzte Folge „Picard“ habe ich bisher geschafft. Die kaputten Playstations im Aufenthaltsraum sind niemandem abgegangen. Es gab wirklich wenig freie Zeit. Aber beim nächsten Mal: Eigenen Kopfpolster mitbringen!

Abgezogenes Bett

Wichtigste Erkenntnis: Die Trennung zwischen Arbeit und Freizeit/Privatleben ist viel entscheidender als ich dachte. Viele Menschen bemerken ja dieser Tage, dass Home Office gar nicht so toll ist, wie sie sich das vorgestellt hatten. Office Home ist definitiv nicht toll.

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In der Corona-WG: Tag 8

Ich muss gestehen, gestern hatte ich ein Tief. Die erste Woche hier in unsererm Isolationsbereich ist vorbei. Es läuft gut, der Teamgeist ist noch immer großartig, die Sendungen funktionieren, das Publikumsinteresse ist gigantisch.

Die ZiB2 hatte gestern 1,04 Millionen Zuseher*innen, am Montag waren es 1,23 Millionen, die Zeit im Bild um 19h30 erreicht seit Wochen jeden Tag weit über zwei Millionen, etwa das Doppelte der üblichen Zahl. Produziert werden die ZiBs aber völlig anders als sonst.

Vom ZiB2-Team sind Redaktionsleiter Christoph Varga und ich hier in der ZiB-Sperrzone isoliert. Christoph plant und koordiniert die Sendung und betreut sie abends als Chef vom Dienst, ich moderiere. Die anderen Kolleg*innen aus der Redaktion haben wir seit Wochen nicht mehr gesehen.

Wolf & Varga

Schon vor der Isolation hatten wir unsere Arbeitsweise stark dezentralisiert, jetzt ist es noch drastischer. Einige Kollegen arbeiten von zuhause, andere in Außenstudios in der Wiener Innenstadt oder der Stiftskaserne und im Newsroom hier im ORF-Zentrum sind der 1. und der 2. Stock voneinander abgeriegelt. Heroben werken wir „Isolierten“, unten die Redakteur*innen, Cutter*innen und Assistent*innen, die zuhause schlafen. In den Redaktionsräumen müssen sie konsequent alle Sicherheitsregeln einhalten, beim Eingang Fieber messen und bei der Arbeit maximalen Abstand voneinander halten.

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In der Corona-WG: Tag 5

Man muss sagen, es ist nicht alles schlecht in unserer Isolationshaft. Wir haben Auslauf. Unser Hof würde keinen Garten-Wettbewerb gewinnen, aber er ist da und sonnig und wir haben die Feldbetten, auf denen wir glücklicherweise doch nicht schlafen müssen. Also haben wir sie gestern kurzerhand zu Liegen umfunktioniert und die kurze Mittagspause nach der verlängerten 13h00-Sendung beim Après-ZiB verbracht.

Überhaupt ist das Freizeitangebot hier herinnen nicht so übel. Also, nicht das Angebot an Freizeit, aber für die Freizeit. An sich arbeiten wir ja meistens, das ist ja auch der Sinn unseres Aufenthalts. Aus Bescheidenheit verschweige ich, wer nach der ZiB2 gestern Nacht unser erstes Tischtennis-Turnier gewonnen hat (nicht im Bild).

Tischtennis

Für die motorisch weniger Begabten gibt es einen Fitnessraum. Der ist ein bisserl vollgeräumt, wurde vermutlich um 1980 mit damals sicher modernen Geräten ausgestattet und ist eher für die Hardcore-Mucki-Fraktion gedacht, aber vormittags – von der jeweiligen Spätschicht – nicht schlecht besucht. (Als dezenter Mensch habe ich nachmittags fotografiert.)

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In der Corona-WG: Tag 1

Für den Nasenabstrich fährt mir die Ärztin mit einem Staberl ziemlich weit ins linke Nasenloch hinauf, echt unangenehm, aber weniger schlimm als befürchtet. In 24 Stunden soll das Testergebnis da sein. Aber wir ziehen jetzt schon ein. Wenn wer positiv ist, muss er morgen eben wieder raus aus unserer Corona-WG am Küniglberg. Bis dahin gilt es, voneinander maximal Abstand zu halten.

