Screenshot 3sat-Kulturzeit

„Das irre Ösi-Theater“ – eine Presseschau

Ich moderiere die ZiB2 ja schon seit fast 17 Jahren und bin doppelt so lange Journalist. Es waren auch schon gelegentlich Politiker über Interviews mit mir einigermaßen empört (Pröll, Faymann, Stronach, Voggenhuber u.a.) – aber die letzten Tage waren trotzdem ganz anders. Noch nie habe ich auch nur annähernd so viele Reaktionen von Zuseher*innen bekommen, es waren seit dem Gespräch mit Herrn Vilimsky mehrere tausend. Und noch nie waren sie derart einhellig positiv.

Auch das Medienecho ist enorm wie nie. Vor allem in Deutschland haben die Attacken der FPÖ enorme Wellen geschlagen, auch noch Tage nach dem Interview selbst. Ausgelöst hat das möglicherweise SPIEGEL.DE, das in Deutschland sehr viele Journalist*innen als Browser-Startseite haben. Montag früh war dort ein sehr ausführlicher Bericht von Österreich-Korrespondent Hasnain Kazim stundenlang der „Aufmacher“, unter dem etwas dramatischen Titel „Der wahre Löwe ist der Wolf“.

DIE GRENZEN DER FPÖ

Dem folgten fast im Stundentakt andere große Medien. In der WELT sah Chefredakteur Ulf Poschardt in seinem Leitartikel „Die FPÖ auf dünnem demokratischen Pappmaschee“ (Paywall, man kann den Kommentar allerdings in einem Podcast anhören). Später brachte die WELT noch ein ausführliches Erklärstück von Ex-PROFIL-Mann Manfred Klimek („Der ORF-Streit nervt Sebastian Kurz und macht ihm Sorgen“, offen online) und ein erstes Interview mit mir („Die Attacken sind keine Frage von links und rechts“, Paywall).

In der FAZ schrieb Wien-Korrespondent Stephan Löwenstein: „Die Jagd auf Armin Wolf geht weiter“, im HANDELSBLATT erklärte Medien-Kolumnist Hans-Peter Siebenhaar „Warum Österreichs Rechtspopulisten ORF-Journalist Armin Wolf attackieren“ und in einem Kommentar der SÜDDEUTSCHEN kam Exil-Österreicherin Leila Al-Serori zum Schluss: „Für die FPÖ gibt es kaum mehr Grenzen“. Die SZ brachte online noch ein ausführliches Interview mit ORF-Redakteurssprecher Dieter Bornemann: „Die persönlichen Angriffe werden immer heftiger.“

DER RAT DES BIOGRAFEN

Man weiß von Bundeskanzler Kurz, dass ihm sein internationales Image viel bedeutet und dass ihm die Berichterstattung großer ausländischer Medien oft wichtiger ist als die Kommentare österreichischer Journalist*innen. Umso unangenehmer müssen zwei Texte der BILD für ihn gewesen sein. Unter dem schmissigen Titel „Das irre Ösi-Theater“ analysiert Paul Ronzheimer woran es dieser Tage in der türkis-blauen Koalition hakt. Doch Ronzheimer ist nicht nur Chefreporter von BILD, sondern auch Autor einer Sebastian-Kurz-Biografie und vom Kanzler durchaus geschätzt.

Nun erklärt ihm ausgerechnet sein Biograf in der größten Zeitung Deutschlands: „Kurz braucht einen Plan B“. (Und das nur einen Tag, nachdem in der größten Zeitung Österreichs Leitartikler Claus Pandi konstatiert hatte: „Die Freiheitlichen sind nicht regierungsfähig. Das gilt … nun als hinlänglich bewiesen.“) In der ZiB2 vom Dienstag habe ich Sebastian Kurz im Studio darauf angesprochen, er versicherte allerdings, die Koalition mit der FPÖ werde bis 2022 halten.

DER ÄRGER DES KANZLERS

Auf einer Pressekonferenz der Regierungsspitze tags darauf war der Konflikt FPÖ-ORF das zentrale Thema. FPÖ-Chef Strache versuchte zu kalmieren, aber der Bundeskanzler machte wenig Hehl aus seinem Ärger, dass er vor zahlreichen deutschen Journalist*innen eine Selbstverständlichkeit betonen musste: „Kurz lehnt ‚Drohungen gegen Journalisten‘ ab“.

Noch mehr ärgerte sich der imagebewusste Regierungschef dann wohl über die ziemlich kritischen Berichte in den ZDF-Hauptnachrichten HEUTE und in den angesehenen ARD-TAGESTHEMEN (ab 14.50 min), die zusätzlich noch einen harschen Kommentar zur Pressefreiheit in Österreich sendeten. Die TAGESSCHAU hat ihr Interview mit mir in einer ausführlicheren Version auch auf YouTube gestellt:

Und schließlich hat mich noch die 3sat-KULTURZEIT in einem längeren Schaltgespräch befragt. Und Gabor Steingart für seinen Podcast – unter dem doch etwas martialischen Titel: „Staatsfeind Nummer 1“.

