Alfred Payrleitner moderiert die ORF-Sendung "Horizonte"

Was wir besser machen könnten

Gestern Abend durfte ich auf Einladung von Prof. Volker Lilienthal und der Augstein-Stiftung an der Uni Hamburg einen Vortrag halten – im Rahmen einer Ringvorlesung zum 100. Geburtstag des SPIEGEL-Gründers Rudolf Augstein. Mein Thema lautete: „Warum öffentlich-rechtliche Medien nie wichtiger waren – und was wir besser machen könnten“.
Hier mein Text, der in einer etwas gekürzten Version auch in einem Sammelband zur Vorlesungsreihe erscheinen wird, zum Nachlesen:


Ich möchte Ihnen Celina Blogsta vorstellen. Celina wurde im Oktober 1999 in Haslau an der Donau geboren, einem Dorf östlich von Wien, in dem 995 Menschen leben. Im Mai 2014, als sie 14 Jahre alt war, lud Celina ihr erstes Video auf YouTube hoch.

Alle paar Tage erzählte sie dann unter dem selbstgewählten Namen „Celina Blogsta“ in kurzen Filmen aus ihrem Kinderzimmer von ihrem Leben, erklärte „Was Mädchen tun, wenn sie verliebt sind“, zeigte sich beim Schminken und präsentierte ihre Outfits. YouTube war damals ihr Hauptkanal, aber Celina betrieb auch Accounts auf Facebook und dem noch jungen Instagram. Nach knapp zwei Jahren, im Februar 2016, postete die Schülerin auf allen ihren Kanälen: Liebe Fans, wenn ihr ein Selfie mit mir möchtet, kommt doch nächsten Samstag um 14h00 auf den Stephansplatz in Wien.

Ich weiß nicht, ob Sie den Wiener Stephansplatz kennen – Sie können ihn sich etwa so vorstellen wie den Rathausmarkt hier in Hamburg. Am Samstag um 14h10 musste die Wiener Polizei den Stephansplatz absperren. Es waren so viele Teenager gekommen, um sich mit Celina Blogsta fotografieren zu lassen, dass es Verletzte gab und Fiaker-Kutschen in der Menge stecken blieben. Um ein Foto mit einer 16jährigen aus Haslau an der Donau zu machen, die in ihrem Kinderzimmer aus ihrem Leben erzählte.

Irgendwann hatte Celina Blogsta auf YouTube gut 200.000 Fans, auf Instagram mehr als 300.000 und auf dem TikTok-Vorläufer Musical.ly fast 600.000 – zusammen also knapp eine Million. In einem Land mit einer Bevölkerung von neun Millionen. Sie können die Zahl der Fans also für Deutschland etwa mit zehn multiplizieren. Als sie 17 war und noch bei ihren Eltern lebte, hatte Celina sehr viel mehr Abonnent·innen als die meisten traditionellen Medien in Österreich und konnte von ihren Social Media-Auftritten leben.

JEDE·R KANN EIN MEDIUM SEIN

Gut 50 Jahre vorher, am 5. März 1965, erschien im SPIEGEL ein Leserbrief des ehemaligen FAZ-Herausgebers Paul Sethe, eines der führenden konservativen Journalisten in Nachkriegs-Deutschland. In diesem langen Leserbrief stand ein bis heute berühmter Satz: „Pressefreiheit ist die Freiheit von zweihundert reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten.“ Begründet hat Paul Sethe diese Behauptung so: „Da … die Herstellung von Zeitungen und Zeitschriften immer größeres Kapital erfordert, wird der Kreis der Personen, die Presseorgane herausgeben können, immer kleiner.“

Und tatsächlich waren die sogenannten barriers of entry, wie das die Betriebswirtschaft nennt, also die Eintrittshürden in den Medienmarkt damals enorm. Um eine Tageszeitung oder eine Zeitschrift zu gründen, brauchte man sehr viel Geld: Eine Redaktion war zu bezahlen, Büros, eine Druckerei und der teure Vertrieb. Einen Radio- oder Fernsehsender konnte man gar nicht gründen, dafür gab es 1965 noch fast zwei Jahrzehnte lang ein staatliches Monopol.

„Pressefreiheit ist die Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten“ war sehr, sehr lange ein zugespitzter, aber grundsätzlich sehr wahrer Satz über die Medienbranche. Und kein Satz könnte heute falscher sein.

Heute kann jede 16jährige Schülerin mit ihrem Smartphone und einem Datenvertrag um ein paar Euro monatlich in ihrem Kinderzimmer ein Massenmedium gründen, das – gut gemacht – ein Millionenpublikum erreichen kann. Ich muss ihnen die Reichweiten erfolgreicher Influencer·innen auf Insta, YouTube oder TikTok nicht aufzählen. Ökonomische Eintrittsbarrieren existieren heute nicht mehr, technische auch nicht und die regulatorischen Vorgaben sind dramatisch großzügiger geworden. Für eine terrestrische Radio- oder Fernsehfrequenz brauchen Sie noch immer eine Lizenz, aber im Internet ist Ihr Kanal binnen weniger Stunden sendebereit.

DIE ANFÄNGE

Öffentlich-rechtliche Rundfunksender wurden in jener Zeit gegründet, die Paul Sethe beschrieben hat. Damals gab es schlicht zu wenige Frequenzen, über die man das ganze Land mit Radio und Fernsehen versorgen konnte. Und so wurde damals in den meisten westeuropäischen Staaten die Entscheidung getroffen, diese wenigen Frequenzen nicht Privatleuten oder Konzernen zu überlassen, um damit sehr einflussreich und sehr reich zu werden, sondern sie der Öffentlichkeit zu übergeben.

