Wie werden TV-Quoten gemessen?

Obwohl sie ungewöhnlich spät war, haben gestern abend 1,24 Millionen Österreicher ZiB2 geschaut – es war eine der meistgesehenen Sendungen, die wir je hatten. Das lag (hoffentlich) an unserer Sendung, aber gestern auch ganz wesentlich am Vorprogramm: Im Schnitt 1,45 Millionen haben die Opernball-Eröffnung verfolgt – und viele von ihnen sind dann zur ZiB2 (mit der traurigen Nachricht über den Tod von Ministerin Oberhauser) noch geblieben. Aber immer wieder werde ich in Diskussionen, per Mail oder auf Social Media gefragt: Woher wisst ihr das eigentlich, wie viele zuschauen?

Die Antwort heißt “Teletest”

In exakt 1.628 österreichischen Haushalten steht ein kleines Messgerät, das aufzeichnet, wann und auf welchem Sender der Fernseher eingeschaltet ist. Dazu gibt es eine eigene Fernbedienung, auf der jedes Haushalts-Mitglied eine eigene “Personentaste” hat (daneben gibt es noch “Gäste”-Tasten), damit nicht nur gemessen wird, ob der Fernseher läuft sondern auch, ob die Oma alleine davor sitzt, die Kinder oder die ganze Familie.

Um drei Uhr früh werden diese Daten automatisch an ein Meinungsforschungs-Institut geschickt und minutengenau mit den Sendeprotokollen des ORF (und der anderen TV-Sender, die am Teletest teilnehmen) verknüpft. Und gegen neun Uhr früh bekommen wir für jede Sendung ein exaktes Protokoll, wann wieviele Zuschauer dabei waren, wo sie wohnen, wie alt sie sind und welche Ausbildung sie haben. (Die Quotenkurve für die gestrige ZiB2 und die jeweiligen Beiträge ist am Foto oben zu sehen.)

Wer wird da “getestet”?

Der Teletest weiß das, weil die 1.628 Test-Haushalte mit ihren 3.556 Bewohnern repräsentativ für die österreichische TV-Bevölkerung (in den 3,69 Mio Haushalten mit Fernseher) ausgesucht werden. Wer sich je mit Statistik oder Meinungsumfragen befasst hat, weiß, dass ein Sample von fast 3.600 Befragten ungewöhnlich groß ist (seriöse Meinungsumfragen haben ein 1.000er-Sample, weniger seriöse auch 4 bis 500) und nur mehr kleine Schwankungsbreiten zulässt.

Außerdem ist der Teletest keine Befragung sondern eine Messung. D.h. es gibt keine “sozial erwünschten Antworten”, bei denen plötzlich unglaublich viele Menschen ausschließlich Polit-Dokus und Opern-Übertragungen auf Arte, 3sat oder ORFIII schauen. Das Messgerät zeichnet unbestechlich auf, ob die ZiB2 läuft oder das Dschungelcamp.

Wann am Tag die verschiedenen Altersgruppen fernsehen

Weil aber manche Testhaushalte in den ersten Tagen interessanterweise nur sehr kluge Sendungen anschauen, werden sie erst etwas später in die Auswertung aufgenommen (und alle 5-6 Jahre ausgetauscht). Man kann sich auch nicht freiwillig als Teletest-Haushalt melden, sondern wird kontaktiert (sogenannte “Selbstrekrutierer” verfälschen jedes Sample).

Wird die TVthek mitgemessen?

Der Teletest misst die Nutzung am Fernsehgerät (aufgezeichnete Sendungen könnten nachträglich eingerechnet werden), nicht aber die Online-Abrufe oder Live-Streamings via TVthek. Die Erhebungsmethoden sind nämlich nicht vergleichbar.

