Engin Çatik ist Lehrer, Schuldirektor, gerade 40 geworden und er wird in deutschen Medien „Schul-Retter“ genannt.
Anfang letzten Jahres hat er in Berlin die Friedrich-Bergius-Schule übernommen, die 2024 als „schlimmste Schule Deutschlands“ und als „Schule der Schande“ berüchtigt war. Der Lehrkörper hatte einen siebenseitigen „Brandbrief“ veröffentlicht, in dem von „bedrohlicher Gewaltbereitschaft“ der gut 400 Schüler und Schülerinnen die Rede war, von „verbalen Übergriffen“ und „asozialem Unterrichtsverhalten“. Der benachbarte Supermarkt hatte einen Wachdienst engagiert, ein Drittel der Lehrerschaft war regelmäßig krank geschrieben.
Nach den Schlagzeilen um den Brief wurde die Schulleiterin abgesetzt und Engin Çatik geholt. Der hatte zuvor sechs Jahre lang eine andere Berliner „Problemschule“ saniert. Mittlerweile führt er seit fünfzehn Monaten die Bergius-Schule „mit Konsequenz, Vertrauen und zugewandter Autorität“, wie er selber sagt – und sein Erfolg sorgt in ganz Deutschland für Aufmerksamkeit.
Das Milieu und die Probleme seiner Schüler und Schülerinnen kennt der türkischstämmige Schuldirektor aus seiner eigenen Biografie – als eines von vier Kindern einer alleinerziehenden Mutter und eines Vaters, der viele Jahre im Gefängnis saß.
Ich hatte in den Weihnachtsfeiertagen ein Interview (€) mit ihm gelesen und mir sofort gedacht, mit Engin Çatik muss ich für Ö1 ausführlich reden. Letzte Woche war ich dann in Berlin. Zwei Tage zuvor wurde völlig überraschend bekannt, dass der Schulleiter die Bergius-Schule im Sommer schon wieder verlassen wird, um in die Berliner Schulverwaltung zu wechseln. Dort könne er „noch mehr bewirken“, sagt er. An der Bergius-Schule sei „die Krise vorbei“.
Mein Gespräch mit Engin Çatik für Ö1 kann man hier nachhören (54.51 min) – und hier lesen (Foto: Jens Gyarmaty – mit freundlicher Genehmigung):
Herr Çatık, wir sitzen hier beim Deutschlandfunk in Berlin-Schöneberg. Ihre Schule ist nur ein paar Gehminuten von hier entfernt, in Friedenau, einem bürgerlichen, sehr grünen Bezirk mit schönen Bürgerhäusern und Villen aus dem späten 19. Jahrhundert. Und Ihre Friedrich-Bergius-Schule neben einem Park sieht fast aus wie ein Schloss. Eine Problemschule stellt man sich gemeinhin ja etwas anders vor. Was war so schlimm dort, dass die Bergius-Schule im Herbst 2024 die angeblich schlimmste Schule Deutschlands war?

Ja, Sie haben recht. Der Sozialraum ist sehr schick. Friedenau ist ein sehr charmanter Ort hier in Berlin. Die Herausforderungen, die uns aber hier gegenüberstehen, sind tatsächlich sehr vielfältig und wurden in einem Brandbrief verschriftlicht. Da war unter anderem die Gewaltbereitschaft der Jugendlichen erwähnt, die fehlenden Sprachkenntnisse, in der Regel schwer erreichbare Eltern und Familien, tatsächlich auch die sehr große Diversität und die fehlende Lernbereitschaft der Jugendlichen. Und an manchen Stellen stand auch, dass die Lehrkräfte Angst davor hatten, eine Aufsicht auf dem Schulhof zu übernehmen oder diese Jugendlichen zu unterrichten.
Warum war das in einer Schule in einem – jedenfalls vermeintlich – bürgerlichen Bezirk so? Das würde man nicht erwarten.
Ja, in Berlin gibt es für die weiterführenden Schulen, also die Schulen ab Jahrgang Sieben, keine Einzugsgebiete. Man muss also, um auf eine Schule zu gehen, als Eltern Wünsche formulieren. Und aufgrund der Negativschlagzeilen dieser Schule haben sehr wenig Eltern diese Schule als Erst-Wunsch angegeben. Und wenn man eben keine Erst-, Zweit- oder Dritt-Wünsche hat als Schulgemeinschaft, dann kriegt man durch das bezirkliche Schulamt Zuweisungen von Jugendlichen, die sonst nirgends beschult werden sollen oder wollen.
Das heißt, die Schüler und Schülerinnen kommen aus ganz Berlin und nicht nur aus diesem Bezirk.
Korrekt, also sie kommen aus Neukölln, aus Kreuzberg, aus Spandau, aus Nordschöneberg, auch aus Ecken unserer Hauptstadt, die man eher als sozialen Brennpunkt bezeichnen würde.
„Es gab einen Reizgas-Angriff“
Jetzt muss man vielleicht erklären, dass das Schulsystem in Berlin grundsätzlich anders funktioniert als in Österreich. Bei Ihnen dauert die Grundschule, wie es hier heißt, also die Volksschule, sechs Jahre lang. Zu Ihnen kommen die Zwölfjährigen, die nicht aufs Gymnasium gehen. Die bleiben dann vier Jahre lang bei Ihnen und bekommen als Abschluss mit sechszehn oder siebzehn Jahren eine sogenannte mittlere Reife. Das ist etwas, das wir in Österreich – noch zumindest – nicht haben.
Als Ende 2024 dieser verzweifelte „Brandbrief“ des Lehrkörpers bekannt wurde, hat die Schulverwaltung gefragt, ob Sie die Bergius-Schule übernehmen wollen. Das würde jetzt wahrscheinlich für viele Schulleiter oder Lehrerinnen nach keinem sehr attraktiven Angebot klingen. Und Sie waren ja schon Schulleiter, also das war kein Karrieresprung für Sie. Warum haben Sie Ja gesagt?
Ja, tatsächlich bin ich jemand, der Herausforderungen gerne annimmt und Krisen gerne auch angeht und die Zuversicht mitbringt, diese auch zu meistern. Ich hatte also nie Bedenken, dass ich mit dem Team vor Ort diese Krise überstehen werde. Es geht auch ein bisschen darum, die sehr eindimensionalen Ursachenbeschreibungen bezogen auf die Probleme vor Ort gegen den Strich zu bürsten. Ich war mir nämlich sicher, dass die Ursache nicht nur in der sehr herausfordernden Schülerschaft liegt, sondern natürlich, dass die Strukturen des Bildungssystems als auch alle Personengruppen, also auch das Personal und die Erziehungsberechtigten einen Einfluss auf eine gute oder eben eine schlechte Entwicklung haben. Und ich habe ein, zwei Tage überlegen müssen, mit meiner Frau darüber sprechen müssen und habe dann zugesagt, um dieser Schulgemeinschaft sowie meiner alten Schulgemeinschaft zu helfen, den Turnaround zu schaffen.
Was hat Sie dann an der Schule erwartet? An Ihrem dritten Tag kam schon mal die Polizei.
Ja, an meinem dritten Tag war wieder sehr viel los. Es gab mehrere Polizeieinsatzwagen. Die Feuerwehr und Rettungskräfte waren vor Ort. Es waren mehr als fünfzig, sechzig, siebzig Professionelle aus Feuerwehr und Polizei vor Ort.
Was war denn da los?
Es gab einen Reizgas-Angriff eines Jugendlichen, der sich bedroht gefühlt hat durch einen anderen Jugendlichen. Und das war in den Wochen und Monaten zuvor die Art und Weise, wie Konflikte angegangen worden sind. Das war recht selbstverständlich. Wir beide und auch viele andere Menschen halten das natürlich nicht für selbstverständlich, aber das war der Umgang mit Konflikten vor Ort.
Was waren dann Ihre ersten Maßnahmen als Schulleiter?
Also zuallererst für Ruhe zu sorgen und zu signalisieren, dass dieses Verhalten eben nicht mehr selbstverständlich ist. Wissen Sie, so eine Schulgemeinschaft ist sehr komplex. Und wenn zehn Prozent derjenigen, die nicht anständig sind und sich eben nicht an Regeln halten können, den Ton angeben, dann passiert genau das, was in dieser Schule passiert ist. Sie implodiert, beziehungsweise es war ja recht öffentlich, sie explodiert.