Allerdings nicht in Form staatlicher Sender. Mit dem Missbrauch des Rundfunks als staatliches Propagandaorgan hatte man gerade in Deutschland keine guten Erfahrungen gemacht. Also wurden die Radiosender in der neuen demokratischen Bundesrepublik nach dem Vorbild der britischen BBC organisiert, allen voran hier in Hamburg der Nordwestdeutsche Rundfunk durch den Besatzungsoffizier, Journalisten und späteren BBC-Generaldirektor Hugh Greene. Ausdrückliches Ziel war es „die Unabhängigkeit der Anstalten vom Staat und ihre politische Neutralität zu sichern“, wie in in der berühmten Ersten Rundfunk-Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts nachzulesen ist.

Die BBC war übrigens ursprünglich gar kein öffentlich-rechtlicher Sender, sondern 1922 als British Broadcasting Company gegründet worden, also als kommerzielles Unternehmen – von sechs Elektrogeräteherstellern, die Programm für ihre neuartigen Radiogeräte brauchten. Erst 1927 wurde aus der Company die öffentlich-rechtliche British Broadcasting Corporation, die frei von kommerzieller Werbung und unabhängig von politischem Einfluss sein sollte. Dass dort sehr lange keine Nachrichten vor 19h00 gesendet wurden, war ein Zugeständnis an die Zeitungsverleger, die um den Absatz ihrer Abendzeitungen fürchteten.

DAS MONOPOL

Ursprünglich sind die öffentlich-rechtlichen Sender also aus einem Mangel an Kanälen entstanden. Die Zahl der Sender müsse „sowohl aus technischen Gründen als auch mit Rücksicht auf den außergewöhnlich großen finanziellen Aufwand […] verhältnismäßig klein bleiben“, heißt es im Rundfunk-Urteil von 1961. Deshalb, so das Bundesverfassungsgericht in dieser richtungweisenden Entscheidung, erfordere der Artikel 5 des Grundgesetzes „dass dieses moderne Instrument der Meinungsbildung weder dem Staat noch einer gesellschaftlichen Gruppe ausgeliefert wird“. Deshalb durfte die Bundesregierung damals auch keine Deutschland-Fernsehen-GmbH im 100%igen Eigentum der Bundesrepublik errichten. Öffentlich-rechtlicher Rundfunk darf eben genau kein Staatsfunk sein – mehr dazu noch später.

Zulässig hingegen war unter den damaligen technischen Voraussetzungen ein öffentlich-rechtliches Monopol, was dazu führte, dass die „Tagesschau“ Mitte der 1960er Jahre an jedem Abend zwei Drittel aller Haushalte erreichte, die ein Fernsehgerät besaßen. Ich weiß nicht, wie das in Deutschland war, aber während meiner Kindheit in Österreich in den 1970er und 80er Jahren galt es als absolut unhöflich, jemanden zwischen 19h30 und 19h50 anzurufen. Zu dieser Zeit lief – und läuft noch immer – die „Zeit im Bild“, die Hauptnachrichtensendung des ORF und damals hat das ganze Land um halbacht „die Nachrichten“ geschaut.

Bis Mitte der 1980er Jahre hatte die „Zeit im Bild“ in Österreich einen Marktanteil von praktisch 100 Prozent. Es gab nur zwei Fernsehsender im Land – die beiden Kanäle des ORF – und die „ZiB“ war auf beiden durchgeschaltet. Wer also um 19h30 fernsehen wollte – und nicht unmittelbar an der deutschen Grenze ARD oder ZDF empfangen konnte –, musste sich die ZiB anschauen. Oder gar nicht fernsehen.

„DRAHTLOSE BELEHRUNG“

Für die Journalist·innen des ORF ein paradiesischer Zustand. Sie konnten senden, was immer sie wollten. Niemand konnte wegzappen und niemand hat abgedreht, weil der umständlich getextete und bildlich triste Vier-Minüter in Schwarzweiß aus der Parlamentsdebatte sterbenslangweilig war. Schlechtes Fernsehen war besser als gar kein Fernsehen.

Die allerersten Radioprogramme in Deutschland wurden übrigens von einer Gesellschaft für drahtlose Belehrung und Unterhaltung hergestellt. Und so sah öffentlich-rechtlicher Rundfunk auch insgesamt ziemlich lange aus. Aber das machte nichts.

Anfang bis Mitte der 1980er Jahre wurden so viele Nachrichten konsumiert – im Fernsehen, im Radio und in Zeitungen –, wie nie zuvor oder danach. Allerdings nicht, weil die Nachrichten so viel besser gemacht waren oder das Publikum so viel mehr als heute an Information interessiert – sondern mangels Alternativen.

VON LOW CHOICE ZU HIGH CHOICE

Was dann passiert ist, nennt der Princeton-Politologe Markus Prior in seiner Studie Post-Broadcast-Democracy den Übergang von einer „Low Choice“ zu einer „High Choice“-Medienlandschaft – also von sehr wenig zu sehr viel Auswahl, durch die technologische Entwicklung, die Deregulierung des Fernsehmarktes und das Aufkommen kommerzieller Kabel- und Satellitensender. Seit damals, dem Ende der 1980er Jahre, ging der Nachrichten-Konsum in allen westlichen Mediendemokratien kontinuierlich zurück.

Für die Öffentlich-Rechtlichen war es so etwas wie die Vertreibung aus dem Paradies, aber noch immer waren es – im Vergleich zu heute – goldene Zeiten für traditionelle Medien und professionelle Journalist·innen.

