Andrea Kdolsky am 13.5.26 vor dem Ö1-Haus

„Ich wurde gefragt, ob ich ansteckend bin. Ernsthaft.“

Dafür, dass Andrea Kdolksy nur von Jänner 2007 bis Dezember 2008 Ministerin war, wurde sie ziemlich bekannt. Weniger mit grundlegenden Reformen im Gesundheitsbereich oder in der Familienpolitik, sondern für ihre öffentlichen Auftritte.

Die ÖVP-Ministerin Kdolsky verteilte in Schulen Kondome, tanzte für die Kinder-Krebshilfe auf einer Bühne Csárdás, veröffentlichte ein Schweinsbraten-Kochbuch mit einem „Promi-Koch“ und gab ungewöhnlich persönliche Interviews, auch zu ihrem Beziehungs-Status. In der ÖVP schuf sie sich bald so viele Gegner, dass ihre politische Karriere mit dem vorzeitigen Ende der Koalition Gusenbauer-Molterer auch schon wieder vorbei war.

Nach ihrer Zeit in der Spitzenpolitik leitete die frühere Fachärztin für Anästhesie die Gesundheitssparte eines Consulting-Konzerns, organisierte Hochschul-Lehrgänge für Gesundheitsberufe und arbeitete wieder als Ärztin. Regelmäßig meldete sie sich mit Vorschlägen zur Gesundheitspolitik zu Wort – in Interviews, Talkshows, auf Social Media.

Ihre Mitgliedschaft in der ÖVP, der sie mit sechzehn beigetreten war, legte sie 2023 zurück – wegen der schwarz-blauen Koalition in Niederösterreich. Seither berät sie zu Gesundheitsthemen die Neos.

„SIE HABEN DARMKREBS“

Im Oktober 2024, wenige Wochen vor ihrem 62. Geburtstag, bekam Andrea Kdolsky nach einer Routine-Untersuchung die Diagnose Darmkrebs – zehn Jahre nachdem ihre Mutter an Darmkrebs verstorben war. Nach einer offenbar erfolgreichen Strahlentherapie wurden im Frühling 2025 mehrere Tumore in ihrem Gehirn entdeckt.

Kdolsky machte ihre Krebserkrankung öffentlich und schrieb über ihre Erfahrungen als Patientin, Ärztin und Gesundheitspolitikerin ein Buch, mit dem sie vor allem aufklären will: Betroffene, Angehörige und ihr Umfeld. Das Thema ist extrem relevant. Jedes Jahr erkranken in Österreich etwa 45.000 Menschen an Krebs, fast jede·r Dritte wird vor dem 75. Geburtstag eine Krebsdiagnose bekommen.

Als ich Andrea Kdolsky Anfang Mai via SMS zu „Im Gespräch“ ins Ö1-Studio einlud, wusste ich nicht, dass sie vier Wochen zuvor auch noch einen Schlaganfall hatte. Bei Ihrem Besuch im ORF-Zentrum merkte man ihr nichts davon an. Sie wirkte erstaunlich fit, war munter, offen, überraschend fröhlich, selbstkritisch und immer wieder sehr nachdenklich.

Unser Gespräch (55 min) können Sie hier hören – oder im Folgenden lesen:

Andrea Kdolsky im Ö1-Studio

Frau Dr. Kdolsky, Sie sagen, es gibt ein paar Grundregeln im Umgang mit Krebspatienten und eine davon lautet: „Fragt mich nicht: Wie geht es dir?“ Aber natürlich möchten alle Menschen, die uns jetzt zuhören, zuerst einmal wissen, wie es Ihnen geht. Was machen wir jetzt?

Naja, also Ausnahmeregelungen gibt es immer wieder und ich verstehe es natürlich. Es geht immer nur um die Frage allgemein. Es darf nicht zu viel werden. Wenn Sie zwanzig Leute treffen und zwanzig Mal die Frage „Wie geht es dir?“ hören – vor allem, wenn man wahnsinnig schlecht ausschaut, weil es einem schlecht geht – dann ist das mühsam. Aber prinzipiell kann ich sagen: Es geht mir Gott sei Dank im Moment wahnsinnig gut. Und das freut mich sehr, weil es mir auch schon wahnsinnig schlecht gegangen ist. Und ich habe vor knapp einer Woche die letzte Chemotherapie absolviert. Zum ersten Mal seit langer Zeit habe die Chemotherapie vertragen, weil das ist ja auch so eine Geschichte, dass sehr oft Chemotherapie nicht vertragen wird und da fühlt man sich wirklich ganz, ganz schlecht. Und das betrifft nicht nur mich. Alle Krebspatientinnen und -patienten – und wir haben ja in Österreich inzwischen 400.000 – wissen das. Daher kann man auch so schlecht sagen, wie man helfen kann oder wie man es beschreiben kann, weil es eigentlich bei jedem anders ist. Krebs ist eine Erkrankung, die bei jedem Menschen andere Auswirkungen hat. Sowohl von der Situation der Erkrankung selber als auch von den Reaktionen auf die Therapien.

Über all das möchte ich gerne heute mit Ihnen reden, über Ihre Erfahrungen mit dieser Krankheit, über das, was Sie daraus gelernt haben – auch für andere Betroffene und als Ärztin, aber auch für unser Gesundheitssystem. Mit dem haben Sie sich Ihr ganzes Berufsleben lang beschäftigt. Ich möchte auch über Ihre Erfahrungen mit der Politik sprechen im Laufe des Gesprächs und was wir vielleicht daraus lernen können.
Aber fangen wir einmal an im Oktober 2024. Da hat Sie Ihre Gynäkologin wegen einer Zyste zu einem MRT geschickt. Und danach hat der Radiologe zu Ihnen einen Satz gesagt, den niemand, wirklich niemand hören will.