Wir mussten diesen zehn Prozent, die man schwer beschulen kann und die sich eben nicht an alle Regeln halten können, signalisieren, dass wir den Ton angeben – nämlich die neunzig Prozent der Gesellschaft, die der Meinung sind, dass Regeln wichtig sind, dass Ordnung, Sicherheit, ein Miteinander und auch ´ne Herzlichkeit eine Rolle spielen. Und das geht eben nur, wenn man diese neunzig Prozent stärkt.
„Die Jugendlichen riechen, ob man authentisch ist.“
Jetzt ist ja interessant, dass ausgerechnet diese Schule, die Bergius-Schule, ganz lange einen Direktor hatte, der in ganz Deutschland bekannt war als der strengste Schulleiter des Landes. Er ließ Schüler, die zu spät kamen, den Schulhof kehren. Es gab Vitrinen im Haus, in denen die Namen von „Missetätern“ quasi ausgestellt waren, also eigentlich eine Art Pranger. Vor fünf Jahren ging der Mann dann in Rente und hat ein Buch geschrieben mit dem Titel Wahnsinn Schule.
Aber in seiner Amtszeit hatte die Bergius-Schule den Ruf einer Vorzeigeschule. Erst als er weggegangen ist, ist dann quasi offenbar alles zusammengebrochen. Trotzdem sind Sie, wenn ich es richtig verstehe, kein Fan dieses Führungsstils. Mit welchem Werkzeugkoffer arbeiten Sie?
Mir ist wichtig, eine zugewandte Form der Autorität an den Tag zu legen. Der Schulleiter, der vor mir diese Schule geleitet hat, den Sie erwähnt haben als strengster Schulleiter Deutschlands, der hat, und das war sein Erfolgsgeheimnis, authentisch agiert. Ich glaube, das spielt eine Rolle. Ganz egal, welchen Stil man verfolgt. Die Jugendlichen riechen aus einer Meile Entfernung, ob man authentisch ist oder nicht. Ich glaube nicht, dass man sich verstellen kann als Führungskraft. Und ich bin auch jemand, der für Klarheit und Ordnung steht, aber gleichzeitig viel Empathie an den Tag legt, um sie in ihrer Einzigartigkeit, also die Jugendlichen, zu wertschätzen.
Wenn Sie sagen „zugewandte Autorität“ – was ist Autorität eigentlich?
Ja, das ist gar nicht so einfach zu beschreiben, weil das unterschiedliche Generationen auch anders verstehen. Für mich ist es tatsächlich die Balance zwischen der Klarheit der Aussagen und der Transparenz in Bezug auf das, was ich von Jugendlichen erwarte. Die Funktion des Schulleiters, der Schulleiterin übt automatisch schon Autorität aus. Das heißt, wenn man in meinem Büro sitzt als Jugendlicher, dann weiß man sehr wohl, dass dort durchaus auch Sanktionierungen oder andere Maßnahmen möglich sind. Das heißt, ich als Person muss dann nicht zusätzlich auch noch diese Funktion unterstützen. Ich glaube dann, dass ich – und das ist mein Stil – in die Kommunikation gehen muss.
Und wenn Sie sagen „Klarheit, was Sie von den Jugendlichen erwarten“ – was erwarten Sie denn?
Dass sie verstehen, dass gewisse Gepflogenheiten, die man als Gesetze in unserer Gesellschaft bezeichnen kann oder als Schulordnung in einer Schulgemeinschaft, einhalten muss. Und da geht es mir nicht darum, diese als Selbstzweck zu nutzen, sondern sie sollen verstehen, dass es etwas bewirkt, sie auf das Leben nicht nach der Schule, sondern selbst während der Schule vorbereitet.
Ich mache das mal konkret. Bei mir gibt es selbstverständlich im Schulgebäude keine Kaugummis, keine Käppis, keine Kapuzen und keine Nutzung von Handys, weil ich sie darauf vorbereiten möchte, wie man sich in öffentlichen Gebäuden benimmt. Zum Beispiel bei Bewerbungsgesprächen, auf Ämtergängen, Behördengängen, damit sie verstehen, diese Institutionen haben einen Wert und sie sollen verstehen, dass sie als Mitglied der Gesellschaft diesem Wert auch eine gewisse Wertschätzung geben müssen.
„Durch Empathie Brücken bauen“
Jetzt nehme ich mal an, dass jeder Lehrer und jede Lehrerin und jede Schulleitung, die uns zuhört, das unterschreiben würden und die gleichen Erwartungen hat. Und trotzdem gelingt es an vielen Schulen nicht, das durchzusetzen. Wie setzen Sie das durch?
Ich glaube, weil es häufig eben nicht der Versuch gestartet wird, den Jugendlichen diese Regel zu erklären. Was häufig keinen Erfolg zeigt, ist, wenn man als Erwachsener, als Professioneller diese Regeln einfach aufstellt, ohne sie transparent und sinnvoll zu erklären. Ich glaube, mein Geheimnis ist es eben, durch die Empathie und die Zugewandtheit den Jugendlichen eine Brücke zu bauen. Selbst wenn ich sie sanktioniere, spreche ich über ihr Verhalten und nicht über sie als Person. Ich mache das auch gerne konkret. Wenn sich ein Jugendlicher bei mir daneben benimmt, dann rufe ich die Eltern in ihrer Anwesenheit an und sage den Eltern, welches Fehlverhalten ihr Kind an den Tag gelegt hat und sage dann aber als letzten Satz, dass ich an ihr Kind glaube und mir sicher bin, dass dem jugendlichen Sohn oder der Tochter in Zukunft dieser dumme Fehler nicht mehr passieren wird.
Und wie sanktionieren Sie?
Nach Schulgesetz. Das Schulgesetz in Berlin erlaubt mir zum Beispiel, Jugendliche bis zur Durchführung einer sogenannten Klassenkonferenz zu suspendieren, also vom Unterricht auszuschließen. Es gibt aber auch andere kleinere pädagogische Erziehungsmaßnahmen, indem man zum Beispiel … Herrn Rudolph hatten Sie erwähnt, der den Hof hat fegen lassen, und da ist es bei mir eher so, dass ich abhängig von dem Fehlverhalten eine Maßnahme ergreife.
Was kann so eine Maßnahme sein?
Zum Beispiel eben, wenn ein Jugendlicher, so wie auch geschehen, unser Schulgebäude beschmiert, dass er natürlich erstmal Schmiererei wieder säubert. Aber hinzu kommt, dass sich zwei Jugendliche auch zu einem sogenannten Clean-up – es gibt einen Träger in Berlin, der organisiert Kiez-Aufräumaktionen – … das heißt also, dass die Jugendlichen nicht nur den Fehler, den sie in der Schulgemeinschaft begangen haben, wieder gut machen müssen, sondern dass sie auch einen Dienst an der Gesellschaft leisten müssen.
Die Vitrinen mit den Missetätern – also den Pranger – gibt es nicht mehr.
Nee, das habe ich einmal gemacht. Gleich zu Beginn meiner Amtszeit habe ich tatsächlich einen Schüler der Schule verwiesen nach dem Schulgesetz in Berlin und den habe ich auch ausgehängt. Also das war schon ein An-den-Pranger-Stellen. Da ging es mir vor allem um das Signal in die Schulgemeinschaft hinein. Sie haben richtig beschrieben, dass die ersten Wochen und Monate recht turbulent waren und dann braucht es auch mal ein klares Zeichen.
„Wir agieren nicht auf Augenhöhe.“
Sie sagen manchmal, es sei wichtig, den Jugendlichen auf Augenhöhe zu begegnen. Das klingt gut, aber Sie sind ja nicht auf Augenhöhe. Sie sind der Schulleiter, Sie können einen Schüler suspendieren, wie Sie eben gesagt haben. Die Schüler können Sie aber nicht suspendieren.
Ja, da haben Sie vollkommen recht. Deswegen erkläre ich den Jugendlichen auch, dass wir auf Augenhöhe kommunizieren, aber nicht auf Augenhöhe agieren. Das ist ein Unterschied. Das heißt, das System gibt mir automatisch mehr Macht. Macht ist per se nichts Negatives aus meiner Perspektive. Es kommt darauf an, wie man diese Macht oder diese Kompetenzen, wenn man bei diesem Begriff bleiben möchte, nutzt. Und das muss den Jugendlichen klar sein. Wir benoten sie, wir können sie sanktionieren, wir können Elterngespräche ansetzen. Es ist also jederzeit klar, dass ich als Erwachsener mehr Rechte habe.