Die 1,24 Millionen, die wir als Zuseherzahl für die gestrige ZiB2 ausweisen, sind der Durchschnittswert über die ganze Sendung. Am Höhepunkt waren 1,29 Millionen Zuschauer dabei – gestern war allerdings eine ungewöhnlich kurze und von der “Quoten-Kurve” sehr “flache” Sendung. Oft sind die Schwankungen zwischen dem meistgesehenen Teil der Sendung und dem schwächsten deutlich größer. Eine Sendung mit einer Teletest-Reichweite von 500.000 kann während einzelner Beiträge auch kurzfristig 700.000 Seher gehabt haben, an anderen Stellen 300.000. Die “Quote” ist der Durchschnittswert.

Online wird hingegen jeder einzelne Klick in die Sendung gezählt, ob Sie in der TVthek die ganze ZiB2 anschauen oder nur einen Beitrag oder auch nur 30 Sekunden eines Beitrags. Insofern ist die Teletest-Methode ganz besonders streng. Die Medienforscher der heimischen TV-Anstalten arbeiten aber gerade an einem Verfahren, dass alle Formen des Fernseh-Konsums in einer gemeinsamen Messung zusammenführt.

Warum die Quoten wichtig sind

Der ORF ist ein öffentlich-rechtlicher Sender. Oft heißt es, wir sollten “nicht auf Quoten schauen”. Ich halte das für ein Missverständnis. Primär dient die Reichweiten-Messung natürlich dem Verkauf von Werbespots, die immer noch rund 200 Millionen Euro im ORF-Budget ausmachen. Und die Werbetreibenden wollen natürlich wissen, wieviele und welche Menschen sie mit ihren Spots erreichen.

Sehr viel Sport: Die meistgesehenen ORF-Sendungen 2016

Aber auch für uns Fernsehmacher sind die Quoten wichtig. Wir machen die ZiB2 oder andere Sendungen ja nicht für uns, sonst könnten wir Tagebuch schreiben. Wir machen sie für ein Publikum (das ja auch Gebühren bezahlt). Und es ist für uns wichtig, zu wissen, ob und welches Publikum wir erreichen. Ob wir die Themen, die wir für wichtig halten, vielleicht mehr Menschen zeigen könnten, wenn wir sie anders reihen oder anders präsentieren. Oder wie sehr das Vorprogramm auf ORF2 oder das Gegenprogramm auf ORF1 unsere Sendung beeinflusst.

Und was lernen wir daraus?

Wenn wir an einer Stelle der Sendung bemerkten, dass 100.000 Menschen plötzlich wegschalten, würden wir versuchen, zu ergründen, woran das lag: War der Beitrag so schlecht gemacht oder so uninteressant – oder hat in einem Konkurrenz-Programm irgendeine Super-Sendung begonnen? Und können wir daraus etwas lernen?

Den meisten Einfluss auf die Quote haben übrigens das Programm unmittelbar vor einer Sendung im gleichen Kanal und das Konkurrenzprogramm gleichzeitig auf anderen Sendern. Läuft vor der ZiB2 eine extrem erfolgreiche Sendung wie gestern, dann ist auch unsere Quote – trotz der späten Beginnzeit – höher als sonst. Dauert auf ORF1 der Nachtslalom von Schladming über 22 Uhr hinaus oder spielt in der CL Bayern München gegen Real Madrid, ist das für uns ganz schlecht. Und an manchen Tagen sind es natürlich besondere Ereignisse, die zusätzliche Zuschauer bringen, weil sie seriöse Informationen suchen.

Und natürlich freuen wir uns über eine hohe Quote. Weil sie bedeutet, dass wir mit der Sendung, die wir mit großem Aufwand machen, viele von den Menschen erreichen, für die wir arbeiten. Übers Jahr gerechnet schauen im Schnitt rund 600.000 Österreicher täglich die ZiB2 auf ORF2 oder 3sat, im Lauf einer Woche erreichen wir rund 1,8 Millionen verschiedene Seher (weil ja nicht jeden Tag die gleichen 600.000 dabei sind.). Damit ist die ZiB2 gemessen an ihrem Marktanteil die erfolgreichste Spätnachrichten-Sendung im deutschen Sprachraum. Vielen Dank für Ihr Interesse!

PS: Mehr Informationen zum Teletest und seinen Ergebnissen finden sie auf der Website der ORF-Medienforschung.