Selbst 1996 konnte Niklas Luhmann noch schreiben: „Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durchdie Massenmedien“. Mittlerweile ist auch dieser viel zitierte Satz ähnlich überholt wie der drei Jahrzehnte ältere Leserbrief von Paul Sethe.

Heute ist Pressefreiheit die Freiheit von 5,3 Milliarden Menschen weltweit mit Internet-Zugang, ihre Meinung online zu verbreiten. Und was wir über die Welt, in der wir leben, zu wissen glauben, wissen wir zu einem Großteil aus sozialen Medien.

DIE REVOLUTION

Die Revolution in Medienproduktion und Medienkonsum der letzten 25 Jahre lässt sich in Dimension und Auswirkungen nur mit der Einführung des Buchdrucks vergleichen – und die ist rund 500 Jahre her. Weder das Radio noch das Fernsehen haben unseren Umgang mit Information so sehr verändert wie das Internet und soziale Medien. Radio, Fernsehen, Zeitungen und Bücher waren (und sind) traditionelle Broadcast-Medien: Wenige Produzent·innen, sehr viele Empfänger·innen, de facto kein Rückkanal, wenn man von Leserbriefen und Anrufen beim Kundendienst mal absieht.

Mit dem Netz und vor allem mit der Etablierung der sogenannten sozialen Medien hat sich das grundlegend geändert. The people formerly known as the audience – ein Begriff von Jay Rosen – sind von Empfängern (auch) zu Sendern geworden. Der 90 Jahre alte Traum von Bert Brecht in seiner Radiotheorie, einen „Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat zu verwandeln“ und „den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen“, ist wahr geworden. Aber nach gut 15 Jahren Erfahrung mit Social Media müssen wir leider feststellen: Brecht hat sich das sehr viel schöner ausgemalt, als es letztlich geworden ist.

DEREGULIERTER WAHRHEITSMARKT

Heute kann jede und jeder mitreden. Das ist in einer Demokratie natürlich grundsätzlich gut. Und Bewegungen wie #metoo oder #blacklivesmatter belegen eindrucksvoll, welche politische und gesellschaftlich konstruktive Kraft in diesem Paradigmenwechsel liegt. Unglücklicherweise haben aber nicht alle, die sich zu Wort melden, konstruktive Absichten. Und jene Konzerne, von denen die technische Infrastruktur für die allgemeine Meinungsfreiheit stammt, haben wenig Interesse daran, diese zu beschränken. Fragen Sie Elon Musk.

Der Netztheoretiker Michael Seemann hat diese Medienrevolution als „Deregulierung des Wahrheitsmarkts“ beschrieben, vergleichbar mit der Deregulierung der Finanzmärkte in den 1990er Jahren – und mit vermutlich noch viel gravierenderen Folgen. Warum?

Die Geschäftsgrundlage traditioneller Broadcast-Medien – jedenfalls der seriösen unter ihnen – ist neben Werbeflächen und Unterhaltung die Bereitstellung überprüfter faktischer Informationen. Sie haben sich dabei an allgemeine Gesetze zu halten, was Persönlichkeitsrechte und Verleumdungsdelikte angeht, und an professionelle Regeln wie den Pressekodex. Für öffentlich-rechtliche Medien wurden auch noch eigene Gesetze geschaffen wie in Deutschland der Medienstaatsvertrag. Demnach muss öffentlich-rechtliche Information umfassend, unabhängig, sachlich, wahrheitsgemäß, objektiv, unparteilich und ausgewogen sein.

FAKTEN OHNE ALTERNATIVE

In einer demokratischen Gesellschaft ist es – davon bin ich fest überzeugt – die wichtigste Aufgabe journalistischer Medien eine gemeinsame Faktenbasis bereitzustellen, die wir als Grundlage für einen sinnvollen öffentlichen Diskurs über unsere gemeinsamen Angelegenheiten brauchen. Jede produktive Diskussion wird unmöglich, wenn wir uns nicht darüber einig sind, worüber wir diskutieren wollen.

Die zentrale Aufgabe von Journalismus ist daher in der berühmten Kurzdefinition von Watergate-Legende Carl Bernstein „the best obtainable version of the truth“. Oder noch kürzer – in den Worten Rudolf Augsteins, die ja auch dieser Vorlesungsreihe ihren Titel gegeben haben: „Sagen, was ist“.

Auftritt Donald Trump. Oder genauer gesagt: Auftritt Kellyanne Conway, Medienberaterin von Donald Trump, in der NBC-Sonntags-Talkshow Meet the Press am 22. Jänner 2017, zwei Tage nach der Inauguration von Präsident Trump. Dessen Pressesprecher Sean Spicer hatte in seinem ersten Presse-Briefing behauptet, keine andere Amtseinführung hätte je ein größeres Publikum gehabt. Was falsch war – und zwar sehr falsch –, wie z.B die NEW YORK TIMES sehr schnell mit einem Vergleich von Luftaufnahmen belegt hat. Als Trumps Beraterin Conway tags darauf in Meet the Press gefragt wurde, warum Spicer in seiner Pressekonferenz etwas „nachweislich Falsches“ behaupten würde, antwortete sie mit dem legendären Satz: „Our press secretary […] gave alternative facts to that“, also: Unser Pressesekretär hat dazu alternative Fakten präsentiert. Zu seiner Ehre hat Interviewer Chuck Todd sie sofort unterbrochen – mit der nüchternen Feststellung: „Alternative Fakten sind keine Fakten. Sondern Unwahrheiten.“

NOTWENDIGER UNSINN?