Auch das würde ich gerne klar machen: Es gibt bei uns an der Schule zum Beispiel das Handy-Verbot. Meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter jedoch dürfen über das Handy und die Nutzung dieses Smartphones die Anwesenheiten in ein digitales Klassenbuch eintragen. Wenn dann ein Jugendlicher sagt: Ja, wieso dürfen Sie dann das Handy benutzen? Dann sage ich: Ja, das ist mein Arbeitsgerät. Das ist also nichts, womit ich gerade auf Social Media surfe, sondern ich arbeite mit dem Gerät. Und damit erkläre ich dem Jugendlichen, dass ich als Erwachsener in dem Moment möglicherweise eben mehr Rechte habe als er.
Ein großes Problem vieler Schulen in großen Städten ist die Diversität der Schülerschaft in ihrem sozialen, in ihrem ethnischen, auch in ihrem kulturellen Background. Das ist an Ihrer Schule auch so, das haben Sie schon am Anfang beschrieben. Wie gehen Sie damit um?
Die Jugendlichen bringen ganz viele Potenziale mit. Der kulturelle Aspekt ist einer von vielen. Ich betrachte sie als Individuen. Sie haben aber trotzdem recht, es gibt natürlich auch kulturelle Codes. Ich bin nur jemand, der für Differenzierung steht.
Wissen Sie, ich bin Nachfahre von Einwanderern türkischer Herkunft, die in den 60ern nach Deutschland gekommen sind. Ich bin also in der dritten Generation, meine drei Söhne sind sogar schon in der vierten Generation. Wir müssen also differenzieren, was wir mit Begriffen wie Migrationshintergrund oder Migration meinen. Selbstverständlich ist jemand, der in der vierten Generation in Berlin lebt, erstmal anders zu betrachten, als jemand, der Fluchterfahrungen hat und erst vor zwei, drei Jahren aus Afghanistan gekommen ist.
Wie viele Ihrer Schüler haben Deutsch tatsächlich als Muttersprache, in dem Sinn, dass ihre Eltern schon Deutsch als Muttersprache haben?
Ich würde schon sagen fünfzehn bis zwanzig Prozent. Die sprechen zu Hause Deutsch und die anderen achzig bis fünfundachzig Prozent haben eine andere Muttersprache. Wir haben Jugendliche, die aus dem arabischsprachigen Raum kommen, natürlich türkischstämmig sind, vom Balkan, polnisch, ukrainisch, bulgarisch, auch aus Afghanistan. Da gibt es wirklich sehr viele verschiedene Kulturen und Sprachen.
Haben Sie denn Regeln für die Sprache in der Pause und im Schulhof?
Ja, die ist anders als noch vor vierzehn Monaten. Vor vierzehn Monaten hat diese Schule versucht, Deutsch als Sprache auch auf dem Schulhof durchzubringen. Das ist in Deutschland nicht erlaubt. Deswegen gab es da auch Einsprüche gegen diese Schulordnung. Unabhängig von diesen Einsprüchen oder Widersprüchen bin ich aber sowieso jemand, der auch für Sprachen-Diversität steht. Ich bin also der Meinung, dass man die deutsche Sprache viel besser lernt – und das belegen Studien im Übrigen auch – wenn man die Muttersprache auch wertschätzt und den Jugendlichen signalisiert, dass das von Bedeutung ist.
„Nichts verstehen sorgt für Ausgrenzung.“
Aber wie funktioniert das, wenn Sie sagen, Sie haben Regeln? Weil das klingt jetzt gerade, als gäbe es keine Regeln und jeder kann sprechen, wie er will.
Korrekt, jeder darf sprechen, was er will. Es sei denn, es gibt Menschen, die an dem Gespräch teilhaben möchten, die eben dieser Sprache nicht mächtig sind. Ich mache das konkret: Wenn sich zwei Jugendliche auf Türkisch unterhalten und eine dritte Person, die kein Türkisch spricht, dazu kommt, dann muss man wieder ins Deutsche zurückkehren. Es bringt also nichts, wenn Gespräche geführt werden, wo eine Person, ein Gesprächspartner eben nicht weiß, worum es geht, weil das sorgt für Ausgrenzung.
Und wissen Sie, wenn das passieren sollte – mit einer Lehrkraft zum Beispiel – dann stimmt etwas an der Beziehung nicht. Wenn das nicht geschieht, müssen wir als Lehrkräfte sehr klar sein und sagen: Weißt du, es ist in dem Moment gerade nicht angebracht und unhöflich, dass du uns gegenüber nicht auf Deutsch kommunizierst, weil ich zum Beispiel kein Spanisch oder Bulgarisch verstehe. Ich möchte also, dass wir, wenn wir uns unterhalten, die deutsche Sprache nutzen.
In Österreich wurden in den letzten Jahren, nachdem sehr viele Flüchtlingsfamilien nach Österreich gekommen sind, sogenannte Deutsch-Förderklassen eingeführt. Das heißt, die neuen Kinder, die noch nicht ausreichend Deutsch für den Regelunterricht können, lernen erst in eigenen Klassen die Sprache besser, bevor sie in die Regelklassen wechseln. Das ist sehr umstritten und etliche Bildungsforscher sagen auch, das sei nicht gut. Die Kinder sollten im Regelunterricht, im sogenannten „Sprachbad“, Deutsch lernen. Das würde viel schneller gehen.
Sie haben aber an Ihrer Schule, wenn ich es richtig verstehe, genau so eine Förderklasse eingeführt, eine „Willkommensklasse“. Warum und wie bewährt sich das?
Ja, ich verstehe die Bildungsforscher, weil man in der sozialen Interaktion eine Sprache recht schnell versteht. Deswegen kann ich diesen Ansatz durchaus nachvollziehen. Man muss aber verschiedene Personengruppen und Perspektiven berücksichtigen. Für mich als Schulleiter war es an dieser Schule wichtig, den Lehrkräften ein bisschen Druck zu nehmen. Und die Heterogenität, die ich ansprach, ist im Klassenraum enorm. Wenn man sich jetzt noch vorstellt, da sind Schülerinnen und Schüler drin, die nur die kyrillische Schrift oder nur die arabischen Schriftzeichen kennen, ist das eine Herausforderung, die man an der weiterführenden Schule, also in dem Alter von zwölf bis sechzehn ungefähr, kaum leisten kann. Wir werden dem also nicht gerecht.
An Grundschulen sehe ich das noch ein bisschen anders tatsächlich, weil man dort als Kind viel schneller lernt, also an der Volksschule in Österreich, kann ich durchaus nachvollziehen, dass diese Klassen umstritten sind. Trotzdem, als Schulleiter ist es mir erst einmal wichtig, um Bildungserfolg zu generieren, dass Jugendliche und auch Kinder die Bildungssprache lernen. Das braucht aber Zeit, ansonsten entsteht Frust bei dem Kind oder dem Jugendlichen. Wenn man dem Unterricht nicht folgen kann, dann zeigt sich manchmal eben auch delinquentes Verhalten, weil man ja keine Lernmotivation entwickeln kann. Und ich glaube, auch wenn Bildungsforscher etwas anderes sagen, für diese Schule war dieser Ansatz der richtige.
Sie haben noch etwas eingeführt, ein sogenanntes „Lese-Band“. Was ist das?
Das ist folgendermaßen, da sitzen sich ein sogenannter Trainer und ein Sportler gegenüber. Es gibt zu Beginn des Schuljahres ein Diagnosetool, mit dem man feststellt, welche Jugendlichen eine bessere Lesekompetenz haben und welche Jugendlichen noch Nachholbedarf haben. Dann wird die Lerngruppe eingeteilt in eben diese Trainer und Sportlerinnen und Sportler.
Das heißt, die Trainer sind auch Schüler?
Ganz genau. Das heißt, es ist ein peer-to-peer-Ansatz. Die Trainer bringen dann den Sportlern bei oder verbessern zumindest ihre Fähigkeiten in der Lesekompetenz, indem sie in dieser Lese-Tandem-Methode einen Text innerhalb von fünfzehn Minuten viermal lesen. Und diese fünfzehn Minuten laufen jeden Tag. Dieses Lese-Band ist strukturell verankert in unserem Stundenplan. Also nach der vierten Stunde, nach der zweiten großen Pause, haben wir immer fünfzehn Minuten Lese-Band.