„Ich hab nicht mehr atmen können.“


Ja, er hat zu mir gesagt: „Wissen Sie, Frau Doktor, die Zyste ist nicht Ihr Problem. Sie haben Darmkrebs.“
Und das war ein Zeitpunkt … ich war mein Leben lang ein extrem aktiver, multitaskingfähiger, auch sportlicher Mensch, auch wenn man es mir nicht immer angesehen hat, weil ich immer ein bisschen übergewichtig war. Übrigens im Nachhinein gesehen nicht schlecht, weil ich jetzt mit der Chemotherapie fast fünfzig Kilo abgenommen habe. Und hätte ich Normalgewicht gehabt, hat mein behandelnder Onkologe gesagt, hätte ich Sie jetzt auf der Intensivstation und würde um Ihr Leben kämpfen. Und ich habe in dieser Situation einfach keine Luft mehr gekriegt. Ich habe nicht mehr atmen können. Ich erinnere mich – wenn ich Ihnen das erzähle, spüre ich richtig im Oberschenkel diese Holzsprisseln von der Umkleidegarderobe, wo ich dort gesessen bin.
Man muss dazu sagen: Meine Mutter ist an Krebs gestorben, an Darmkrebs, und schiach. Sie hatte Metastasen im Hirn und es war wirklich ein grauenhafter Tod, leider. Meine Schwester ist an Leukämie gestorben, meine Großmutter ist an Darmkrebs gestorben. Ich bin Ärztin, ich habe das vor Augen gehabt, mir war natürlich bewusst, was das bedeutet, diese Aussage. Und ich war fassungslos. Ich war fassungslos.Ich bin bis Anfang August [2024]  jeden Tag zehn Kilometer gelaufen trotz leichten Übergewichts, war eigentlich immer ein extrem aktiver Mensch, der sich nie vorstellen hat können, krank zu sein.

Jetzt ist ja für ganz viele Menschen Krebs die Krankheit, vor der sie sich wahrscheinlich am meisten fürchten, weil auch die Wahrscheinlichkeit, dass wir sie bekommen, vergleichsweise hoch ist – vor allem im Alter. Und für viele klingt eine Krebsdiagnose nach einer Art Todesurteil. War das für Sie auch so?

Nein, nicht wirklich – und dagegen kämpfe ich auch an und das war auch der Grund, warum ich mein Buch geschrieben habe und das auch darin thematisiert habe. Die Diagnose Krebs ist keine Diagnose zum Tod. Wir haben inzwischen so tolle Überlebensraten. Wir haben Fünfjahres-Überlebensraten, die sind phänomenal. Die Onkologie ist einer der wenigen Bereiche, wo wir in Österreich in unserem Gesundheitswesen wirklich vorne sind. Wir sind Nummer vier in fast allen Überlebensfaktoren, im Entwickeln und Schaffen neuer Medikamente und Therapien. Und ich kenne viele Leute, die schon lange mit dieser Erkrankung leben, die sie auch überstanden haben und die – wie wir so schön im Medizin-Jargon sagen – in sogenannter Vollremission sind. Das heißt: Es ist weg und nicht mehr da und sie müssen nur mehr zu Kontrollen gehen.

Das war ja bei Ihnen auch so, aber machen wir es der Reihe nach: Sie hatten letztlich dann eine vergleichsweise nicht so schlimme Form von Darmkrebs. Sie haben zu Beginn keine Chemotherapie gebraucht, sondern nur Bestrahlungen. Vielleicht können Sie ganz kurz noch für die Menschen, die uns zuhören, erklären: Warum ist eine Strahlentherapie nicht so schlimm wie eine Chemotherapie?

Naja, die Strahlentherapie geht ja gezielt mit Strahlenstrukturen auf den Ort hin, wo das Geschehen stattfindet. Ich hatte ein Plattenepithel-Karzinom im Darm. Und bei diesem Plattenepithel-Karzinom brauchst du weder eine Chemotherapie noch eine Operation. Und die Bestrahlung selber war deswegen nicht so schlimm, weil es lokal ist, während die Chemotherapie ja universell den ganzen Körper betrifft. Das heißt, man muss sich vorstellen: Es wird Gift in den ganzen Körper gespült, damit die Zellen, die sich teilen – und dieses Teilen will man verhindern – de facto vergiftet werden. Und das spürt man natürlich bei der Chemotherapie, weil es ja nicht nur der Tumor ist, der betroffen ist, sondern der ganze Körper. Deswegen ist einem möglicherweise übel, man hat Kopfschmerzen und, und, und. Das heißt, es sind verschiedenste Symptome, die sich da zeigen bei einer Chemotherapie auf Basis der Vergiftung des Körpers.


„Abhängigkeit ist das Schlimmste.“


Eines der für mich unangenehmsten Dinge ist zum Beispiel – werden viele auch haben – die Neuropathie, also Nervenschädigungen vor allem der Füße und der Hände, was so ein bammstiges Gefühl hinterlässt und vor allem die Möglichkeit, kleine Dinge zu machen, völlig wegnimmt. Das heißt, Sie sind ein bisschen hilflos im täglichen Leben, weil Knöpfe zumachen, ein Halskettchen schließen oder solche Sachen kaum möglich sind ohne fremde Hilfe. Und ich habe ja immer gesagt: Abhängigkeit ist das Schlimmste, das es gibt. Also das heißt: Die Chemotherapie betrifft den ganzen Körper und ist universell. Die Strahlentherapie ist lokal und ganz gezielt auf einen Punkt. Und ich war sehr froh, dass ich dieses Plattenepithelkarzinom mit 43 Bestrahlungen völlig in den Griff bekommen habe. Wir haben die Abschluss-Untersuchungen gemacht und ich war sowohl metastasen- als auch krebsfrei.

Die Strahlentherapie hat sehr gut angeschlagen. Sie waren eben nach ein paar Monaten tumorfrei, also geheilt, kann man sagen, und wollten sich selbst mit einer Woche am Meer in Griechenland belohnen.

Genau.

Dazu ist es aber nicht gekommen, obwohl Sie am Flughafen schon eingecheckt hatten.

