Wie hart darf ein Interview sein?

Ich bin ja der Überzeugung, dass Medien und Journalist*innen ihre Arbeit und ihr Handwerk heute sehr viel mehr öffentlich erklären und transparent machen müssen als früher – um das Vertrauen des Publikums zu behalten und um sich Kritik zu stellen. Das ist auch ein wesentlicher Grund für diesen Blog – auf dem ich häufig über meine Arbeit schreibe.

In den letzten Tagen kam in der Debatte um mein Interview mit Herrn Vilimsky auch die Kritik, ich würde im ZiB2-Studio grundsätzlich versuchen, meine Gesprächspartner stets „aufzublattln“ oder „aufzumachen“ oder gar zu „vernichten“. Für mich ist meine Annäherung an Interviews aber eine ganz andere.

Ich führe natürlich ganz andere Gespräche als Claudia Stöckl in „Frühstück bei mir“. In der ZiB2 sind es in der Regel kontroversielle Interviews mit politischen Akteur*innen über Politik. Es geht weniger um sie als Person und schon gar nicht um Privates. Die Interviews sind in der Regel live und mit sechs bis zehn Minuten recht kurz.

Meine Annäherung ist dabei immer die gleiche, egal, von welcher Partei ein Studiogast kommt und ob er oder sie mir privat oder politisch sympathisch oder unsympathisch sind: Ich konfrontiere sie mit Kritik, Widerspruch und Gegenargumenten zu ihrer politischen Position. Auf diese Weise sollen die Gäste ihre Politik erklären und begründen müssen – und die Zuseher*innen vor dem Fernseher entscheiden, ob sie die Argumentation überzeugend fanden oder nicht, und sie wissen nach dem Gespräch hoffentlich mehr über das Thema und auch über den Gast.

KONFRONTATION MIT KRITIK

Natürlich verlaufen die Gespräche immer anders: Zum einen sind die Themen unterschiedlich kontroversiell und natürlich kommunizieren verschiedene Politiker*innen auch ganz verschieden. Die einen versuchen halbwegs, auf die Fragen einzugehen, andere weichen grundsätzlich eher aus, manche attackieren den Interviewer, viele antworten – mit voller Absicht – sehr viel länger als in einem kurzen TV-Interview vorgesehen ist. Sie wissen, ich kann dann weniger (potentiell unangenehme) Fragen stellen oder ich muss sie unterbrechen, was viele Zuseher*innen geradezu hassen. Das lässt den Gast sympathischer wirken.

Ich führe die Gespräche deshalb so, weil Interviews eine der wenigen Situationen sind, die Politiker*innen und ihre PR-Leute nicht vollständig oder zumindest weitgehend inszenieren können. Man findet in Wahlreden, bei Parteitagen oder auf den Websites der Parteien sehr ausführliche Programme und Positionen – aber sehr wenige Gegenargumente dazu. Auch in Parlamentsreden gehen Abgeordnete selten auf Kritik direkt ein und auf Pressekonferenzen können Journalist*innen meist nicht mehr als ein- oder zweimal nachfragen.

Deshalb sind Interviews eines der ganz wenigen Formate, in denen Politiker*innen tatsächlich argumentieren müssen. Ich halte das – wenn es funktioniert – für sehr aufschlussreich.

Es funktioniert natürlich sehr unterschiedlich. Manche Interviews gelingen halbwegs, andere weniger. Praktisch jedes würde ich, wenn ich die Chance dazu hätte, beim zweiten Mal teilweise anders machen. (Das einzige ZiB2-Gespräch, bei dem ich nicht weiß, was ich wirklich hätte besser machen können, war dieses.)

FALSCHE ENTSCHEIDUNGEN

Während eines Live-Interview muss man in sehr kurzer Zeit sehr viele Entscheidungen treffen: Welche fünf bis sechs Fragen stelle ich überhaupt von den unzähligen denkbaren? Wie lange lass ich den Gast eine Frage nicht beantworten? Wie sehr gehe ich auf seine Antwort ein oder komme ich zu meinem Frageplan zurück? Korrigiere ich ein falsches Faktum oder war das nicht so wichtig? Wie reagiere ich auf Gegenfragen oder -angriffe? Und so weiter und so fort. Und nie sind hundert Prozent dieser Entscheidungen richtig, bei mir jedenfalls nicht.

Im Herbst 2015 habe ich ein besonders umstrittenes Interview mit Susanne Winter gemacht, der Nationalrats-Abgeordneten, die damals wegen eines antisemitischen Postings auf ihrer Facebook-Seite aus der FPÖ ausgeschlossen wurde.

Der FALTER hat mich danach zu meiner Art Interviews zu führen ausführlich – und sehr hart – befragt. Es war eine Art langes ZiB2-Gespräch, nur war ausnahmsweise ich der Gast, der mit Kritik, Gegenargumenten und Widerspruch konfrontiert wurde. Auf seiner neuen Homepage hat der FALTER dieses Interview jetzt freigeschaltet:

Screenshot mit Link


Meine damalige Replik auf die zitierte Voggenhuber-Kritik kann man hier im Blog nachlesen (gegen Ende des Textes) wie auch das besprochene Facebook-Posting zum PRESSE-Artikel über Gewalt gegen Kinder und die PROFIL-„Fatwa“. Das erwähnte erste Interview mit Irmgard Griss zum Hypo-Bericht gibts online, ebenso jenes zur Präsidentschafts-Kandidatur vom Oktober 2015 und das „Sommergespräch“ 2012 mit BZÖ-Chef Bucher. Vom legendären BBC-Interviewer Jeremy Paxman finden sich zahllose Videos auf YouTube, hier ein kleiner Zusammenschnitt.