Doch das hat Donald Trump und sein Team bekanntlich nicht gestört. Bis zum Ende seiner vierjährigen Amtszeit hat Trump nach der akribischen Zählung der WASHINGTON POST exakt 30.573 falsche oder irreführende Behauptungen verbreitet, 503 davon alleine am letzten Tag vor der Präsidentenwahl 2020. Über seine gesamte Amtszeit waren es im Durchschnitt 21 „alternative Fakten“ täglich, bis hin zur Lüge von der angeblich “gestohlenen Wahl”. Die grundlegende Strategie dahinter hat Trumps Berater Steve Bannon 2018 erstaunlich offen beschrieben: „Die demokratische Partei ist nicht wichtig. Die wirkliche Opposition sind die Medien. Und der richtige Umgang mit ihnen ist, ´to flood the zone with shit´“, sie also „mit Scheiße zu überschwemmen“.

Kleiner Exkurs: Es gibt davon auch eine – international etwas weniger bekannte – Wiener Variante, von der wir wissen, weil der langjährige Medienberater des ehemaligen Kanzlers Sebastian Kurz sie in seinem Buch Message Control beschrieben hat. Er erzählt da, ebenfalls erstaunlich offen, wie das Presseteam von Kurz wöchentlich sogenannte „Bullshit-Themen“ in den Medien platziert hat, um künstliche Empörungswellen zu erzeugen, vor allem auf Social Media. Die Öffentlichkeit sollte sich an polarisierenden aber tatsächlich irrelevanten politischen Vorstößen quasi abreagieren. Der interne Begriff im Kurz-Team für diese Taktik lautete SNU, kurz für „Strategisch notwendiger Unsinn“.  Ich schwöre, das ist eine wahre Geschichte.

Das mit dem Unsinn, den alternativen Fakten und dem shit ist – man muss es leider zugeben – beeindruckend effizient gelungen. Netz-Theoretiker Michael Seemann beschreibt das Ergebnis so: „Früher hatten wir ein Mediensystem, in dem wenige Akteure darum konkurrierten, den besten und schnellsten Zugang zu einer von ihnen unabhängigen, gemeinsamen Realität herzustellen. Bestenfalls die Perspektive auf diese Realität eignete sich als Differentiator. Heute haben wir ein System, das mit tausenden alternativen Wahrheiten aufwartet und das dazu passende Publikum sucht – und erzeugt.“

MASSENMEDIEN UND -HYSTERIEN

Und so leben wir heute unter Mitmenschen, die fest davon überzeugt sind, dass die globale Elite massenhaft Kinder in Kellerverließen gefangen hält, um aus ihrem Blut ein Jugendserum zu extrahieren; dass ein weltweit beispielloses Gen-Experiment mit Covid-Spritzen hunderttausende Impf-Tote produziert hat oder dass George Soros und Klaus Schwab den gezielten Austausch der europäischen Bevölkerung organisieren; zu welchem Zweck ist dabei nicht ganz klar. Und all diese ungeheuerlichen Vorgänge werden uns von den berühmten „Mainstream Medien“ verschwiegen, weil sie entweder Bill Gates über seine Stiftung kontrolliert oder der deep state oder ganz banal die Regierung.

Das könnte man als absurd abtun und als nichts wesentliches Neues, auch 100 Jahre vor der Erfindung des Internets haben Menschen schon an die „Protokolle der Weisen von Zion“ geglaubt; die „Great Moon Hoax“ der NEW YORK SUN über Lebewesen auf dem Mond ist fast 200 Jahre alt und in Diktaturen aller Zeiten wurden und werden Menschen millionenfach angelogen. Aber historisch waren Presse- und Meinungsfreiheit das Gegenrezept zu Propaganda, Mythen und Verschwörungserzählungen.

Doch das war Paul Sethes Pressefreiheit. Nicht die Pressefreiheit von 5,3 Milliarden Internet-User·innen, in der jeder Smartphone-Besitzer ein Massenmedium gründen kann – oder eine Massenhysterie produzieren.

Das führt dazu, dass – soweit man weiß – ein 50jähriger Südafrikaner und ein 30jähriger Amerikaner unter dem Pseudonym „Q Clearance Patriot“ über die Internetforen 4chan und 8chan eine völlig bizarre Verschwörungserzählung über eine globale satanistisch-kannibalistische Kinderschänder-Sekte in die Welt setzen konnten, die binnen weniger Monate unter dem Namen QAnon Millionen Anhänger gefunden hat.

Dass weder die erste Voraussage Qs – nämlich die unmittelbar bevorstehende Verhaftung von Hillary Clinton – noch irgendeine anderer der grotesken „drops“ je eingetroffen ist, hat dem globalen Erfolg der irren Geschichte erschreckenderweise nicht geschadet. Laut einer Umfrage des American Enterprise Instituts von Anfang 2021 haben damals 15 % aller Amerikaner die Behauptung geglaubt, dass Donald Trump „heimlich eine Gruppe von Kinderhändlern bekämpft, der prominente demokratische Politiker und Hollywood-Stars angehören.“ Unter Anhänger*innen der Republikaner waren es doppelt so viele. Wir reden hier über viele, viele Millionen Wählerinnen und Wähler. Und das war erst der Anfang.

WAS SAGT EIN BILD?