„Ich bin für ein Social-Media-Verbot.“
Warum beherrschen immer weniger Kinder nach acht oder zehn Jahren Schule die grundlegenden Kulturtechniken, also Lesen, Schreiben und Rechnen?
Das ist gar nicht so einfach zu beantworten. Da spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Zum einen, das System Familie trägt nicht mehr so wie vor einigen Jahrzehnten. Und das Vorlesen zu Hause ist nicht mehr selbstverständlich. Daran müssen wir als Gesellschaft arbeiten, das hat mit Schule dann nicht so viel zu tun. Die Eltern, die ihre Kinder an solche Schulen wie meine schicken, kommen häufig auch aus sozial belasteten Milieus. Soziale Armut spielt eine große Rolle. Existenzängste, Existenzsorgen, finanzielle Sorgen spielen in diesen Familien, wie gesagt, eine Rolle. Und das führt häufig dazu, dass die Eltern in die Erziehung ihrer Kinder nicht so viel Zeit stecken können, wie wir uns das wünschen würden.
Welche Rolle spielen denn digitale Medien, soziale Medien für dieses Thema?
Auch das spielt eine Rolle, da auch die Aufmerksamkeitsspanne der Jugendlichen, die nimmt aus meiner Beobachtung zunehmend ab. Deswegen bin ich ganz klarer Befürworter eines Social-Media-Verbots bis zu einem gewissen Alter. Da bin ich ganz klar in meiner Haltung.
Gewisses Alter heißt?
Also Vierzehn wäre mein Anliegen und dann in Schritten gerne begleitet sozusagen zugänglich ab Sechzehn. Ich bin kein Entweder-oder-Mensch. Ich bin also der Meinung, dass dieses Verbot gar nicht dafür sorgen sollte, dass wir soziale Medien oder Digitalisierung aussperren sollten, sondern ich bin der Meinung, dass wir die Jugendlichen dahin begleiten sollten. Und wissen Sie, die Diskussion darum, dass sich Jugendliche immer wieder Zugang dazu verschaffen könnten zu Social Media, ist sehr einseitig. Jugendliche verschaffen sich ja auch Zugang zu Alkohol und wir haben trotzdem einen gesellschaftlichen Konsens, dass Alkohol erst ab einem gewissen Alter erlaubt ist. Deswegen will ich mich dem gar nicht stellen, sondern dann hätten wir eine Klarheit, mit der wir ins Gespräch mit den Jugendlichen gehen könnten, könnten sie begleiten und digitale Kompetenzen und Medienkompetenzen schulen, um sie dann in die Social-Media-Welt zu entlassen.
„Das sind Jugendliche. Die sollen sich an uns abarbeiten.“
Apropos Verbot und Umgehen: Sie haben gesagt, Sie haben ein Handy-Verbot. Das gibt es in Österreich jetzt auch seit kurzem in den Schulen bis Vierzehn. Und da hört man immer wieder, dass das relativ einfach umgangen wird, indem Schüler einfach mit zwei Handys kommen. Eines geben sie ab und das andere benützen sie. Ist das bei Ihnen auch so?
Ja, das gibt es bei uns auch. Aber Herr Wolf, diese Tricks kannten wir ja schon …
Ich nicht. Wir hatten noch keine Handys …
Das waren dann keine Handys möglicherweise (lacht) ... Aber wir hatten ähnliche Tricks in Bezug auf andere Dinge. Das heißt, das passiert natürlich. Das sind Jugendliche. Die sollen solche Dinge auch ausprobieren. Die sollen sich an uns abarbeiten. Die sollen auch mal grenzüberschreitend agieren, wenn es solch eine Kleinigkeit ist. Und dann müssen wir als Erwachsene klar sein und eben diesen Spruch bringen: Diesen Trick habe ich mir übrigens ausgedacht. Und dann wissen die Jugendlichen ganz schnell, dass ich sowas mit mir nicht machen lasse.
Was passiert, wenn jemand das Handy-Verbot umgeht?
Beim ersten Mal kriegt der Jugendliche die Chance, daraus zu lernen. Das sind nun mal Heranwachsende. Ich nehme es ihnen also ab und sie bekommen es am Ende des Tages zurück. Beim zweiten Regelverstoß landet das Handy, das Smartphone bei mir im Safe und nicht wenige Eltern sagen: Herr Çatık, lassen Sie dieses Smartphone bitte zwei Wochen in dem Safe, dann habe ich diese Konflikte zu Hause nicht mehr.
Jetzt haben Sie vorhin schon angedeutet, dass zum Teil auch die Ressourcen fehlen, um den Kindern die Kulturtechniken beizubringen. Ich habe aber auf Ihrer Homepage gelesen, dass Sie an Ihrer Schule mit etwa 400 Jugendlichen vier feste Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen haben. Davon kann eine Schule in Wien nicht einmal träumen. Wenn es dafür an einer Schule in dieser Größe eine feste Sozialarbeiterin gibt, ist das schon gut. Könnten Sie mit so wenig Unterstützung überhaupt arbeiten?
Ich denke nicht. Also ich bin großer Verfechter von multiprofessionellen Teams. Schulen in dieser Lage – und Wien und Berlin sind sehr vergleichbar – wir brauchen Schulsozialarbeit vor Ort, wir brauchen Schulpsychologie vor Ort, wir brauchen vielleicht sogar Logopäden und Logopädinnen vor Ort, Lerntherapeuten. In Berlin gibt es da eine Entwicklung hin, da bin ich sehr dankbar und die Multiprofessionalität ist für uns alle mittlerweile selbstverständlich. Das heißt nicht, dass es in jeder Schule diese Ausstattung gibt wie an meiner, aber es ist möglich.
„Religion ist in Ordnung.“
Welche Rolle spielt an Ihrer Schule Religion? Viele Lehrkräfte in Österreich berichten von muslimischen Burschen, die sich in ihren Klassen als eine Art Sittenwächter aufspielen, vor allem gegenüber den Mädchen und ihnen erklären, was haram, also „unrein“ wäre. Kennen Sie das auch und wie gehen Sie damit um?
Ja, auch das kenne ich. Wissen Sie, Jugendliche, ganz egal welcher Religion oder welcher Kultur, sind in diesen Jahren, wo ich sie beschulen darf, in der Identitätsentwicklung. Und auch das ist natürlich erstmal eine Provokation der Jugendlichen in unsere Richtung. Nicht selten sind die Eltern gar nicht so konservativ, wie die Jugendlichen es dann an den Tag legen.
Ich mache mal Beispiele: Ich habe Mädchen vor Ort, die ein Kopftuch tragen und die Mütter tragen kein Kopftuch. Oder ich habe Jugendliche vor Ort, die im Fastenmonat Ramadan gefastet haben und die Eltern haben es von ihren Kindern gar nicht verlangt. Also in der Identitäts-Entwicklung suchen die Jugendlichen nach Anknüpfungspunkten. Und wenn wir als Mehrheitsgesellschaft es nicht schaffen, ihnen Anschlussfähigkeit, Anschlüsse zu bieten und zu sagen, schau mal, da kannst du dich daran identifizieren und das wäre für dich doch eine Möglichkeit, dann sorgen oder suchen sich Jugendliche andere.
Solange diese Werte eben nicht negativ sind, so wie Sie sie beschrieben haben, dass Sittenwächter unterwegs sind, ist das auch noch vollkommen in Ordnung. Sobald die Freiheit des Mitmenschen eingeschränkt wird, müssen wir als Gesellschaft, als Schulleitung, als Lehrkräfte klar sein und auch zum Ausdruck bringen, dass das falsch ist.
Werden wir konkret: Ramadan war ja gerade und da haben einige Schulen in Österreich berichtet, dass ziemlich viele Kinder und Jugendliche gefastet hätten. Das geht einen Monat und man darf von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang nichts essen und nichts trinken. Damit man um diese Jahreszeit vor Sonnenaufgang was essen kann, muss man aber sehr früh aufstehen. Und da waren sehr hungrige und sehr durstige Kinder, die um vier Uhr früh oder fünf Uhr früh aufgestanden sind, völlig übermüdet in der Schule. Lehrpersonen haben berichtet, die Kinder waren de facto nicht aufnahmefähig. Wie geht man mit sowas um?