Ja, ich habe mir gedacht, jetzt zur Entgiftung auch, damit das einfach weggeht, der ganze Dreck, den ich da hineingekriegt habe, fahre ich jetzt ans Meer. Dann bin ich zum Flughafen gefahren, habe eingecheckt  und hatte einen Flug nach Athen und dann weiter auf eine Insel. Und habe mich hingesetzt in der Abflughalle und bin dann weggebrochen. Man könnte sagen – die Experten streiten sich da ein bisschen – war es ein kleiner Schlaganfall, war es ein epileptischer Anfall. Auf jeden Fall bin ich nach einiger Zeit mehr oder weniger wieder munter geworden und schaue auf den Abflugschalter und dort steht nicht Athen, sondern Sibiu oder was auch immer. Und ich habe mir gedacht: Das ist jetzt eigenartig. Also ich bin dort hingegangen und habe zu dem gesagt: Wo ist mein Athen-Flieger? Und der schaut mich fassungslos an und sagt: „In der Luft.“ Sag ich: „Wie kann das sein? Ich habe eingecheckt, ich sitze die ganze Zeit hier.“


„Tennisballgroße Tumore“


Und Glück, das ich gehabt habe, ist, dass mich der dann zum AUA-Schalter geschickt hat, weil er gesagt hat: „Schauen Sie, ob Sie eine Umbuchung kriegen.“ Nur ist das natürlich eine ziemliche Stange Geld Aufzahlung. Hatte ich nicht. Und habe daher, wie in Notsituationen so häufig, meinen Ex-Lebensgefährten angerufen, der sich immer sehr reizend um mich kümmert. Nach dem Motto: „Schick Geld.“  Und der hat hinter meinem Rücken Ärzte angerufen und die haben gesagt: „Die darf nicht in die Luft gehen, weil was auch immer sie im Kopf hat – wenn sie einen Schlaganfall hat oder was auch immer – wenn die auf zehntausend Meter in die Höhe geht, wissen wir nicht, was passieren könnte.“ Und das war lebensrettend, weil mit dem CT hat man sofort tennisballgroße Tumore frontoparietal, also vorn im Stirn-Schläfen-Bereich, gesehen. Und so kam ich mehr oder weniger zu einer Schädeloperation, die eigentlich viel weniger dramatisch war, als ich mir das ursprünglich vorgestellt hätte. Und dann hat sich herausgestellt, dass es sich um ein Zweitkarzinom handelt, ein sogenanntes neuroendokrines Karzinom. Das ist etwas ganz Mühsames. Dann wurde noch einmal abgecheckt und dann hat sich herausgestellt, ich hatte im Körper mehrere Metastasen. Und damit war eines besiegelt: Chemotherapie.

Jetzt geht es ja eben mit Chemotherapie sehr vielen Patientinnen sehr schlecht, weil sie extrem müde und schwach werden, ihnen ständig übel ist, ihnen auch die Haare ausgehen. Wie ging es Ihnen mit der Chemo?

Also anfänglich mit den Haaren – das hat man mir relativ gleich am Anfang gesagt –, daraufhin habe ich die Aktion ergriffen und habe gesagt: Ich warte nicht darauf, dass ich büschelweise Haare in der Hand habe. Daraufhin bin ich in Purkersdorf zu meiner Friseurin gegangen und habe gesagt: „Abrasieren.“ Sie hat gesagt: „Sie haben sie ja noch.“ Sage ich: „Wurscht! Bevor ich sie verliere, abrasieren.“ Ich war auch vorher schon bei einem Perückenmacher und habe mir eine zugelegt und habe dann zur Friseurin gesagt: „Wissen Sie was? Wir schauen uns jetzt an, wie meine Kopfform ist.“ Wir haben das gemacht und haben festgestellt: Die Kopfform ist in Ordnung. Da habe ich gesagt: „Brauche ich keine Perücke.“


„Krebs ist kein Todesurteil.“


Und das war mir auch wichtig, um es zu zeigen – und da kommen wir jetzt ein bisschen auf die Themen hin, warum ich auch an die Öffentlichkeit gegangen bin und was ich damit sagen wollte: Ich wollte damit das Tabu lüften. Ich wollte sagen: Ja, ich habe Krebs und man sieht es. Und Krebs ist a) kein Todesurteil, b) etwas, das nicht ansteckend ist. Herr Wolf, Sie würden es nicht für möglich halten, aber ich bin gefragt worden, ob ich ansteckend bin.

Ernsthaft?

Ernsthaft. Und ich war fassungslos. Für mich war damit klar: Ich muss Aufklärung machen. Wir müssen den Menschen erklären, was es ist. Weil wir sonst in diese Situation des Tabus kommen. Die Menschen werden zum Teil beschuldigt, wie wären selber schuld an ihrem Krebs. Absoluter Blödsinn. Ich diskutiere gern mit jedem, der das noch immer glaubt. Die Leute genieren sich. Das darf ja nicht wahr sein. Das ist eh schon schlimm genug, diese Erkrankung. Und sich dann dafür zu genieren, das bricht mir das Herz.


„Ich habe tagelang geheult.“


Und damit habe ich gesagt: Nein, ich gehe ganz offen auf alle zu. Ich sage: Ich habe diese Erkrankung, ich kämpfe sie auch durch. Auch um den Menschen zu zeigen: Man darf nicht aufgeben. Aufgeben? Einen Brief. Mehr nicht. Ich glaube, man muss einfach immer wieder jeden einzelnen Schritt nach vorne gehen.

Darf man nicht aufgeben? Gab es keine Phasen, in denen Sie völlig verzweifelt waren und sich gedacht haben: Das hat alles keinen Sinn …

Oh ja, Ich bin tagelang auf meiner Couch in Gablitz gelegen und habe geheult und nach meiner Mama geschrien, weil es mir so schlecht gegangen ist. Ja, es darf sein. Man darf weinen, man darf Emotionen haben, man darf Angst haben. Aber das Wesentliche ist: Unterm Strich, am Ende, der letzte Gedanke muss sein – ich sage jetzt nichts Ordinäres – aber: Sch… Krebs, ich besiege dich.

Aber verstehen Sie Patienten, die bei einer Krebsdiagnose sagen: Ich will keine mühsamen Therapien, nur damit ich ein paar Monate länger lebe, vielleicht mit einem künstlichen Darmausgang, das interessiert mich nicht?