QAnon arbeitet mit reinen Text-Botschaften und ist dabei schon erschreckend erfolgreich. Aber Sie alle kennen die Bilder, die letztes Jahr vom Papst im Designer-Parka aufgetaucht sind oder von Angela Merkel und Barack Obama Eis lutschend am Strand, erstellt von KI-gesteuerten Bildprogrammen, die schon beeindruckend „echte“ Ergebnisse liefern. Für „gute“ Fake-Videos ist der Rechenaufwand momentan noch recht hoch, aber die Entwicklung beschleunigt sich rasant. Sie finden im Netz bereits einen Online-News-Sender, der ausschließlich mit KI-generierten Moderator*innen und Videobeiträgen arbeitet. In zwei, drei Jahren können Sie alle auf Ihren Handys ein gefälschtes Video von mir, Marietta Slomka oder Olaf Scholz erstellen, in dem wir Ihnen glaubhaft gestehen, Mitglieder dieses internationalen Kinderhändler-Rings zu sein.

Das Beunruhigende daran ist: Wir tun uns schon mit gefakten Texten schwer, aber mit gefälschten Bildern tun wir uns noch viel schwerer. Entwicklungspsychologisch sind wir darauf trainiert, was wir „mit eigenen Augen“ sehen, auch für wahr zu halten. Was ja auch sinnvoll ist: Wenn ein Säbelzahntiger aus dem Unterholz sprang, war die epistemologische Erörterung, ob es sich dabei auch um eine Halluzination oder ein Hologramm handeln könnte, nicht sehr förderlich fürs Überleben. Und obwohl wir spätestens seit der Einführung von Photoshop und Instagram-Filtern eigentlich alle wissen, was man mit Bildern anstellen kann, bin ich überzeugt, dass KI-Videos zumindest für ein paar Jahre – bis wir irgendwann einen Umgang damit gefunden haben werden – ein riesiges gesellschaftliches Problem erzeugen werden.

STURMGESCHÜTZ ODER LEUCHTTURM?

Und ein riesiges Problem für unsere Demokratien, die auf der Idee von informierten Bürgerinnen und Bürgern beruhen: Aber welchen Informationen können wir noch vertrauen? Was ist noch wahr? Auf Basis welcher Nachrichten können wir uns eine Meinung bilden?

Rudolf Augstein hat den SPIEGEL einst das „Sturmgeschütz der Demokratie“ genannt. Das ist mir persönlich zu martialisch. Jedenfalls für öffentlich-rechtliche Medien. Ich denke, sie sollten keine Sturmgeschütze sein, aber Schutzwälle. Oder noch besser: Leuchttürme.

In einem Meer von Propaganda, PR und Paranoia muss es Leuchtfeuer geben, an denen sich eine Gesellschaft orientieren kann. Wo Bürgerinnen und Bürger verlässliche und vertrauenswürdige Information bekommen: Fakten, die ergebnisoffen, sorgfältig und professionell recherchiert werden; kenntnisreich, kritisch und fair interpretiert; für alle zugänglich, niederschwellig und verständlich präsentiert.

Schwer tue ich mich mittlerweile – leider – mit dem Wort „unparteiisch“. Dabei bin ich grundsätzlich ein großer Fan unparteilicher Berichterstattung. Es ist nicht die Aufgabe öffentlich-rechtlicher Journalist:innen die Steuerideen, Bildungskonzepte oder andere Reformvorschläge der einen oder anderen Partei zu promoten. Aber wir können nicht unparteiisch sein bei der Frage, ob der Klimawandel existiert oder nicht. Ob Donald Trump vom deep state der Sieg bei der Präsidentschaftswahl 2020 gestohlen wurde. Ob Putin ein „lupenreiner Demokrat“ ist oder Ungarn eine funktionierende Demokratie.

FALSCHE AUSGEWOGENHEIT

„Both-Sidesism“ nennt der amerikanische Journalismus-Forscher Jay Rosen diese Falle und definiert das so: „Nachrichten zu verfälschen, indem eine asymmetrische Situation symmetrisch dargestellt wird und so der falsche Eindruck entsteht, es gäbe zwei gleichwertige unterschiedliche Seiten in einem normalen Konflikt miteinander“. False balance ist ein wahrscheinlich bekannterer Begriff für diese falsch verstandene Unparteilichkeit.

Deshalb verwende ich mittlerweile lieber Begriffe wie unvoreingenommen und ergebnisoffen. Journalist·innen sollten – unabhängig von unseren persönlichen politischen Standpunkten – an Recherchen herangehen wie seriöse Wissenschafter·innen an ihre Forschung: Mit der stetigen Bereitschaft, ja sogar mit dem Bestreben, unsere Ansichten und Thesen zu einem Thema durch neue Erkenntnisse zu falsifizieren. „The best obtainable version of the truth“ eben.

Ich bin seit 15 Jahren auf Twitter aktiv und habe dort recht viele Follower; und immer wieder – auch ORF-interne – Debatten darüber, was ein öffentlich-rechtlicher Journalist dort posten darf. Im obersten Tweet auf meinem Profil steht deshalb seit vielen Jahren: „Ich bin für Menschenrechte und dagegen, Menschen gegeneinander aufzuhetzen. Für Fakten und gegen Unwahrheiten im demokratischen Diskurs. Ansonsten skeptisch-interessiert und militant unabhängig. Sollte ins ORF-Gesetz passen.“

DER WERT DER UNABHÄNGIGKEIT

Unabhängigkeit hält A.G. Sulzberger, der Herausgeber der NEW YORK TIMES, in einer „superpolarisierten Zeit“ überhaupt für den zentralen journalistischen Wert. Erlauben Sie mir ein längeres Zitat aus einem sehr lesenswerten Essay: „Unabhängigkeit ist die zunehmend umstrittene journalistische Verpflichtung, den Fakten zu folgen, wo auch immer sie hinführen. […] Unabhängigkeit verlangt von Reportern eine Haltung des Suchens statt des Wissens einzunehmen. […] Sie erfordert, dass wir das, was wir erfahren – umfassend und fair – weitergeben, unabhängig davon, wen es empören könnte oder welche politischen Konsequenzen es hat. Unabhängigkeit bedingt, dass wir die Fakten klar aussprechen – auch wenn es so aussieht, als würden sie in einem Konflikt eine Seite bevorzugen. Und sie gebietet, dass wir in den häufigeren Fällen, in denen die Fakten unklar sind oder über ihre Interpretation vernünftig gestritten wird, diese Ungewissheit und Zweifel ebenso sorgfältig darlegen.“

Kurz: Sagen, was ist. Sagen, was nicht ist. Und auch sagen, was wir nicht wissen.