Ja, also das glaube ich sofort. Der Islam verlangt eigentlich von Kindern in dem Alter, das Sie gerade beschrieben haben, das Fasten nicht. Da muss man ganz klar sein. Und ich bin meinen Jugendlichen gegenüber auch sehr klar und den Eltern auch, dass wenn ich wahrnehme, dass ein Jugendlicher gesundheitliche Probleme hat, ich sie kontaktiere und dafür sorge, dass sie entweder ihr Kind abholen oder dafür sorgen, dass ihr Kind trinkt.
Ich glaube, da braucht es mehr Dialog als negative Zuschreibung. Der Dialog sorgt nämlich dafür, dass wir unsere Erwartungen klar machen und die Jugendlichen möglicherweise ihre Lebensentwürfe auch klar machen können. Und dann müssen wir uns aneinander abreiben oder aushandeln, in welche Richtung es geht. Aber ich bin der Meinung, dass der Dialog zum Ziel führt und nicht die Repression.
„Ein Kopftuch-Verbot halte ich für falsch.“
Jetzt haben Sie schon erzählt, dass Sie auch einige Mädchen haben, die Kopftuch tragen. In Österreich wird in den Schulen gerade ein Kopftuch-Verbot für muslimische Mädchen bis vierzehn eingeführt. Was halten Sie von so einem Verbot?
Das halte ich für falsch.
Weil?
Weil zumindest bei uns in Deutschland Artikel 1 Grundgesetz – die Würde des Menschen ist unantastbar – für mich einen hohen Stellenwert hat und für unsere Gesellschaft nun mal auch, sonst wäre es nicht der Artikel 1. Und die Abwertung eines Teils der Identität – zum Beispiel das Kopftuch – halte ich für sehr problematisch, weil wir dadurch diese Jugendlichen für unsere Gesellschaft verlieren. Wir müssen mit ihnen ins Gespräch gehen.
Und da ist jetzt die Argumentation in Österreich, genau dieses Verbot würde quasi die Würde der Mädchen garantieren, weil sie dann mit vierzehn freiwillig entscheiden sollen, ob sie es tragen wollen oder nicht. Aber man will sie davor behüten oder beschützen, dass sie dazu gezwungen werden.
Ja, das ist ein schöner Ansatz, aber es entmündigt sie im Prinzip, weil auch die Kommunion im Katholizismus ist schon mit acht oder neun. Das heißt, auch das ist eher fremdbestimmt. Kinder lernen immer erst mal die Werte der Familie. Sie gleichen sozusagen die eigenen Werte aus ihrer Erziehung ab oder der Sozialisation … der Sozialraum, ihr eigener, die Familie und die peer group spielen eine Rolle. Und dann im Laufe der Identität, hoffe ich, dass die Gesellschaft in der Lage ist, durch Dialog die Werte auch in eine andere Richtung zu bringen. Oder nicht in eine andere Richtung – aber die Jugendlichen dazu zu befähigen, selbst Entscheidungen zu treffen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das gelingen kann und ganz häufig gelingen kann. Sobald wir wahrnehmen, dass ein Mädchen möglicherweise durch die Eltern gezwungen wird oder auch unter Druck gesetzt wird, muss man das Gespräch suchen.
„Ich bin nicht naiv.“
In Österreich sind bei diesen Diskussionen auch immer wieder muslimische Väter ein Thema, die sich weigern, Lehrerinnen die Hand zu geben. Das ist etwas, was viele Emotionen erregt bei vielen Leuten. Gibt es das bei Ihnen auch und wie gehen Sie damit um?
Das gibt es sicherlich auch in Berlin. Wie gehe ich damit um? Sie hören, dass ich kurz Luft hole, also ganz ruhig und nüchtern bin. Ich nehme das so hin. Ich weiß nicht, warum mich das stören sollte.
Die Argumentation in Österreich ist: Bei uns gehört das dazu, dass man sich zur Begrüßung die Hand gibt und Männer, die sich weigern, Frauen die Hand zu geben, die verweigern quasi unsere Werte.
Wissen Sie, ich glaube, dieses „bei uns“, so wie sich einige Menschen das vorstellen, gibt es so nicht mehr. Ich glaube, die Globalisierung hat nun mal dafür gesorgt, dass viele Staaten auch in Mitteleuropa mittlerweile Migrations- und Einwanderungsgesellschaften sind. Das heißt also … – Sie haben recht, es gibt gewisse Werte in einer Gesellschaft, bei uns festgeschrieben im Grundgesetz – dass wir die natürlich vertreten. Ich wüsste aber nicht, dass der fehlende Handschlag gegen ein Gesetz verstößt.
Jetzt haben Sie selbst schon Ihren eigenen biografischen Hintergrund angesprochen. Ihre Großeltern sind als türkische Gastarbeiter in den 1960er Jahren nach Deutschland gekommen. Ihre Eltern waren da noch ganz klein und sind hier aufgewachsen. Sie sind in Berlin geboren und Sie sind muslimischen Glaubens. Glauben Sie, würden Sie das, was Sie jetzt in den letzten paar Minuten erzählt haben, anders sehen, wenn Sie selber evangelisch oder katholisch oder jüdisch wären?
Ganz sicher. Also bin ich mir ziemlich sicher, dass das so ist, weil wir ja nur durch die Begegnung und die Erfahrung lernen und sensibilisiert sind. So wie ich jeden Tag aufs Neue dazulerne, in Bezug auf den Katholizismus oder in Bezug auf Lebensentwürfe, im Bereich der sexuellen Orientierung, ganz egal. Wissen Sie, ich glaube, was wir zulassen müssen, ist, dass wir unsere eigenen Vorurteile oder Stereotypen hinterfragen. Und das geschieht eben nur durch Dialog und Begegnung.
Ich bin nicht naiv. Ich weiß sehr wohl, dass es sehr herausfordernd ist und dass unsere Gesellschaft mittlerweile so divers und vielfältig ist, dass es einigen Menschen Angst macht. Das kann ich nachvollziehen. Da habe ich auch keine Schwierigkeiten damit. Die Sorgen und Ängste, die in der Gesellschaft eine Rolle spielen, sind nachvollziehbar, weil es Emotionen sind. Wir müssen aus den Debatten und Diskussionen die Emotionen rausbringen und wieder zur Ratio übergehen. Wenn wir miteinander reden, stellen wir fest, dass wir eigentlich alle dasselbe Ziel haben, nämlich ein gutes und erfolgreiches Leben zu führen.
„Ich war nicht der beste Schüler.“
Jetzt kann man als Kind von Einwanderern aufwachsen, als Kind von Diplomaten oder als Kind von Universitätsprofessorinnen. Das war bei Ihnen nicht so. Sie sind sehr ähnlich aufgewachsen wie viele Ihrer Schüler und Schülerinnen – in einem Plattenbau in Berlin. Können Sie ein bisschen was darüber erzählen?
Ja, Sie hatten schon erwähnt, dass ich bei einer alleinerziehenden Mutter groß geworden bin mit drei Geschwistern. Wir sind eine Familie, die man auch eher als sozial schwach oder soziale Armut bezeichnen würde. Also meine Familie, meine Mutter hat Sozialleistungen bezogen und hatte immer zusätzlich noch einen Job in einer prekären Arbeitssituation. Es war also ohne Ausbildung und ohne Schulabschluss. Ich hatte trotzdem eben ganz viel Liebe zu Hause und auch ganz viel Zuspruch, auch wenn meine Mutter uns nicht unterstützen konnte bei den Hausaufgaben oder Ähnlichem. Sie hat immer auf die Sprache Wert gelegt. Also meine Mutter spricht schon immer akzentfrei Deutsch und Türkisch. Ich glaube, Sprache kann Schlüssel sein.
Ich würde das jetzt natürlich nicht sagen, wenn Sie das nicht selbst schon in mehreren Interviews erzählt hätten: Ihre Mutter war auch deswegen alleinerziehend, weil sich Ihre Eltern getrennt haben. Ihr Vater war über zehn Jahre im Gefängnis wegen eines Gewaltverbrechens und wurde dann auch abgeschoben. Das klingt schon alles nach einer sehr schwierigen Startposition. Was hat Ihnen geholfen?
Ja, zum einen meine Persönlichkeitsmerkmale. Ich hatte also Glück. Ich bin jemand, der generell optimistisch ist und zuversichtlich in die Zukunft blickt. Tatsächlich haben mir aber auch auf meinem Weg Personen und Menschen geholfen. Ich habe sehr gerne Fußball gespielt und auch mittelmäßig erfolgreich. Und die Trainer, denen ich dort begegnen durfte, die haben an mich geglaubt. Und der Erfolg in diesem Bereich hat mein Selbstbewusstsein gestärkt.