Das verstehe ich sehr gut. Ich schreibe jetzt an meinem zweiten Buch und da behandle ich diese heiklen Themen wie Therapie-Abbruch und Palliativmedizin. Da geht es um Lebensqualität. Und ich glaube, jeder Mensch hat das Recht, für sich zu entscheiden, was seine Definition von Lebensqualität ist. Also wie ich so schlecht drauf war – wobei man fairerweise sagen muss, damit man jetzt nicht die Chemotherapie total verteufelt: Man hat mir gesagt, dass die Nebenwirkungen der Chemotherapie unter anderem auch Durchfälle sind und ich habe vor allem unter diesen Durchfällen gelitten. Es hat sich aber dann herausgestellt, dass das ein Darmbakterium war. Das heißt, in dem Moment, wo ich Antibiotika gekriegt habe, war es erledigt.

Aber Sie wollten nichts essen, wochenlang.

Nein, weil ich nicht gekonnt habe. Mir hat gegraust. Mir hat furchtbar gegraust. Vor allem Fleisch – keine Chance. Und so habe ich Kilo um Kilo verloren. Reingestiegen in die Therapie bin ich – weil ich Wasser in den Füßen hatte – mit 114 Kilo. Und 60 Kilo hatte ich als niedrigstes Gewicht. Ich meine, abgesehen davon wird die Figur nicht nur anders, sondern man verliert Kraft und Muskulatur. Das heißt: Ich habe auf einmal ganz schlecht gehen können, bin gegangen wie eine Hundertjährige. Ich habe immer helfende Hände gebraucht. Und ab dem Zeitpunkt beginnt Abhängigkeit.


„Ich fürchte mich nicht vor dem Tod.“


Und das war immer das, was ich gesagt habe: Ich fürchte mich eigentlich nicht vor dem Tod. Das klingt jetzt arg, was ich sage, aber es stimmt. Ich gehe immer wieder in mich und versuche das zu überlegen: Nein, das ist ein Vorgang, den wir nicht nachvollziehen können, weil wir ihn nicht kennen. Ich sage immer wieder – da kommt wieder mein schwarzer Humor zum Tragen, Sie entschuldigen – aber ich sage immer wieder: So schlecht kann es dort nicht sein, weil sonst würden schon ein paar wieder zurückkommen.

Man weiß es nicht. Vielleicht ist es auch ganz furchtbar.

Ja, man weiß es nicht. Aber prinzipiell ist es so, dass diese Abhängigkeit etwas für mich war, das unerträglich war und damit auch die Lebensqualität gesunken ist. Über die eigenen Beine zu stürzen, nach der dritten Tätigkeit, die man tut – und sei es nur, dass man die Badewanne auswischt – sich eine halbe Stunde hinsetzen zu müssen und Luft holen und wieder zur Ruhe kommen: Das war für mich unerträglich. Das war ganz, ganz schlimm. Und da habe ich zum ersten Mal verstanden, dass es schon im Bereich des Einzelnen liegt, zu sagen: Will ich das oder will ich das nicht? Weil eines darf man nicht vergessen: Therapieabbruch zum Beispiel heißt ja nicht, dass ich überhaupt nichts mehr bekomme. Auch das eine völlig irre Vorstellung. Ich kriege nur keine Chemotherapie. Ich kriege Schmerztherapie, wenn ich sie brauche, ich kriege Blutkonserven, wenn ich sie brauche, ich kriege alles, was ich brauche – nur halt keine Chemotherapie, weil ich gesagt habe: Mir ist es lieber, ich lebe nur zehn Jahre und davon neun toll und kann ans Meer fahren und Party machen und essen und einfach Freude am vorhandenen Leben haben, als ich lebe von mir aus zwölf Jahre und davon sechs Jahre lang auf die Couch gekrümmt und mit furchtbarer Übelkeit.


„Niki Glattauer habe ich sehr bewundert.“


Ich weiß nicht, ob Sie den Fall von Niki Glattauer letztes Jahr näher verfolgt haben, des ehemals sehr bekannten Journalisten und Schuldirektors, der sich letztes Jahr nach einer Krebsdiagnose das Leben genommen hat – mit Sterbehilfe durch einen Verein. Und das sehr öffentlich, weil er aufzeigen wollte, dass es diese Möglichkeit gibt. Was haben Sie sich damals gedacht?

Ich habe mir gedacht, dass wir wirklich noch sehr weit zurück sind in Österreich, dass wir uns so furchtbar aufregen. Aber wir regen uns ja immer über ganz eigenartige Dinge auf. Es geht ja jetzt nicht darum, dass man Sterbehilfe oder das Töten eines Patienten akzeptiert, weil das wirkliche Töten eines Patienten, nur weil er mir leidtut, ja nach wie vor verboten ist. Es geht nur darum, dass der, der eine Hilfestellung gibt, zum Beispiel das Medikament beschafft, nicht strafrechtlich verfolgt wird. Wenn ich heute mit meinen Fingern nichts mehr machen kann, wie soll ich mir da etwas beschaffen? Und das finde ich in Ordnung. Also das ist eine ganz andere Geschichte, als hingestellt wird.
Aber Niki Glattauer habe ich sehr bewundert. Er hat das mit seinen erwachsenen Kindern besprochen. Er hat das mit seinem Umfeld besprochen. Ich wollte darüber auch schreiben, nur habe ich mich dann ein bisschen gefürchtet, weil wenn ich auf einmal über assistierten Suizid schreibe, dann glauben alle, ich will mich umbringen. Und dann habe ich den ganzen Tag das Telefon läuten, weil mir alle beweisen wollen, dass das Leben eh so schön ist. Ich weiß es. Ich liebe dieses Leben! Deswegen würde ich es auch nicht machen.

Gäbe es irgendwelche Umstände, unter denen Sie es sich für sich vorstellen könnten?

Ja. Es gibt Karzinome, die optisch so verstümmelnd sind … Ich bin eine Frau – und das heißt zwar nichts, ich kenne auch eitle Männer –, aber ich bin eitel und das wäre für mich nichts. Wenn ich optisch so hässlich bin, dass Menschen sich von mir abwenden oder schreiend davonlaufen, dann wäre das nichts mehr, was ich aushalten könnte.

Jetzt hat die Chemotherapie, so mühsam sie war, offenbar gut funktioniert. Sie schauen gut aus. Sie haben wieder Haare. Ich habe Sie beim Eingang des ORF-Zentrums abgeholt, wir sind ein ziemliches Stück hierher zum Studio gegangen. Es geht Ihnen offenbar sehr, sehr viel besser. Und dann hatten Sie vor kurzem einen Schlaganfall. Das klingt alles wie aus einem Horrorfilm.