Rund 30 ORF-Mitarbeiter*innen sind hier Dienstag Abend eingezogen: Regie, Kameraleute, CvDs, Grafik, Moderator*innen, Maske, Sendeleitung – wen man eben braucht, um die Info-Sendungen von der ZiB um 13h00 bis zur ZiB2 im abgeriegelten Newsroom zu produzieren. Wir haben den zweiten Stock für uns, den darf sonst niemand betreten. Der Rest des ZiB-Teams – Redakteur*innen, Reporter*innen, Dispo und Administration – sitzt im ersten Stock oder in Außenstudios über Wien verteilt und darf zuhause schlafen.

Ich habe Glück, ich habe auch im corona-freien Leben ein Büro in der Chefredaktion gegenüber vom Newsroom, in dem seit heute eben auch ein Bett steht. Es ist etwa 25 cm hoch und 80 breit, die Matratze muss ein überzogenes Brett sein und die Bettwäsche dürfte eine Firma dem ORF aus ihren unverkäuflichen Lagerbeständen überlassen haben. Sagen wir so: Der Mustermix ist mutig. Andererseits: Sieht ja keiner außer mir.

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„Ich unterbreche Sie ungern, aber…“

Auf Social Media kursiert eine ganz aufgeregte Zählung eines paranoiden Wir-hassen-diesen-linksgrün-versifften-Rotfunk-Blogs, wonach ich die Studiogäste in der ZiB2 ganz unterschiedlich häufig unterbrechen würde, was ganz arg parteiisch von mir wäre. Und was soll ich sagen? Die haben recht. Mit dem ersten Teil – mit dem zweiten natürlich nicht.

Ich unterbreche Gäste tatsächlich unterschiedlich oft. Und ich erkläre auch sehr gerne, warum.

Punkt 1: Ich unterbreche wirklich ungern, weil ich weiß, dass viele Zuseher*innen das unhöflich finden, wie Tweets und Mails nach vielen Interviews zeigen (Ich habe auf das untenstehende Tweet auch geantwortet – und die Entwicklung dieser Unterhaltung wurde sehr interessant, einfach draufklicken).


Tweet zu Unterbrechungen mit Link


Aber: Die ZiB2-Studiogäste werden zu einem Interview eingeladen, über das Mark Twain mal so schön geschrieben hat: „Üblicherweise besteht es aus dem Interviewer, der Fragen stellt, und dem Interviewten, der sie beantwortet.“
Man beachte bei Fragen die Mehrzahl.

Interviews sind keine Vorträge, Lesungen, Wahlreden oder Pressekonferenzen. Sie unterliegen bestimmten Regeln und sie sind zeitlich begrenzt, in der ZiB2 meist auf 6 bis 8 Minuten. Das wissen die Gäste natürlich – und sie kommen freiwillig. Ich unterbreche sie aber nur dann, wenn sie:

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On the record – Off the record

Dieser Tage sorgt ein „Hintergrundgespräch“ von Bundeskanzler Kurz für ziemliche Aufregung, in dem dieser – für seine Verhältnisse untypisch emotional und heftig – die Wiener Korruptions-Staatsanwaltschaft angegriffen hat. Warum man das weiß? Weil der FALTER diese Woche über diese Kritik berichtet hat.

Das ist sehr ungewöhnlich, weil „Hintergrundgespräche“ an sich dafür da sind, damit nicht darüber berichtet wird, wer dort was gesagt hat. Der FALTER hat in diesem Fall keine „Spielregeln“ gebrochen (mehr dazu später) – doch seither wird auch grundsätzlich über solche Hintergrund– oder off the record-Gespräche diskutiert.

Was ist das genau, wozu gibt es sie überhaupt und ist das nicht eine fragwürdige Kungelei zwischen Politik und Medien?

Tatsächlich ist es völlig normal, dass sich Journalist*innen mit Menschen treffen, die ihnen – auch vertraulich – Informationen weitergeben. Das ist ein wesentlicher Teil unserer Berufs. Wir tippen nicht nur Pressekonferenzen, Parlamentssitzungen oder öffentliche Dokumente ab, sondern reden auch mit Informant*innen. Diese wollen aber häufig anonym bleiben, weil sie Nachteile befürchten, wenn bekannt wird, dass sie Medien etwas aus ihrer Partei, ihrer Firma oder ihrer Behörde erzählt haben.

(DEEP) BACKGROUND

Das Ungewöhnliche ist, wie das in Österreich gehandhabt wird – v.a. im Vergleich zu anderen Ländern. Es gibt nämlich so gut wie keine Regeln, was Hintergrund in Österreich genau bedeutet.