Ich war nicht der beste Schüler, hatte trotzdem aber Lehrkräfte, die auch an mich geglaubt haben und die mich eben nicht abgewertet haben. Ich war auf einer weiterführenden Schule, also auf einem Gymnasium in einem auch eher bürgerlichen Bezirk Berlins. Also bin aus meinem Sozialraum raus und habe dort keine, ja … direkte Diskriminierung erlebt und habe eher gespürt, dass die Menschen, wie gesagt, mir gegenüber offen sind.
„Es haben nicht alle dieselben Chancen.“
Sie haben mal den Satz gesagt: Meine Mutter hat uns nicht zu Opfern erzogen. Was meinen Sie da?
Das ist sehr wichtig. Wissen Sie, mir sind die Mechanismen um strukturellen Rassismus oder institutionelle Diskriminierung bewusst. Das heißt, wir dürfen uns nicht dem hingeben, dass jeder in unserer Gesellschaft und jede dieselben Chancen hat. So ist es nicht. Es hängt also nicht immer vom Ehrgeiz und vom Engagement ab. Aber es hilft nichts.
Das heißt, ich als Schulleiter muss die Schülerinnen und Schüler eben auch immer wieder motivieren, zu verstehen, dass es trotz dieser Mechanismen, die ich gerade erwähnt habe, durchaus auch von ihnen abhängt, wie sie damit umgehen und wie sie Erfolg generieren. Und meine Mutter hat das stets geschafft, mir zu signalisieren, dass alles möglich ist und dass ich meinen Weg gehen kann, unabhängig von meinen Startbedingungen und den Aspekten, die Sie genannt haben.
Sie scheinen außerordentlich resilient zu sein. Warum können Sie das und kann man Resilienz lernen?
Ich denke schon, dass man das lernen kann, definitiv. Sie spüren, dass ich jemand bin, der sich auf Herausforderungen einlässt. Ich lasse also keine aus. Sie haben eingangs erwähnt, dass andere Schulleitungen möglicherweise dieses Angebot, die Friedrich-Bergius-Schule zu übernehmen, ausgeschlagen hätten. Auch ich hätte das ja machen können. Ich bin aber jemand, der sehr gerne dazulernt und in Gesprächen, im Netzwerken, in Dialogen versucht, das Gegenüber zu verstehen, um dann für mich selber daraus zu lernen und Schlüsse zu ziehen. Dieses Herangehen in diese Konflikte, in diese Herausforderungen, führt eben dazu, dass man von Mal zu Mal erfahrener wird, damit auch resilienter. Und das gebe ich meinen Jugendlichen auch mit.
Das Leben ist nun mal kein leichtes. Wir müssen durch diese Herausforderungen und Täler, um dann bestenfalls an einem Gipfel anzukommen, der dann wieder in einem Tal mündet. Da mache ich mir keine Illusionen. Jeder dritte Mensch in unserer Gesellschaft hat irgendwann eine Krebserkrankung. Auch das wird in meinem familiären oder freundschaftlichen sozialen Umfeld geschehen. Darauf möchte ich vorbereitet sein, um dann bestenfalls diese Person auch zu stützen.
Wenn ich es richtig verstehe, war der eigentliche Berufstraum Profi-Fußballer. Das ist es dann nichts geworden. Warum sind Sie Lehrer geworden?
Das kann ich gar nicht so leicht beantworten. Profifußballer war … daran sieht man, welchen Horizont mein soziales Umfeld hatte. Es gab also wenig berufliche Vorbilder in meiner Familie. … (zögert) Ich kann es Ihnen nicht beantworten, warum ich Lehrkraft geworden bin.
Interessant.
Es war nie ein manifestierter Berufswunsch, sondern ich bin schon zeitlebens ein Suchender. Und ich habe ja Philosophie und Geschichte studiert. Und Philosophie und Geschichte sind Fächer, die Antworten geben. Und dann habe ich mich entschieden, auf Lehramt zu studieren. Es war aber zu Beginn meines Studiums gar nicht klar, dass ich Lehrer werde und ich konnte mich dann durch die praktischen Erfahrungen sehr gut reindenken.
Sie unterrichten Ethik. Und jetzt kann ich mir vorstellen, dass das auch bei Ihren Schülern und Schülerinnen gar nicht so schwer zu unterrichten ist, weil sie ja mit ethischen Problemen jeden Tag konfrontiert sind. Aber wie ist es, Zwölf- bis Sechszehnjährige in Geschichte zu unterrichten?
Schöne Frage. … Sehr differenziert. Da gibt es einige, die aufgrund der Computerspiele zum Beispiel einen guten Zugang haben zur Geschichte, weil es dort auch Verbindungen gibt. Aber andere, die sagen: Was interessiert mich das? Und dann muss man ihnen sinnvoll erklären, das interessiert dich sehr wohl etwas, weil wir hoffentlich aus der Vergangenheit für die Gegenwart lernen, um die Zukunft anders zu gestalten. Es braucht aber immer einen Türöffner.
Schulfächer: Glück, Haltung, Empathie
Wie war das zum Beispiel in den letzten Jahren – nach dem 7. Oktober und mit dem Gaza-Krieg, auch an Ihrer Schule?
Ich habe zu dieser Zeit noch die Johanna-Eck-Schule geleitet, auch in Tempelhof-Schöneberg. Und da haben wir die Jahre vorher an vielen Stellen diesen vermuteten Konflikt vorentlastet. Also wir hatten Projekte, zum Beispiel Meet to Respect. Da ist immer ein Imam und ein Rabbi in einer Lerngruppe und dort begegnen wir uns und führen Dialoge und lernen voneinander und Vorurteile werden ausgeräumt. Wir hatten andere Projekte, zum Beispiel Austauschschülerinnen und -schüler aus Israel waren bei mir an der alten Schule, die kurz vorm Abitur standen und dann in den Wehrdienst gegangen sind. Solche Dinge haben mit den Jugendlichen aus Berlin etwas gemacht.
Man hat sich in die Situation des Gegenübers hineinversetzt und hat dann verstanden, okay, das sind Menschen. Wir begegnen uns und haben vielleicht Vorurteile in Bezug auf diese Personengruppen und sie haben vielleicht Vorurteile in Bezug auf uns. Und durch das Gespräch kann man diese ausräumen. Der 7. Oktober war also an meiner alten Schule kein Problemfall, obwohl wir Schülerinnen und Schüler mit palästinensischen Wurzeln hatten. Wir hatten Schülerinnen und Schüler muslimischen Glaubens, Betroffene aus dem Libanon. Also wir hatten auch Potenzial für Konflikte in dieser Schulgemeinschaft, aber es ist eben nichts passiert.
Sie haben selbst Ethik und Geschichte unterrichtet, aber in der Schule, die Sie vor der Bergius geleitet haben, haben Sie auch neue Fächer eingeführt mit sehr interessanten Namen, nämlich Glück, Haltung, Zukunft. Und jetzt an der Bergius-Schule gibt es ein Fach Empathie. Was lernt man da, was kann man sich da vorstellen?
Ja, wissen Sie, zuallererst ging es mir darum und auch in der alten Schule Räume zu schaffen, wo wir ins Gespräch kommen. Jugendliche haben immer weniger Räume. Wir nehmen ihnen zum Beispiel in Berlin an manchen Stellen Jugendfreizeiteinrichtungen – also Sozialräume in der Realität – und zwingen sie dann in digitale Räume. In digitalen Räumen funktioniert die Kommunikation nun mal anders als im realen Leben.
Und diese Fächer, die Sie erwähnt haben, sollen eben eine Plattform bieten, wo wir miteinander ins Gespräch kommen und voneinander lernen. Und als Vorgesetzter habe ich dann auch nochmal damit beabsichtigt, dass auch meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verstehen, dass es Jugendlichen recht häufig so geht, dass sie nicht wissen, was auf sie zukommt und mit Ambiguität umgehen lernen müssen. Und auch das Personal muss lernen, mit Ambiguität umzugehen, weil unsere Gesellschaft nun mal sehr komplex ist.
Wer unterrichtet Empathie? Oder Glück?