Ich schaue mir jetzt auf Netflix immer Horrorfilme an und komme mir eh bald so vor. Aber ich sage immer: Ich habe halt ununterbrochen „Hier!“ geschrien. Übrigens: Das ist auch so ein Spruch, den ich gar nicht aushalte. Wenn mir jemand sagt: „Naja, der liebe Gott gibt den Leuten nur das, was sie aushalten können.“ Ich will es nicht aushalten. Punkt. Egal, was mir der liebe Gott gibt. Diesen Spruch halte ich für problematisch.

Und wie oft haben Sie sich gedacht: Warum ich? Warum jetzt auch noch der Schlaganfall? Wie komm ich dazu?

Sehr oft. Sehr oft. Weil ich auch ganz furchtbar traurig war, dass ich die Mami nicht mehr habe und eigentlich niemanden habe, weil die Mami war für mich immer so tröstlich. Meine Mama hat immer, wenn es schwierig war, Lösungen gehabt. Und sie hat immer, wenn es mir schlecht gegangen ist, Grießnockerlsuppe gemacht, weil sie gesagt hat: Grießnockerlsuppe hat etwas Tröstliches. Und sie ist mir furchtbar abgegangen und ich habe darunter furchtbar gelitten, dass ich sie nicht mehr hatte.


„Lebensmüde war ich nie.“


Das war aber für mich auch ein Anreiz, einfach weiterzumachen und Schritte zu setzen. Zu sagen: Auch wenn sie nicht da ist, ist sie in irgendeiner Weise da. Und ich muss einfach den nächsten Schritt setzen und den nächsten Schritt setzen und den nächsten Schritt setzen. Aber lebensmüde war ich nie. Weil ich das Leben so wahnsinnig schön finde. Ein tolles Glas italienischer Rotwein … Ich bin ja ein absoluter Italien-Fan. Ich habe ja einige Jahre in Italien gearbeitet und gelebt. Ein schönes Glas Rotwein … Deswegen hören wir auf, uns ununterbrochen zu erklären, was wir alles nicht machen sollen, damit wir nicht Krebs kriegen.
Das Einzige, was ich wirklich bedauere, was ich getan habe und was wirklich unnötig war, war das Rauchen. Völlig unnötig. Weil es schmeckt nicht, es ist teuer und es ist schädlich. Rauchen halte ich für einen Blödsinn. Und das sage ich auch jedem, auch den Jungen. Und es tut mir wirklich in der Seele weh, dass immer mehr Junge rauchen, immer mehr Frauen rauchen und Österreich da eine ganz schlechte Position in der Europäischen Union hat… Ein schönes Glas italienischer schwerer Rotwein, eine tolle Pasta. Ich meine: herrlich, herrlich!

Der Schlaganfall ist erst vier Wochen her.

Ja.

Man merkt Ihnen überhaupt nichts an davon. Und Sie schreiben in Ihrem Buch, das Sie noch vor dem Schlaganfall geschrieben haben, dass Sie sich immer gut versorgt gefühlt haben in diesen anderthalb Jahren. Sie haben ja offenbar auch Ihre Untersuchungen und Therapien sehr schnell bekommen. Wie sehr waren Sie denn da als Ärztin und als ehemalige Spitzenpolitikerin privilegiert?

A.W. mit Andrea Kdolsky im Ö1-Studio

Ich würde sagen, ich war als Kollegin privilegiert. Das mit der Politik ist eher sogar ein Nachteil, weil man sowieso immer bei jedem Schritt, den man setzt, im Hinterkopf hat: Um Gottes willen! Ich habe einen irrsinnig netten Brief von einem älteren Ehepaar bekommen, die gesagt haben: „Frau Doktor, wir haben Sie jetzt beobachtet. Sie sind mit uns in der Schlange gestanden. Sie haben sogar andere vorgelassen. Wir finden das toll. Sie haben sich keinen Weg gebahnt.“ Mache ich auch nicht. Ich habe immer mich bemüht, darauf zu achten, dass mir niemand vorwerfen kann, dass ich eine ehemalige Funktion dafür verwende, dass ich einen Vorteil daraus habe. Das, was natürlich ist – und das, Herr Wolf, kann ich nicht abschaffen: Friseurinnen werden auch Kolleginnen von ihnen besser oder schneller behandeln als eine Nicht-Kollegin.

Ist das so?

Als Ärztin ist das logisch. Ich war 16 Jahre im unfallchirurgischen Schockraum im AKH. Ich habe Gott und die Welt gekannt dort und war wie immer ein Unikum, weil goschert und frech und auffällig. Und ja, natürlich: Wenn eine Kollegin anruft und Hilfe braucht, dann ist man schneller da. Also, das sehe ich jetzt nicht als privilegiert, sondern das ist etwas, was man in vielen Bereichen sieht. Das wird man nicht abschaffen können. Das sehe ich auch nicht als Bevorzugung. Das, was ich natürlich habe: Dass ich mich auskenne. Dass ich weiß: Wer ist denn im Moment der Beste in dem und dem Bereich? Und dass ich mich traue. Ich bin goschert.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Sie keine Zusatzversicherung hatten. Und das ist doch für jemanden mit Ihrer beruflichen Vergangenheit ungewöhnlich. Warum haben Sie keine Zusatzversicherung?

Ich habe immer gesagt: Schauen Sie, eine Zusatzversicherung heißt: Der Chef behandelt Sie. Zumeist. Zumeist kommt der Ordinarius, der Primarius, der oberste Heini. Und die Frage für mich hat sich immer gestellt, auch selber als Ärztin: Wie oft macht der das? Weil ich sage ja immer – das freut die Kollegen nicht, aber – Medizin ist ein Handwerk. Je öfter ich es mache, wie bei einem Handwerk, umso besser werde ich. Sie wollen lieber von mir intubiert werden, wenn Sie wissen, dass ich’s in der Woche dreißig Mal mache, als wenn Sie wissen, ich hab’s einmal im Jahr gemacht. Weil da fürchten Sie sich – und das würde ich verstehen.


