Buchcover

Die Konterrevolution der Zornigen

Von all den Büchern, die ich in den letzten Jahren über Populismus gelesen habe, ist dieses das lohnendste. Die deutsche Soziologin Cornelia Koppetsch (TU Darmstadt) sieht den Aufstieg der Rechtspopulisten in Europa und den USA als „Konterrevolution“ gegen die Folgen der Globalisierung seit 1989 – als „kollektiven, emotionalen Reflex“ auf einen „noch unbewältigten epochalen Umbruch“. Das ist ihre grundsätzliche These. Was ihr Buch aber vor allem spannend macht, ist die Differenziertheit und Tiefe der Analyse und wie sie aus verschiedenen soziologischen Perspektiven hergeleitet wird.

GEWINNER UND VERLIERER

Die Globalisierung führte laut Koppetsch zur Herausbildung einer postnationalen, akademisch gebildeten, urbanen professionellen Klasse von Kreativ- und Wissensarbeitern. Deren kosmopolitischen, ökologisch-bewussten, gesellschaftlich-liberalen Lebensstil hat der amerikanische Journalist David Brooks schon vor knapp zwanzig Jahren präzise beschrieben – in seinem globalen Bestseller „Bobos in Paradise“. Gute Ausbildung, Sprachkenntnisse und „global einsetzbares kulturelles Kapital“ machen das „postindustrielle Bürgertum“ der bourgeoisen Bohemiens zu den Gewinnern der wirtschaftlichen Liberalisierung und Globalisierung.

Dem gegenüber stehen jene Bevölkerungsgruppen, die ökonomische, soziale und/oder kulturelle Deklassierungen und Kontrollverluste erleben oder befürchten (müssen): Facharbeiter, deren Arbeitsplätze ins Ausland verlagert und durch gering bezahlte Servicejobs ersetzt werden; eine Landbevölkerung, deren Wohngebiete durch Abwanderung und die Schließung von Schulen, Arztpraxen, Postämtern und Geschäften veröden; Bildungsbürger, deren Qualifikationen nicht international konkurrenzfähig sind; Konservative, deren traditionelles Weltbild in kosmopolitischen Milieus nicht mehr anschlussfähig scheint.

AUFSTAND DER ETABLIERTEN

Deswegen – so Koppetsch – sind rechtspopulistische Bewegungen nicht nur für sogenannte „Modernisierungsverlierer“ und ökonomisch benachteiligte Schichten attraktiv, sondern auch für an sich privilegierte Gruppen, die um ihren bisherigen Status und ihre „Selbstgewissheit“ fürchten. Es handle sich auch um einen „Aufstand der Etablierten, die sich als bedrohte Mehrheiten betrachten und ihre Kultur und Lebensweise als gefährdet wahrnehmen“.

Diese Ängste seien großteils keineswegs irrational, meint die Autorin. Die völlige Unterordnung von Wirtschaft, Verwaltung, Wissenschaft und Kulturproduktion unter Marktzwänge und die globale Öffnung von Grenzen führten tatsächlich dazu, dass immer mehr Menschen ökonomisch nicht mehr konkurrenzfähig sind. Entweder fehlten ihnen nötige Qualifikationen oder ihre Arbeitsleistung werde im Ausland oder durch Migranten billiger angeboten. Kulturell habe der politisch korrekte, aufgeschlossen-liberale, gesundheitsbewusste, kosmopolitische Lebensstil der neuen akademischen Mittel- und Oberschicht tatsächlich die Vorherrschaft im öffentlichen Diskurs übernommen. Und politisch würde die zunehmende Verlagerung von Entscheidungen auf Expertengremien und transnationale Organisationen zu Kontrollverlusten vertrauter, lokal gewählter Institutionen führen.

GEMEINSCHAFT DES ZORNS

Die Strategie der Rechtspopulisten sei es nun, diese Ängste als Ressentiments zu aktivieren, als „kollektives Bewusstsein der Benachteiligung“ – und so „ein Bündnis der Betrogenen“ zu errichten, dessen gemeinschaftlicher Zorn sich gegen das Establishment und gegen Migranten richtet. Das äußere sich in der Berufung auf eine nationale „Volksgemeinschaft“, in rassistisch grundierter Islamkritik und offener Fremdenfeindlichkeit ebenso wie in der Häme gegen „Genderwahn“ und Political Correctness.