Für öffentlich-rechtliche Medien hat Unabhängigkeit aber noch eine weitere Dimension. Sie gehören nicht dem Staat, sondern der Öffentlichkeit. Doch diese ist sehr wesentlich durch genau jene politischen Akteur·innen repräsentiert, über die wir regelmäßig berichten. Und die ein hohes Interesse daran haben, was und wie über sie berichtet wird. Gleichzeitig legen sie die gesetzlichen Grundlagen fest, nach denen öffentliche Medien organisiert sind, müssen in Parlamenten Beitragserhöhungen genehmigen und beschicken Aufsichtsgremien.

MODELL OHNE GESCHÄFT

Erst vor wenigen Wochen hat in Österreich der Verfassungsgerichtshof – endlich und leider weniger klar, als ich es mir erhofft hatte – hier etwas nachvollzogen, was das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe schon vor zehn Jahren mit seinem berühmten „Staatsferne“-Urteil festgeschrieben hat: Öffentlich-rechtliche Medien, die vertrauenswürdige Information liefern sollen, müssen möglichst unabhängig von der Regierung und der Politik organisiert sein.

Ich halte diese Unabhängigkeit auch deshalb für eine ganz zentrale Frage, weil sie vermutlich in den nächsten Jahren nicht nur öffentlich-rechtlichen Rundfunk betreffen wird. Die Digitalisierung hat das Geschäftsmodell der meisten traditionellen Medien zerstört: Die Werbung ist großteils ins Netz abgewandert, aber eben nicht auf die Websites der SÜDDEUTSCHEN, der FAZ oder der AUGSBURGER ALLGEMEINEN, sondern zu Google, Meta, TikTok und Amazon. Und in einer Zeit, in der wir bereits eine ganze Generation daran gewöhnt haben, online nahezu alle Musik, alle Serien und alle Filme der Welt um € 9,90 monatlich zu bekommen, werden die Paywalls, also die Vertriebserlöse, für seriösen Journalismus nicht mehr dramatisch hoch werden können.

Es gibt Medien, die das weniger trifft. Weil sie über eine global renommierte Marke und einen weltweiten Sprachraum verfügen wie die NEW YORK TIMES. Da kann man auch mit Abo-Preisen von drei Dollar im Monat tadellose Deckungsbeiträge erwirtschaften. Oder hochspezialisierte Fachmedien wie BLOOMBERG oder POLITICO PRO, deren Abos mehrere tausend Dollar jährlich kosten können, weil ihre Abnehmer·innen diese Brancheninfos brauchen und sie die abenteuerlichen Abo-Preise ohnehin nicht selbst bezahlen. Aber diese Medien werden uns nicht dabei helfen, in Deutschland oder Österreich qualifizierter am demokratischen Diskurs teilzunehmen. Sie liefern genau nicht diese Grundversorgung an verlässlicher Information, die unser Gemeinwesen braucht.

MODELL DER ZUKUNFT?

Ich würde mir sehr wünschen, dass innovative Medienmacher·innen möglichst rasch neue Geschäftsmodelle finden, mit denen seriöse nationale und regionale Publikumsmedien nachhaltig finanziert werden können. Weil uns weder die NEW YORK TIMES noch POLITICO – so exzellent sie gemacht sind – bei der Entscheidung für die nächste Kommunal- oder Landtagswahl helfen werden. Aber ich bin mir nicht sicher, ob es diese Geschäftsmodelle in der digitalen Hyperkonkurrenz tatsächlich geben wird. Oder ob es genügend selbstlose reiche Menschen oder Stiftungen geben wird, die seriöse Medien nachhaltig und ohne Eigeninteressen finanzieren wollen.

Weil wir als Demokratien aber weiterhin eine pluralistische Medienlandschaft brauchen werden, könnte es sein, dass wir seriöse Medien irgendwann ähnlich finanzieren müssen wie seit jeher Theater, Museen oder Bibliotheken. Auch da haben wir als Gesellschaft mal die Entscheidung getroffen, dass wir diese Angebote wollen und brauchen, auch wenn sie sich „am Markt“ alleine nicht finanzieren können. Also finanzieren wir sie teilweise öffentlich und solidarisch. So wie wir auch den öffentlichen Rundfunk finanzieren. Und wenn das so kommt, wird die Frage der Unabhängigkeit von den öffentlichen Geldgebern natürlich absolut zentral. Dafür müssen überzeugende Modelle erst gefunden werden.

FERN DER POLITIK

Denn klar ist auch, staatlich oder politisch gelenkte Medien sind genau das Gegenteil dessen, was eine aufgeklärte Demokratie braucht. Das lässt sich in den letzten Jahren absolut erschreckend in Ungarn und Polen beobachten. Selbstverständlich wäre kein öffentlich-rechtlicher Rundfunk besser als diese Art von öffentlich-rechtlichem Rundfunk, der von autoritären Staatsführungen zu einem reinen Propaganda-Werkzeug degeneriert worden ist.