Bestenfalls alle Menschen, die Pädagogik studiert haben – aber bei uns sind es in der Regel die Klassenleitungen, die einen Bezug zur Klasse haben, und die Schulsozialarbeit. Das sind also in der Regel zwei Personen in diesem Klassenraum, die dann mit den Jugendlichen ins Gespräch gehen.
„Ich möchte Gesellschaft gestalten.“
Vorhin haben Sie erzählt, dass Sie quasi in den Lehrerberuf ein bisschen hineingestolpert sind, dass das gar nicht die Absicht war. Wodurch oder wann haben Sie dann gewusst: Das ist meins?
Nach den ersten praktischen Erfahrungen und den Situationen, wo ich gemerkt habe, ich habe Zugang zu den Jugendlichen und sie folgen meinen Anweisungen, ich kann Beziehungen zu ihnen aufbauen. Auch wenn es mal Situationen gibt, wo ich eben streng und konsequent zu ihnen sein muss, habe ich verstanden, dass es auch möglich ist, ohne sie als Person abzuwerten. Diese Erfahrungen haben mich als Studierenden gestärkt, diesen Berufswunsch auch wirklich anzugehen.
Warum haben Sie dann eigentlich relativ jung, mit 33 nämlich, schon beschlossen, Schulleiter – in Österreich heißt das Schuldirektor – zu werden?
Sie haben erwähnt, dass ich am liebsten Fußball-Profi geworden wäre. Und Fußball-Profis haben mit 33 ihre Karriere fast schon hinter sich. Also, in meinem Kosmos war ich tatsächlich nicht jung. Für eine Lehrkraft ist man natürlich jung. Aber aus meinem Selbstverständnis – ich habe mich wirklich als Fußballer wahrgenommen. Ich habe viermal die Woche, eigentlich fünfmal die Woche trainiert. Ich hatte einen tollen Verein, der sehr professionell agiert hat. Und in diesem Kosmos sind 33-Jährige, wie gesagt, schon abgeschrieben. Für einen 33-jährigen Schulleiter ist das möglicherweise anders. Aber in meiner Haltung hat das eben anders gewirkt.
Aber was hat Sie gereizt an dem Job?
Ich bin jemand, der Gesellschaft gestalten möchte. Und das kann man eben, je größer der Gestaltungs-Spielraum ist. Man kann es als Klassenleitung in Bezug auf die Klasse, als Schulleitung kann man es in Bezug auf die Schulgemeinschaft und in der Schulverwaltung möglicherweise noch bezogen auf weitere Räume.
Jetzt leiten Sie seit 15 Monaten die angeblich schlimmste Schule Deutschlands. Wie geht es der Bergius-Schule heute?
Die Krise ist vorbei. Das kann ich ganz klar formulieren. Es hat sich viel verändert. Die Kolleginnen und Kollegen fühlen sich wieder sicher. Wir gehen in Gespräche mit den Kindern. Wir können miteinander lachen und Spaß haben. Das heißt noch lange nicht, dass alle Herausforderungen vor Ort behoben sind und dass es nicht immer noch Konflikte gibt. Das braucht noch mehr Zeit. Aber ich bin ja geholt worden, um die Krise zu beheben, und das kann ich ganz klar so formulieren. Und ich bin jetzt auch der Meinung, dass das Team sehr gestärkt ist.
Ich habe Ressourcen an die Schule geholt, ich habe weitere Personen an die Schule geholt, Sie haben die Schulsozialarbeit angesprochen. Ich habe aber auch weitere Kooperationspartner an die Schule geholt, die das System insgesamt stärken. Ich habe letztes Jahr vier Personen eingestellt und werde zum neuen Schuljahr vier bis fünf Personen einstellen. Nicht on top, sondern weil andere Personen zum Beispiel altersbedingt gehen. Und die Menschen, die ich jetzt einstellen durfte oder einstellen werde, bringen eine pädagogische Haltung mit, die sehr dem entspricht, was ich für eine Schule als richtig empfinde.
„Ich will wieder dazulernen.“
Ich nehme an, Sie haben eine Idee, wie diese Schule sein könnte und sein sollte. Und das ist wohl nicht in fünfzehn Monaten zu erreichen. Sie sind privat Marathonläufer, habe ich gelesen. Ein Marathon dauert 42 Kilometer. Bei welchem Kilometer ist die Bergius-Schule jetzt?
Ja, ich laufe nächstes Jahr den elften Berlin-Marathon, also ich bin wirklich sehr ehrgeizig in dem Bereich. Und Sie haben vollkommen recht, Schulentwicklung ist ein Marathon. Wir haben jetzt die Zehn-Kilometer-Marke erreicht. Ich würde sagen, wir haben jetzt wirklich einen Grundstein gelegt, dass man als Schulgemeinschaft weiß, wohin es geht.
Das heißt, wir wissen jetzt, dass es anstrengend ist. Zehn Kilometer zu laufen ist schon anstrengend. Einige geben dann schon auf, wir wissen aber, wie viel noch vor uns steht. Und ich bin der Meinung, dass meine Mitstreiter wie beim Marathonlauf sich gegenseitig tragen werden, um ins Ziel zu kommen.
Ich nehme nicht an, Sie würden beim Marathon, wenn es irgendwie geht, bei Kilometer Zehn schon aufhören. Trotzdem hören Sie jetzt an der Bergius-Schule auf. Das wurde vor ein paar Tagen ziemlich überraschend bekannt. Warum nach fünfzehn Monaten?
Ja, das ist eine sehr gute Frage. Das liegt daran, dass ich diesen Marathonlauf auf Schulgestaltung oder Bildungssystem-Gestaltung und eben nicht auf Einzel-Schulen beziehe. Also ich würde meinen Lauf, das Ziel der 42 Kilometer, eher beziehen auf weiteren Impact in Bezug auf das System.
Ich habe jetzt eine Schule – die Johanna-Eck-Schule – in den Turnaround begleitet und habe jetzt die zweite Schule aus der Krise geholt. Ich würde von mir behaupten, dass ich das System Schule und die Praxis sehr gut kenne und lesen konnte. Ich bin jetzt an dem Punkt, dass ich wieder dazulernen möchte und an anderer Stelle wirken möchte.
Ich habe Sie vor ziemlich genau einem Jahr in einem Podcast gehört und da sagten Sie über die Bergius-Schule: Ich bin sehr gern hier und hoffentlich noch viele Jahre. Was hat sich in dem einen Jahr geändert?
Ich hätte, um ehrlich zu sein, nicht gedacht, dass mir der Turnaround mit dem Team so schnell gelingt. Das möchte ich ganz klar formulieren. Da bin ich sehr dankbar und begeistert von der Veränderungsbereitschaft der Menschen vor Ort. Alle Personen, die im „Brandbrief“ zum Beispiel aktiv waren, sind immer noch an der Schule, es sei denn, sie sind altersbedingt ausgestiegen. Es sind alle Menschen diese Schulentwicklung der vergangenen zwölf, vierzehn Monate mitgegangen. Und das ist eher unüblich, weil Veränderung bei Menschen in der Regel Widerstände auslöst. Das habe ich an meiner Schule in der Form nicht wahrgenommen. Deswegen bin ich sehr dankbar, dass sie den Weg mitgegangen sind. Ich bin jetzt für mich fein. Ich hatte vorher kein Zeit-Ziel. Manchmal ergeben sich einfach Optionen.
Gab es in den fünfzehn Monaten auch Rückschläge?
Selbstverständlich. Die Elternarbeit ist noch lange nicht an dem Punkt, an dem ich mir das wünschen würde. Das müssen wir noch angehen.
Und ein einziger Böllerwurf, kurz nach Silvester, das hat mich tatsächlich rasend gemacht – Verzeihung, dass ich das so deutlich sage – weil wir vorher Präventionsangebote der Polizei in den Klassen hatten. Die Jahre vorher war nämlich nach Silvester immer Tohuwabohu an der Schule in Bezug auf Feuerwerk. Und es gab einen Feuerwerkswurf an meiner Schule – beziehungsweise außerhalb des Schulgeländes, das möchte ich nochmal klarstellen. Und ich habe diesen Jugendlichen sofort erwischt. Und da merkt man, dass wir was bewirkt haben. Ich erkläre Ihnen warum: Die Jugendlichen, die gesehen haben, wer es war, haben mir nämlich sofort den Täter beschrieben und kundgetan, dass es passiert ist. Und daran sieht man, dass die Mehrheit mittlerweile nicht mehr hinnimmt, dass die Minderheit das Leben an dieser Schule bestimmt. Aber das hat mich zum Beispiel rasend gemacht.