Eine sehr ausführliche Analyse des Wiener Journalisten Christian Bartlau bringt ZEIT.DE: „Er wird dann wohl Taten sprechen lassen“ bezieht sich auf Sebastian Kurz und seine Medienpolitik. In der Printausgabe steuert Österreich-Redaktionsleiter Joachim Riedl ein langes Porträt von mir bei, das er etwas übertrieben mit „Die Rolle seines Lebens“ überschreibt. Und in der TAZ überlegt Kolumnistin Jagoda Marinić am Beispiel des Vilimsky-Interviews, wie Journalist*innen im Diskurs mit Rechten die „Kontrolle zurückgewinnen“ können.

DIE LANGEWEILE DER SCHWEIZ

Wahrgenommen wird die Kontroverse auch in der Schweiz. In der NZZ beurteilt die scheidende Wien-Korrespondentin Meret Baumann den Konflikt anders als ihr Kollege vom Medienressort und analysiert die innenpolitischen Folgen: „‚Nicht regierungsfähig‘ – die FPÖ setzt Österreichs Koalition einer Belastungsprobe aus“. In der WOZ schreibt die Österreicherin Franziska Tschinderle über die Auswirkungen der FPÖ-Attacken auf die Pressefreiheit in Österreich. Und das Online-Magazin REPUBLIK hat mir einen Preis für „spannende Langeweile“ verliehen (herzlichen Dank!).

Ähnlich gefreut habe ich mich über ein kurzes FALTER-Interview mit Journalismus-Legende Hugo Portisch, der ja so etwas wie der Erfinder des unabhängigen ORF ist und mich mit dem freundlichen Satz beschreibt: „Mit Wolf gibt es keine Message Control“.

Und schließlich kamen in den letzten Tagen noch etliche internationale Solidaritäts-Adressen u.a. von REPORTER OHNE GRENZEN, dem INTERNATIONAL PRESS INSTITUTE und dem COMITEE TO PROTECT JOURNALISTS. Das fand ich wirklich nett von den Kolleg*innen, kann aber sagen: Keine Sorge, mir geht es gut, ich bin fröhlich.

Mein größtes Problem derzeit ist, dass ich es einfach nicht schaffe, allen, die mir in den letzten Tagen geschrieben haben, persönlich zu antworten. Falls auch Sie darunter waren: Fühlen Sie sich hiermit sehr herzlich bedankt!


NACHTRAG vom 3. Mai: Zum „Tag der Pressefreiheit“ sind heute noch einige Artikel bzw. Interviews erschienen. So hat PHOENIX mit mir am Nachmittag dieses Schaltgespräch geführt:

Das ZDF hat mich für sein MITTAGSMAGAZIN live befragt (online gibt es Video und Transkript) und einen 22 min-Film zum Thema „Wenn Rechtspopulisten mitregieren“ online gestellt. Ein ähnliches Online-Special der TAGESSCHAU nennt sich „Populisten gegen Journalisten“ und die SÜDDEUTSCHE hat dazu heute einen sehr grundsätzlichen Leitartikel: „Strategie der gezielten Erniedrigung“.

Und Freitag Abend hat THE NATION, das älteste politische Magazin der USA, diesen lesenswerten Text veröffentlicht: „Austria’s Far Right, Now in Power, Wants to Hobble Critical Media“.


NACHTRAG vom 7. Mai: Übers Wochenende gab es nochmal ein paar Berichte, die ich hier schnell verlinke. Der lesenswerte Blog SALONKOLUMNISTEN hat einen klugen Text zum Thema Interviews gebracht, der mit einem der originellsten Interview-Einstiege beginnt, die ich kenne. Und die FAZ rät in einem Kommentar Politiker*innen: „Niemand muss Angst vor Nachrichtenmoderatoren haben.“ Der SPIEGEL hat nochmal einen grundsätzlichen Kommentar zum Thema Pressefreiheit: „Dies ist keine Sonntagsrede“. Und in der BERLINER MORGENPOST schreibt der langjährige Wien-Korrespondent des ZDF Klaus Prömpers über ein „Hohes Gut, niedere Angriffe“.

In der schottischen Tageszeitung THE NATIONAL findet mein ehemaliger Blue Danube Radio-Kollege (und spätere schottische Politiker) Angus Robertson sehr freundliche Worte über meine Arbeit. Und schließlich ist die Debatte der letzten Tage auch bis nach Indien gelangt, in die zweitgrößte Tageszeitung des Landes, THE HINDU: „The smear campaign against Armin Wolf“.

Zum Abschluss noch zwei Interviews. Dem Schweizer Medienportal PERSOENLICH habe ich erklärt, warum die Debatte der letzten Tage letztlich der Medienfreiheit in Österreich nützen könnte. Und das renommierte ARD-Medienmagazin ZAPP hat für die Sendung dieser Woche in Wien gedreht und aus einem  ausführlichen Interview mit mir knapp 13 Minuten auf YouTube gestellt, in denen ich die Diskussion der letzten Tage nocheinmal bilanziere:

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Armin Wolf