„Wir haben keine Zweiklassen-Medizin. Wir haben Wartezeiten.“


Und ich bin irgendwie draufgekommen: Mit einer Zusatzversicherung bist du ganz schnell in dem Eck „oberster Chef“. Keiner greift Sie mehr an, weil alle Jungen sich fürchten, dass sie etwas falsch machen und der Chef sauer ist. Und mit einer Normalversicherung suche ich mir den Oberarzt aus, der es am häufigsten macht.

Gut, andererseits liegen Sie – das ist manchen weniger wichtig und manchen wichtiger – im Einzel- oder Zweibettzimmer. Aber Sie bekommen mit einer Zusatzversicherung auch sehr viel schneller Untersuchungs- und auch OP-Termine. Ist das nicht eine Zweiklassen-Medizin?

Nein. Zweiklassen-Medizin ist genau definiert, kann man nachlesen. Zweiklassen-Medizin würde bedeuten, wenn ich jemandem aufgrund seiner Hautfarbe, seiner Religionszugehörigkeit oder seiner finanziellen Möglichkeiten eine notwendige Therapie gar nicht zukommen lasse.

Das gibt es in Österreich nicht.

Das gibt’s in Österreich nicht, aber wir haben Wartezeiten.

Aber dass ich auf eine Therapie, die ich brauche, viele Monate warten muss und wenn ich dafür bezahle, kriege ich sie schneller – ist das dann nicht auch eine Zweiklassen-Medizin?


„Wir gehen viel zu schnell Richtung Operation.“


Nicht wirklich. Weil ich ja der Meinung bin – aber das ist auch eine Meinung, die nicht von allen geteilt wird –, dass wir sowieso viel zu schnell in Richtung „Ich muss operiert werden“ gehen. Und das ist etwas, was mir viele Unfallchirurgen und Orthopäden bestätigen. Es gibt vorher – ich bin Schmerztherapeutin – so viele Möglichkeiten, bevor ich eine Operation machen muss.

Andererseits: Einen Tumor zum Beispiel muss man oft operieren und da wollen Sie nicht monatelang darauf warten.

Ja, natürlich: Wenn Sie eine Zusatzversicherung haben, dann haben Sie das Recht, sich den Arzt auszuwählen. Und der organisiert Ihnen die OP meistens schneller. Das ist richtig. Das heißt: Ich könnte jetzt sagen: Ja, natürlich, das ist eine Zweiklassen-Medizin. Jetzt muss ich Ihnen aber noch einmal etwas sagen: Wenn ich heute mit achtzehn eine Zusatzversicherung beginne, dann kostet mich das fast gar nichts. Für mich ist das jetzt mit Krebs und in meinem Alter völlig sinnlos, weil ich zahle wahrscheinlich so viel, da kann ich es gleich bar zahlen.  Aber ich glaube, eine Zusatzversicherung schadet nicht.

Bleiben wir doch gleich beim Gesundheitswesen ein bisschen grundsätzlicher. Die Gesundheitspolitik und eine Reform ist jetzt auch ein zentrales Thema für die aktuelle Regierung und für Sie ist das überhaupt eine Art berufliches Lebensthema. Wir geben in Österreich sehr viel Geld für unser Gesundheitssystem aus, das ist im Spitzenfeld in Europa, aber nicht im Ergebnis. Beim wichtigsten Indikator, nämlich gesunde Lebensjahre, sind wir sogar erstaunlich schlecht. Warum ist das so?

Wir haben auf der einen Seite einen schlechten Zugang zur Prävention, also Vorsorge.

Schlechter Zugang heißt: Wir kommen nicht dazu oder wir machen es nicht?

Wir gehen nicht hin. Wir machen’s nicht. Es ist offensichtlich für viele Menschen – ich sehe das jetzt bei verschiedenen Aktivitäten auch der Krebshilfe, die sich da ja sehr bemüht – egal ob das die Geschichten sind mit Prostatakarzinom, weil es ist so einfach inzwischen …


„Wir sind schlecht in der Vorsorge.“


Die Wissenschaft hat ja inzwischen Möglichkeiten geschaffen, wie diese Untersuchungen schmerzfrei, schnell und einfach machbar sind. Eine Koloskopie, also um den Darmkrebs hintanzuhalten respektive Wucherungen schnell zu erkennen, abzuzwicken und in die Histologie zu schicken, zu schauen, ob es etwas Bösartiges ist oder nicht … Je schneller ich die Diagnose habe, umso schneller kann ich reagieren. Das heißt: Wir sind schlecht in der Vorsorge.

Und warum ist das so? Warum ist das in anderen Ländern besser? Warum gehen da mehr Leute zur Vorsorge?

Das ist etwas, was von Kindesbeinen an beginnen muss. Ich habe mir das in Skandinavien angeschaut. Da ist einfach der Zugang zum eigenen Körper und zur Gesundheit des eigenen Körpers ein ganz anderer. In Skandinavien sind gut zwei Drittel der Jugendlichen in Sportclubs. Und das ist etwas ganz Erstaunliches, in dem Moment, wo die in irgendwelchen Clubs sind, leben sie gesünder. Weil sie sich austauschen, weil sie einfach einen anderen Zugang zu ihrer eigenen Gesundheit haben, weil sie gesund bleiben müssen. Und das wäre ja schon ein Hit. Bei uns schaffen wir die Skikurse ab. Und wenn man dann hinterfragt, warum das so ist, dann ist das, weil wir keine Aufsichtspersonen haben … Meine Güte, in verschiedenen europäischen Ländern, die ich kenne, helfen die Eltern mit und machen Aufsicht zum Beispiel. Da muss man halt kreativ sein. Nur wir sind nicht kreativ. Das ist übrigens auch so ein Thema.

Gut, aber Sie würden sagen: Bei Prävention gibt es ausreichend Angebote, es wird zu wenig angenommen.

Es wird zu wenig angenommen. Es gibt Angebote bei der Brustkrebs-Geschichte, bei der Darmkrebs-Geschichte.

Es gibt die Gesunden-Untersuchungen, die man machen kann …

Eine Gesunden-Untersuchung, die noch verbessert gehört meines Erachtens, aber die da ist. Für Prostata-Karzinom – es gibt genug Möglichkeiten, rechtzeitig zu gehen. Ich sage immer wieder in meinem Umfeld den Männern: Geht bitte zur Prostata-Untersuchung! Ja, es ist unangenehm, aber meine gynäkologische Untersuchung ist auch nicht lustig.