Deshalb ist es auch so alarmierend, wenn die rechte FPÖ in Österreich ankündigt, dass sie im Fall einer neuerlichen Regierungsbeteiligung den ORF von einem Beitragssystem auf eine Staatsfinanzierung umstellen, also defacto verstaatlichen wird. Ganz besonders wenn das eine Partei sagt, die von einer „Medienlandschaft wie bei Orban“ träumt.

Die Verteidigung ihrer Unabhängigkeit ist also eine zentrale Aufgabe öffentlich-rechtlicher Medien. Aber damit ist es längst nicht getan. Wir müssen auch offener, zugänglicher und selbstkritischer werden.

FRAGEN UND ANTWORTEN

Wir müssen mit den Menschen, denen wir gehören, reden. Nicht nur aus dem Fernseher, dem Radio, dem Laptop-Lautsprecher und dem Handy. Auch ganz direkt und persönlich. Bei Bürgerforen in Mehrzweckhallen und Gemeindezentren, an Unis und in Schulen. Ich gehe fast jede Woche an einem Vormittag in eine Schule, um dort mit möglichst vielen Jugendlichen über Medien zu diskutieren. Die Jugendlichen lernen dabei hoffentlich was, zum Beispiel wozu es öffentlich-rechtlichen Rundfunk gibt, ich lerne jedenfalls jedes Mal von den jungen Leuten.

Wir müssen uns Kritik stellen. Der berechtigten Kritik sowieso. Natürlich könnten wir oft sparsamer produzieren – also wir im ORF kaum mehr, aber wir bekommen auch nur etwa achteinhalb Prozent der Gebühreneinnahmen von ARD und ZDF und produzieren heute mit sehr viel weniger Personal und sehr viel weniger Geld deutlich mehr Programm als vor 10 oder 15 Jahren. Aber natürlich sind Anstellungsverträge, die vor 30 Jahren geschlossen wurden, heute nicht mehr zeitgemäß und manche Gehälter diskussionswürdig. Es geht eben auch um Symbole.

Wir müssen nachvollziehbare Fragen beantworten. Ich kenne mich in Deutschland zu wenig aus, aber ich vermute, dass es gute Gründe dafür gibt, wenn mehrere Landesanstalten inhaltlich ähnliche Sendungen produzieren, wenn ZDF und ARD nebeneinander Auslandsbüros betreiben oder getrennte Mediatheken. Aber diese guten Gründe und Antworten müssen auch offensiv gegeben werden.

Und auch der unberechtigten Kritik sollten wir uns stellen. Ich habe damit in vielen Diskussionen gute Erfahrungen gemacht. Natürlich gibt es Menschen, die man nie überzeugen kann, aber sehr oft kann man Menschen sehr viel erklären. Das ist übrigens alles zeitaufwändig und anstrengend und mühsam – und unser Leben in der Anstalt war einfacher, als das alles noch nicht notwendig war, weil wir einfach gesendet haben und niemand zurückreden konnte. Aber wir gehören der Öffentlichkeit und müssen uns, glaube ich, der Öffentlichkeit stellen.

BILDUNG OHNE BELEHRUNG

Was wir gar nicht mehr dürfen, ist unser Publikum belehren. Das ist gar nicht so einfach, denn nicht ohne Grund gab es die schon zitierte „Gesellschaft für drahtlose Belehrung und Unterhaltung“ und nicht umsonst lautet der legendäre Leitspruch der BBC von 1922 „to inform, to educate, to entertain“. Aus dem educate, dem Erziehen, wurde im Deutschen der Bildungsauftrag der Öffentlich-Rechtlichen. Und natürlich ist das auch heute noch eine ganz zentrale Aufgabe.

Allerdings darf es nicht mehr als Belehrung daherkommen. Das ist leider keine triviale Aufgabe, manche Menschen empfinden nämlich auch Fakten, die ihnen nicht gefallen, sehr schnell als Belehrung. Und auch diesen Vortrag könnte man, wenn man das will, als belehrend verstehen. Nur weil ich weiß, dass wir das besser machen müssen, weiß ich noch nicht unbedingt, wie es besser geht.

Einen konkreten Tipp habe ich allerdings: Mehr Constructive Journalism. Dieses Konzept von Ulrik Haagerup, dem langjährigen Informationsdirektor des Dänischen Rundfunks ist schon über zehn Jahre alt, aber noch immer viel zu wenig in unseren Sendungen angekommen. Dass Medien über relevante Probleme berichten, ist eine ganz wesentliche Funktion. Aber viel zu oft lassen wir unser Publikum mit der Schilderung der Probleme frustriert zurück und mit einem Bild der Welt, das vor allem aus bad news besteht.

Konstruktiver Journalismus verlangt, nach der Recherche des Problems noch weiter zu recherchieren – ob es vielleicht irgendwo irgendwen gibt, der ein ähnliches Problem hatte und es gelöst hat.  Auch das ist aufwändig und rechercheintensiv und teuer. Aber wir sollten es trotzdem viel öfter versuchen. Nicht um irgendeine Art von „Wohlfühl-Journalismus“ zu betreiben, sondern weil wir mit diesen Recherchen gesellschaftlichen Nutzen stiften können. Public Value im besten Sinn. Und weil wir damit auch der immer stärkeren news avoidance, der Nachrichtenvermeidung, entgegenwirken.

GUTE QUOTEN

Wenn wir von allen finanziert werden, müssen wir auch möglichst für alle Programm anbieten. Aber nicht alle wollen ständig investigative Recherchen, Parlamentsdebatten, Dokus oder Kulturformate sehen oder hören. Die dritte Aufgabe im legendären BBC-Motto nach inform und educate lautete to entertain.