Das Schlüsselnarrativ, das die unterschiedlichen Wählergruppen der Populisten verbinde, sei jedoch die Ablehnung von Zuwanderern, denn: „Die Sozialfigur des Migranten vereinigt in sich wie keine andere Figur grenzüberschreitende Mobilität, kulturelle Fremdheit, identitäre Hybridität und transnationale Verflechtungen“. All das also, was „zurückfallende Gruppen“ als bedrohlich empfinden.

Weil der gesellschaftliche Aufstieg in die hochqualifizierte „neue Elite“ immer schwieriger werde, komme es (angelehnt an Norbert Elias) auch zu einer „De-Zivilisierung“, die sich in Beschimpfungen, Hetzkampagnen oder Gewaltausbrüchen zeige – oder im Ruf nach autoritärer Führung, nach einem „starken Mann“.

Das häufig genannte Rezept „Aufklärung“ werde dagegen nur wenig ausrichten, meint Koppetsch, weil es ignoriere, dass es für den Frust vieler Anhänger von populistischen Bewegungen reale Ursachen gibt. Tatsächliche Abstiegserfahrungen oder Verlustängste würden durch mehr „Aufklärung“ nicht verschwinden. Für viele Wähler seien die neuen Populisten aber auch deshalb attraktiv, weil das Spitzenpersonal der etablierten Parteien und Verbände mittlerweile genau jenem akademisch-kosmopolitischen Milieu angehöre, von dem sie sich nicht (mehr) vertreten fühlen.

DIE ABSCHOTTUNG DER WELTOFFENEN

Überhaupt geht die Autorin mit der „neuen Elite“, der sie soziostrukturell ja auch selbst angehört, hart ins Gericht. Deren angebliche Weltoffenheit und Liberalität werde in ihrer Lebenswirklichkeit keineswegs eingelöst. Während sich die Anhänger der Rechtspopulisten durch ihre Ablehnung von Zuwanderung nach außen abgrenzen, würden sich die Kosmopoliten mindestens genauso scharf nach unten abschotten. Migranten würden sie in ihrem Alltag nur als ebenbürtige, hochqualifizierte Expats erleben oder als Servicepersonal bzw. als hilfsbedürftige Flüchtlinge. Jedenfalls aber nicht als Konkurrenz um Jobs, Wohnraum, Schulplätze oder Sozialleistungen.

Auch die neue Elite würde „Mauern“ errichten – „ein hochgradig effektives Grenzregime“ – indem sie in hochpreisigen, gentrifizierten Stadtvierteln wohnt, ihre Kinder in Privatschulen und an internationale Unis schickt und einen kulturell avancierten Habitus pflegt, der traditionellere Lebensstile als provinziell oder reaktionär abwertet.

UND DIE LÖSUNG?

Der kritische Blick auf das eigene Milieu macht dieses extrem dichte Buch ebenso spannend wie die Wortmächtigkeit und die Belesenheit der Autorin, die ihre Thesen mit zahllosen Bezügen auf die theoretische Literatur der letzten dreißig Jahre und aktuelle empirische Untersuchungen fundiert.

Schade ist, dass Cornelia Koppetsch sich in der konkreten Analyse fast ausschließlich auf die AfD bezieht (und gelegentlich noch auf Donald Trump), während andere, erfolgreichere rechtspopulistische Bewegungen in Europa wie der Front National, die italienische Lega, die skandinavischen Populisten oder die FPÖ praktisch nicht vorkommen.

Am meisten vermisst man neben der brillanten Diagnose jedoch einen Ansatz zur Therapie. Koppetsch erklärt überzeugend, warum der Erfolg rechtspopulistischer Bewegungen reale ökonomische und gesellschaftliche Ursachen hat und nicht nur in einer irrationalen Verirrung ihrer Wähler liegt. Das „Lösungsangebot“ der Populisten – die Wiederherstellung einer angeblich „guten alten Zeit“ mit ihren vertrauten Spielregeln und ohne „Fremde(s)“ – ist offensichtlich wirklichkeitsfremd. Daran lässt die Autorin keinen Zweifel.

Doch wie sollen wir als Gesellschaft mit den realen Problemen und berechtigten Ängsten, die sie so eloquent beschreibt, jenseits populistischer Zorn-Bewirtschaftung umgehen? Darauf gibt das Buch leider keine Antwort. Allerdings sehr viele andere.
Eine Empfehlung!