Jetzt haben Sie schon oft gesagt, man geht in Österreich zu schnell ins Spital und nennen als Gegenbeispiel oft die Niederlande. Warum gerade die Niederlande?  Was machen die gut?

Die machen dieses Abwehren vom Spital gut. Das heißt, man kann in den Niederlanden eigentlich nur ins Spital kommen, wenn man eine Zuweisung von einem Allgemeinmediziner oder Family Practitioner hat, respektive wenn man nach einem Unfall von einer Rettung aufgeklaubt und ins Spital geführt wird. Aber das hat über die Jahrzehnte einen Umdenkprozess bei den Niederländern geschaffen. Die würden gar nicht ins Spital gehen.

Die gehen dann zum Allgemeinmediziner. Da würden Ihnen jetzt in Österreich viele sagen: Wir haben aber zu wenige Allgemeinmediziner, vor allem zu wenige Kassenärztinnen.

Und dort muss ich ansetzen. Und ich glaube, so kommen wir auf die Lösungsansätze. Und wenn Sie sich erinnern: [Bundeskanzler] Karl Nehammer hat damals groß jubiliert, dass er zusätzliche Kassenstellen geschaffen hat. Und ich habe einen Lachkrampf gekriegt. Warum? Weil er hat, glaube ich, zweihundert damals zusätzlich geschaffen. Und dreihundert waren offen. Da haben wir dann fünfhundert offen gehabt. Das heißt: Wenn wir Lösungen finden, dann sind es Lösungen, die wir nicht wirklich mutig durchziehen.


„Wir haben genug Ärzte.“


Wie kommen wir denn zu mehr Kassenärztinnen?

Indem wir die Rahmenbedingungen für die Ärztinnen und Ärzte verbessern.

Was müsste man da machen?

Wir müssen sie mehr in die Praxis lassen.

Sind die nicht eh den ganzen Tag in der Praxis?

Ja, aber sie dürfen viele Dinge nicht machen. Der Punkt ist, wenn wir die Zahlen uns anschauen, bei weitem genug Ärzte. Also diese Pro-hundert-Europäer-Zahlen: Da haben wir genug Ärzte. Wir haben genug Bettenstationen – was heißt genug? Viel zu viel. Aber warum gehen – und wir haben genug Leute, die Medizin studieren wollen – nur die, die fertig werden, gehen weg. Und warum gehen sie weg und wohin gehen sie? Die, die Medizin betreiben wollen, gehen meist nach Skandinavien. Weil sie dort einen ganz anderen Zugang zum Aktivmedizin-Betreiben haben. Dort kriegen Sie ganz früh schon einen Patienten, den Sie selber betreuen dürfen und einem Oberarzt den Vorschlag machen: Was würden Sie jetzt vorschlagen, was zu machen ist? Das ist ja viel spannender als der Visite Röntgenbilder nachtragen. Das ist das Eine.
Das Zweite ist, dass wir ganz schlecht in der Digitalisierung sind. Das heißt: Viele Tätigkeiten, die locker in der Digitalisierung umsetzbar sind – Überweisungen schreiben, solche Sachen –, die lustigerweise in der Pandemie gegangen sind und kaum war die Pandemie zu Ende, ist das alles wieder weggefallen, Rezepte schreiben und so weiter. Das heißt: Ich muss ihnen diese Dinge wegnehmen und muss ihnen dafür mehr Medizin geben
Das Nächste ist natürlich, dass es sehr, sehr oft nicht um Geld geht. Wenn Sie mit den jungen Ärzten reden: Es geht auch um Zeiten. Deswegen bin ich gar nicht böse, wenn die sagen: Work-Life-Balance. Schauen Sie mich an. Ich habe noch kein Krankenanstalten-Arbeitszeitgesetz gehabt und habe siebzehn Dienste gemacht. Naja, heute bin ich krebskrank. Ich will das jetzt nicht direkt diesen Diensten zuschanzen, aber es könnte schon sein. Weil es ist interessant, dass gerade aus unserem Kreis Unfallchirurgie damals relativ viele Leute schwer krank oder schon tot sind. Das heißt: Diese Work-Life-Balance ist gut. Dazu kommt, dass es leider Gottes gerade in der Medizin – wo wir es am besten wissen sollten – nicht üblich ist, Danke zu sagen. Wir brauchen für die Leute auch ein Lob. Ich muss auch die Leute positiv führen. Wird nicht gemacht. Meistens wird es mit Druck gemacht und mit Strafandrohungen. Und das ist halt nicht unbedingt das, wie man sein Leben verbringen will.


„Diplomatie und Kdolsky – das geht sich nicht aus.“


Jetzt haben Sie da ganz viele Ideen und Vorschläge. Jetzt waren Sie ja Gesundheitsministerin. Warum haben Sie das nicht alles gemacht?

Ich habe das zum Teil eingebracht. Die große Reform 2008 hat viele dieser Dinge beinhaltet. Ich gebe zu, dass ich immer sehr provokant war, in meiner eigenen Partei provokant war. Das war mein Fehler. Weil, um Dinge umzusetzen und durchzusetzen, braucht man etwas, das ich in der Politik nicht gehabt habe – und jeder Headhunter hätte mich rausgehaut: Ich bin nicht diplomatisch. Diplomatie und Kdolsky, das geht sich nicht aus. Ich habe mir viele Feinde gemacht. Ich habe natürlich ganz große Themen angegriffen, wie den Föderalismus. Und da gibt es Politiker in Österreich, die sofort rot sehen, wenn der angegriffen wird. Ich habe die Sozialversicherung attackiert, die Selbstverwaltung, die Mitbestimmung der Sozialpartner geht damit ein bisschen den Bach hinunter. Und das war auch der Grund – um jetzt darauf zu antworten, was Sie mich gefragt haben –, warum ich natürlich sehr unbeliebt war in den eigenen Reihen und sehr traurig war, dass ich 2008 diese große Reform aufgrund des Vetos meiner eigenen, damals noch meiner eigenen Partei, nicht durchgeschafft habe. Das habe ich auch immer zugegeben. Das war auch der Grund, warum ich dann eigentlich leichten Herzens gegangen bin. Und ich habe den Job gern gemacht, wirklich gern. Aber nachdem ich dann so erfolglos war in der Umsetzung der Reformen, habe ich gesagt: Das geht sich nicht mehr aus. Weil man braucht eben Partner, um Reformen durchzuziehen. Man schafft es nicht allein.