Nun kann man gut argumentieren, dass es heute wahrlich keinen Mangel mehr an Unterhaltung gibt und dass kommerzielle Medienanbieter das tadellos erledigen, ohne gröbere Probleme mit ihrem Geschäftsmodell. Das stimmt. Aber zum einen würde ich hoffen, dass öffentliche Sender auch intelligente Formen von Unterhaltung anbieten, die es sonst nicht gäbe – vor allem aber glaube ich eben, dass wir tatsächlich Programm für alle anbieten sollten.

Ich bin ein großer Fan der Quote und finde die Debatte, ob sich öffentlich-rechtliche Sender überhaupt an Quoten orientieren sollen, geradezu absurd. Wir machen Programm nicht für uns, sondern für ein Publikum – und zwar hoffentlich für ein möglichst großes Publikum. Ganz besonders gilt das natürlich für die Information. Es muss unser Ziel sein, mit seriöser, verlässlicher Information so viele Menschen wie nur möglich zu erreichen.

Das heißt natürlich nicht, dass wir unsere Nachrichtensendungen möglichst populistisch und boulevardesk programmieren sollen, im Gegenteil. Es heißt, dass wir relevante und seriöse Information so interessant und verständlich wie möglich präsentieren sollen – und das möglichst breit. Dass die „Tagesschau“ und „heute“ gemeinsam auch im Jahr 2023 jeden Tag im Schnitt mehr als 13 Millionen Zuseher·innen hatten, hat natürlich ganz wesentlich damit zu tun, dass sie auf den beiden populärsten deutschen Sendern laufen. Die Tagesschau hat ihr Publikum im Ersten und in den dritten Programmen, nicht auf Phönix und 3sat.

RUNDFUNK – NICHT SPITZFUNK

Es ist großartig, dass es Phönix gibt. Und 3sat. Und Arte. Das ist erstklassiges Qualitätsprogramm, das sie auf kommerziellen Sendern nicht bekommen. Aber öffentlich-rechtlichen Rundfunk nur darauf zu reduzieren, was private Anbieter nicht leisten können oder wollen, wäre ein dramatisch falsches Konzept. Es wäre das PBS-Modell, das des Public Broadcasting Service in den USA. Ein tolles, hochgescheites Programm, das leider sehr wenig gesehen wird. Öffentlich-rechtlicher Rundfunk darf gerne spitz sein und Nischen bedienen, vor allem aber muss er breit und relevant sein und möglichst viele Menschen erreichen. Broadcasting. Rundfunk, nicht Spitzfunk. Ein Angebot für alle.

Dazu müssen wir übrigens auch dorthin gehen, wo´s weh tut. Social Media haben die Welt nicht besser gemacht, vertrauen Sie mir, ich verbringe dort täglich mehrere Stunden. Man kann auf sozialen Medien herrliche Dinge machen. Es gibt auf TikTok fabelhafte Tanz- und Heimwerker-Videos und Katzen, die sehr beeindruckende Kunststücke können. Und man kann auf Facebook, Insta oder YouTube auch sehr sinnvolle Initiativen starten, wie schon anfangs besprochen. Aber unterm Strich wäre meine Bilanz von knapp 18 Jahren Social Media, seit Mark Zuckerberg Facebook freigeschaltet hat, ziemlich negativ.

Das müsste nicht so sein, aber die auf maximale Verweildauer optimierten Algorithmen der populären Plattformen haben durch ihre super-effiziente Bewirtschaftung von Emotionen, Empörung und Ressentiment innerhalb weniger Jahre den öffentlichen Diskurs ernsthaft versaut.

EIN ANGEBOT FÜR ALLE

Und trotzdem halten sich auf diesen Plattformen regelmäßig rund 70 Prozent der Bevölkerung auf – und fast 100 Prozent der Jungen. Zwei Drittel der Jugendlichen beziehen dort auch Nachrichten. Und nirgendwo werden sie mit mehr Desinformation, Propaganda und Fake News konfrontiert.

Wenn öffentlich-rechtliche Medien also Leuchttürme verlässlicher Information sein wollen, dann müssen wir diese Leuchttürme ganz besonders auf Social Media errichten. Klar schenken wir dort profitgetriebenen Konzernen, die das Geschäftsmodell traditioneller Medien zerstören, unsere Inhalte. Aber ich bin ziemlich sicher, dass sich niemand eigens wegen des „Tagesschau“-Auftritts bei TikTok angemeldet hat oder wegen „heute“ bei Instagram. Das Publikum ist ohnehin auf sozialen Medien, egal, ob wir auch dort sind. Aber wenn wir ein Rundfunk für alle sein wollen, müssen wir mit seriösen Angeboten dorthin, wo das Publikum ist. Auch das ist heute Teil der medialen Grundversorgung.

Wir dürfen Abermillionen Menschen auf Social Media nicht nur den Propagandisten, Predigern und Profitmaximierern überlassen. Und nichtmal harmlosen Influencerinnen wie Celina Blogsta. Auch, weil es Celina Blogsta dort gar nicht mehr gibt. Sie hat vor einiger Zeit alle ihre offenen Social Media-Accounts mit den vielen hunderttausend Followern stillgelegt. Es gibt auch keine Gratis-Selfies am Wiener Stephansplatz mehr. Celina ist jetzt 24 und laut Auskunft ihrer früheren Agentin arbeitet sie mittlerweile bei der Stadt Wien – also fast was Öffentlich-Rechtliches.
Vielen Dank!


Das Titelbild des Beitrags zeigt das ORF-Magazin „Horizonte“ Ende der 1960er Jahre, präsentiert von Alfred Payrleitner. Foto: ORF