Und ein anderes Beispiel möchte ich noch gerne bringen: Es gab zu Beginn meiner Amtszeit die Nutzung von Vapes, diesen E-Zigaretten. Das habe ich in einer Ecke wahrgenommen, das ist ein, zwei Wochen lang passiert. Ich habe all diese Vapes eingesammelt, die Schülerinnen und Schüler sanktioniert, ihnen Tadel geschrieben und dann bin ich mit den Vapes durch alle Klassenräume gegangen, auch recht klar und vielleicht auch ein bisschen emotional, und habe allen deutlich gemacht, dass wenn das nochmal passiert, die Sanktionierungen eben kein Gespräch mehr sind, sondern weitere folgen werden.
„Manchmal bin ich auch resigniert.“
Sie klingen in den Podcasts und Interviews, die Sie im Laufe der letzten Jahre gegeben haben, immer sehr optimistisch und energiegeladen, so wie jetzt auch. Es gab vor ein paar Wochen aber auch ein Video von Ihnen, als Sie einen sehr schönen Preis als „Vorbild des Jahres“ bekommen haben. Und in diesem Video klingen Sie relativ resigniert. Da sprechen Sie über Schüler, die Sie nicht erreichen und was das mit Ihnen macht.
Ja.
War das eine ganz konkrete Situation damals, als das Video aufgenommen wurde? Sie wirken jetzt wieder ein bisschen anders.
Ja, nee, es warkeine konkrete Situation. Also, es gab eine konkrete Situation. Es ist so, dass wir jedes Jahr Schülerinnen und Schüler aus dem System entlassen, ohne einen Abschluss. Die Resignation, die Sie ansprechen, bezieht sich auf diese Einzelfälle. Wissen Sie warum? Weil ich kenne jeden dieser Jugendlichen. Und es sind Menschen. Und mir tut es leid, dass ich als Leiter dieses Systems, dieser Einrichtung, es nicht schaffe, diese jährlich fünf Jugendlichen bei uns an die Gesellschaft anzudocken. Was ich schaffe, ist, ihnen Selbstwert zu geben, dass sie im zweiten Schritt einen beruflichen Erfolg generieren können. Ich bin aber trotzdem nicht zufrieden damit und deswegen manchmal resigniert, dass ich diese fünf, sechs, sieben Jugendlichen jedes Jahr ohne Abschluss entlasse.
Sie wechseln jetzt in die Berliner Schulverwaltung. Dass Sie jetzt die operative Leitung einer Schule aufgeben und in die Verwaltung gehen, ist also kein Aufgeben wegen solcher Rückschläge?
Um Gottes Willen, ganz und gar nicht. Im Gegenteil. Ich hatte erwähnt, dass ich zum einen dazulernen möchte und zum anderen auch auf anderer Seite einen größeren Einfluss auf das Bildungssystem nehmen möchte.
Mir ist bewusst, dass mit meinem Abgang Jugendlichen auch eine Bezugsperson genommen wird. Das ist mir sehr wohl bewusst. Und es fielen bei der Dienstbesprechung sowohl bei dem Personal Tränen als auch in Gesprächen mit Schülerinnen und Schülern … Tränen vielleicht nicht, aber Trauerbekundungen sind schon gefallen. Mir geht es da gar nicht anders. Auch ich habe natürlich damit zu kämpfen, dass ich das Gefühl habe, diese Beziehung abzubrechen. Und das ist tatsächlich so, dadurch, dass ich dann nicht mehr Schulleiter dieser Einrichtung bin. Aber ich möchte auf das Schulsystem, auf das Bildungssystem Berlins eben noch einen größeren Einfluss ausüben.
Was würde die ideale Schule leisten – und was würde es dafür brauchen?
Die ideale Schule macht Kinder und Jugendliche zu zufriedenen Menschen – und zwar in der Gegenwart. Wissen Sie, wir sprechen häufig darüber, dass die Schule auf das Leben danach vorbereitet. Die Jugendlichen und Kinder leben aber jetzt in der Gegenwart. Das heißt also, die Zahlen in Bezug auf mentale Erkrankungen steigen. Nicht nur bei uns in Deutschland, sondern an vielen Orten dieser Welt. Und das System Schule muss das auffangen und nicht noch befördern. Und ich glaube, das ist ein Aspekt, der eine Rolle spielt.
Zufriedene Menschen wissen sehr wohl, was sie vom Leben erwarten. Und zufriedene Jugendliche können dann auch viel eher ihre Stärken benennen, ihren Selbstwert benennen, ihre beruflichen Ziele benennen. Wenn ich nur darauf aus bin, sie zu verwertbaren Objekten zu machen für den Arbeitsmarkt, mache ich sehr viel falsch.
„Die ideale Schule macht Kinder zu zufriedenen Menschen.“
Warum gelingt das ganz vielen Schulen noch nicht? Was fehlt da?
Ich glaube, dass es an Schulen eine zu große Heterogenität gibt, der wir als Lehrkräfte nur in dieser Profession nicht gerecht werden. Deswegen braucht es multiprofessionelle Teams. Und Schule muss ein Lebens- und Beziehungsraum sein. Ich bin schon der Meinung, dass Rahmenlehrpläne entschlackt werden müssen. Bildung hat einen Selbstwert. Also, ich bin auch dafür, dass man Schülerinnen und Schüler auch herausfordert und Nathan der Weise liest. Habe ich vor kurzem gemacht, deswegen fällt es mir jetzt als Beispiel ein. Und die Jugendlichen haben nur – ich zitiere – „Bahnhof verstanden“. Aber ich muss sie ja fordern. Und ich muss ihnen erläutern: Ja, das stimmt, so reden wir heute nicht mehr. Deswegen sollten wir aber trotzdem versuchen, die Ring-Parabel zu lernen und zu verstehen, was da besprochen wird.
Schule muss versuchen, Erfahrung zu generieren und über die Ring-Parabel können wir diese Erfahrung für den Dialog und das Miteinander nutzen. Es darf nicht nur der Nürnberger Trichter benutzt werden. Das heißt, wir dürfen nicht nur Inhalte in sie reinkippen, sondern sie müssen Erfahrung sammeln und kompetent durch diese Erfahrung werden.
Jetzt haben Sie schon gesagt, Sie möchten gern die Gesellschaft mitgestalten. Sie wollen das Bildungssystem verbessern. Reizt Sie die Politik?
Oh nee, ich glaube, dafür bin ich nicht gemacht.
Warum?
Ich kann es Ihnen nicht sagen. … Ich agiere ja durchaus politisch, aber nicht parteipolitisch. Politik und Demokratie kann man ja auch auf anderen Wegen angehen. Also, aktuell kann ich es mir nicht vorstellen. Ich glaube, dass diese Menschen noch viel mehr aushalten müssen als wir Schulleitungen.
Andererseits hat niemand so viel Einfluss auf das Bildungssystem wie Bildungsminister oder Schulsenatoren.
Da haben Sie rech. … Da muss ich nochmal überlegen, Herr Wolf, wirklich. Da habe ich keine Antwort drauf … Sie haben recht, größeren Gestaltungsspielraum als Bildungspolitiker gibt es kaum … Schwierig zu beantworten.
In einem Ihrer Interviews vor einiger Zeit haben Sie über sich selber gesagt: Ich bin radikal optimistisch. Was ist es, das Sie so optimistisch macht?
Meine Erfahrung in Change-Prozessen. Das ist, wie gesagt, jetzt die zweite Schule, die ich in den Turnaround bekomme und aus der Krise hole. Und das mache ich ja nicht alleine. Die Zuschreibung von außen, dass ich ein „Schul-Retter“ bin, die ehrt mich, aber die macht mit mir überhaupt nichts. Es geht darum, mit Menschen, sowohl Schülerinnen und Schülern als auch Eltern, als auch Lehrkräften und Schulsozialarbeitern, diese Systeme zu verändern.
Ich bin ein sehr klarer Mensch in Bezug auf die Herausforderungen des Systems, aber auch in Bezug auf die Chancen, die es gibt. Und ich spüre Tag für Tag, dass wir die Welt in unserem Raum ein kleines Stückchen besser machen. Und deswegen bin ich radikal optimistisch.