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Der schnelle Geri

Gestern Abend wurde Gerold Riedmann, der Chefredakteur der Vorarlberger Nachrichten und Geschäftsführer von Russmedia als österreichischer „Medienmanager des Jahres“ ausgezeichnet (neben vielen tollen Journalist*innen und dem ORF als „Redaktion des Jahres“ – mehr dazu hier, Fotos von der Veranstaltung hier). Ich durfte die Laudatio für ihn halten:


Soweit ich das sehe, ist Gerold Riedmann – mit Ausnahme von Eva Dichand im Jahr 2005 – der bisher jüngste „Medienmanager des Jahres“. Und trotzdem müsste man fragen: Warum eigentlich erst jetzt?

Man hätte ihn genausogut schon letztes Jahr auszeichnen können oder vorletztes, oder auch vor 31.

Im Herbst 1988 hat Gerold Riedmann sein erstes Medium gegründet. Er war damals elf. Das Internet hatte er damals noch nicht erfunden, also musste er ganz klassisch im Print-Bereich beginnen. Das Magazin hieß GERI. (Wie sagt Robert Hochner: Das Archiv ist die Rache des Laudators am Geehrten.)

Titelbild GERI-Magazin 1988

GERI war, muss man sagen, ja eine durchaus selbstbewusste Titel-Entscheidung. Ich mein, nichtmal Wolfgang Fellner hatte die Nerven, den „Rennbahn-Express“ WOLFI zu nennen.

Beim GERI-Magazin war der Geri Riedmann Chefredakteur, Geschäftsführer, Stratege, Vertriebler und Marketing-Mann – also ziemlich genau das, was er heute auch noch ist. Die Auflage war damals noch etwas geringer: 15 Stück steht im Impressum.

Aber nicht nur die Titelwahl war selbstbewusst, auf Seite 2 kann man auch die Warnung zu lesen: „Achtung: Wer einen Fehler findet, darf ihn behalten“.  Drei Rufzeichen.

Was ein bisserl keck war – direkt unter einem Artikel, in dem das schöne Gemüse Aubergine vorkommt. Im GERI wurde Aubergine allerdings so geschrieben wie Kellner und Gleis – also „Oberschiene“. So einen Fehler behält man natürlich gerne.

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„Berührungspunkte mit dem Nationalsozialismus“

Die Weihnachtsfeiertage habe ich diesmal damit verbracht, den Historikerbericht der FPÖ zu lesen. 668 Seiten, die – ziemlich überraschend – am 23. Dezember, dem Fenstertag vor Weihnachten, veröffentlicht wurden.

An so einem Tag ist nicht nur das halbe Land bereits in den Weihnachtsferien sondern auch ein Großteil der Journalist*innen und der Historiker*innen an den Unis. Und es erscheinen an den Feiertagen kaum Zeitungen. Dementsprechend gab es bisher noch keine ausführliche Rezension des Berichts. Ich musste ihn für ein ZiB2-Interview mit Andreas Mölzer am 27. Dezember aber ohnehin lesen – und fand ihn in vielerlei Hinsicht erstaunlich.

Entstanden ist die FPÖ-Historikerkommission ja aus der Debatte rund um ein Liederbuch der schlagenden Burschenschaft Germania Anfang 2018, wenige Wochen nach dem Regierungseintritt der FPÖ. Damals regte Parteichef Strache in einer Presseaussendung an, „dass sich die Korporationen und das Dritte Lager einer Aufarbeitung der Vergangenheit widmen. Dies könne durch eine Historikerkommission erfolgen, die sich schonungslos mit den Fehlern der eigenen Vergangenheit auseinandersetzen solle.“

Den Vorsitz der Kommission übernahm der Rechtshistoriker und ehemalige FPÖ-Abgeordnete Wilhelm Brauneder. Zusätzlich wurde eine „Koordinierungsgruppe“ aus früheren FPÖ-Politikern eingesetzt, die Andreas Mölzer leitete und deren Sinn nie wirklich erklärt wurde. Noch im Lauf des „Gedenkjahres“ 2018 sollten Ergebnisse vorliegen, tatsächlich wurde ein erster kurzer Zwischenbericht im Sommer 2019 von allen einschlägigen Expert*innen in Grund und Boden kritisiert. Jetzt liegt also der Endbericht (PDF) vor. Zur Präsentation wurde übrigens weder der Kommissions-Vorsitzende eingeladen noch die anderen Autoren, die den Bericht auch Tage später noch nicht bekommen hatten, wie Brauneder der ZiB2 erzählt hat.

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Armin Wolf ist Journalist und TV-Moderator. Sein Blog befasst sich v.a. mit Medien und Politik.

Armin Wolf