A.W. und Andrea Kdolsky vor dem Ö1-Haus

Das war ja schon das Ende Ihrer politischen Karriere. Schauen wir mal kurz an den Anfang. Sie waren bei Ihrem Wechsel in die Regierung dreiundvierzig und Geschäftsführerin der niederösterreichischen Landeskliniken, immerhin von fast dreißig Spitälern. Wie sind Sie Ministerin geworden? Wer hat Sie angerufen? Wie passiert das? Wie lange haben Sie nachgedacht?

Ich bin auf dem Weg nach Niederösterreich gewesen, wo ich eben mein Büro hatte. Und es ist das Telefon gegangen und es war unbekannte Nummer. Übrigens etwas, was ich nie wieder mache. (Lacht.) Ich habe abgehoben: „Kdolsky, guten Morgen!“ „Hallo!“ Die Stimme kannte ich nicht. Sag ich: „Ja, wer spricht?“ „Willi.“ Ich kannte eigentlich auch keinen Willi, bis auf den von der Biene Maja. Und es hat sich herausgestellt: Es war Willi Molterer.

Damals ÖVP-Obmann und Vizekanzler.


„Das Evangelium nach Erwin“


Vizekanzler später und ÖVP-Obmann. Klubobmann. Ich habe mit ihm nichts anfangen können, weil eins ist schon: Wenn man in Niederösterreich in führender Funktion tätig ist, gibt es nur Niederösterreich. Da gibt es das Evangelium nach Erwin [Pröll] und alles andere ist kein Thema.

Gut, aber Sie wussten im Prinzip, wer Willi Molterer ist.

Ja, aber nicht jetzt so, dass ich gesagt hätte, ich lese täglich etwas über ihn, sondern ich wusste, dass er Klubobmann ist …

Und er sagt was zu Ihnen?

Und er sagt: „Ich habe eine Frage.“ Sage ich: „Ja, welche?“ „Würdest du Ministerin werden?“ Das war für mich ungefähr so wie die Krebs-Geschichte. Also es hat mich auch auf den Hintern gesetzt, weil ich mich auch damit nie auseinandergesetzt habe, weil es auch nie ein Thema war. Es hat mich nie jemand darauf angesprochen, es hat mich nie jemand ins Spiel gebracht. Und ich war ja so glücklich in Niederösterreich …

Ja gut, da könnte man ja sagen: Danke fürs Angebot, aber nein, danke!

(Denkt nach.) Wissen Sie, Herr Wolf, ich glaube einfach, man muss so ehrlich sein und sagen, dass man schon auch eitel ist. Und dass viele dieser Jobs nicht zustande kommen, weil jemand besonders qualifiziert ist oder weil es jemand kann, sondern weil jemand Ja sagt. Weil es natürlich schon eine unglaubliche Geschichte ist, Bundesministerin der Republik Österreich zu werden. Und so ehrlich bin ich, das zu sagen.

Wie lange haben Sie nachgedacht?

(Denkt nach.) Eigentlich … ich würde sagen, nicht einmal einen halben Tag. Und ich habe etwas – ich war ja immer so ein Stammtisch-Diskutant und habe alles verbessert und habe gesagt: Alles, was jetzt passiert, ist schlecht. Ich weiß, wie es besser geht. Und dann habe ich mir gedacht: So, und jetzt hast du die einzigartige Chance. Jetzt kann ich was ändern. Jetzt kann ich all das machen, was ich am Stammtisch dauernd erzähle, was ich machen möchte.


„Es geht immer um Macht und Geld und Einfluss.“


Jetzt habe ich ja mal eine Dissertation geschrieben über Quereinsteiger in der Politik, weil ich das Thema immer interessant fand, und eine Frage, die ich dabei sehr interessant fand, ist: Warum glaubt man eigentlich als Quereinsteiger, man kann das – Minister oder Ministerin? Das ist ja ein völlig anderes Handwerk auf einer sehr hohen Ebene. Warum traut man sich das selber zu, wenn man das vorher noch nie gemacht hat?

Weil man viele andere Dinge gemacht hat, die dazu passen. Ich kannte mich im Gesundheitswesen aus. Ich bin ein Kommunikator. Ich kann gut mit Menschen. Was ich nicht berechnet habe, war diese Diplomatie.

Wann ist Ihnen denn das erste Mal aufgefallen: Hoppla, das habe ich unterschätzt?

Ich habe mich ja sehr gut mit dem [Erwin] Buchinger, dem Sozialminister, verstanden – SPÖ. Und wir haben die Idee gehabt damals, die Rezeptgebühren-Deckelung zu machen. Was natürlich nicht zur positiven Stimmung des Kanzlers und Vizekanzlers beigetragen hat, weil es wieder Geld kostet im Sozialversicherungsbereich.Und ich bin draufgekommen: So geht es nicht. Auf einmal sagt die Hälfte der Leute: „Machen wir nicht“, weil – und da bin ich dann so narrisch geworden – die einen halt mit den Sozialversicherungen irgendwie eine Packelei haben und die anderen mit dem und die Dritten mit dem. Es geht immer um Macht und um Geld und um Einfluss. Und das war mir wurscht. Es ging nicht um Macht und Geld, es ging darum: Ich wollte unbedingt dieses Gesundheitssystem restaurieren.

Aber das kann man halt allein nicht machen. Das könnte man ja wissen.

Ja, das habe ich nicht gewusst. Das war mein Fehler, ja. Ich war zutiefst überzeugt – und ich sage Ihnen jetzt auch warum: Ich bin ein bisschen so erzogen worden. Meine Mutter hat mir beigebracht, alles selbstständig zu tun. Ich kann Reifen wechseln, ich kann – ich weiß nicht was – ein halbes Haus zusammenbauen. Und ich habe mein Leben lang eigentlich gelernt, eigenständig und selbstständig alles zu erledigen.

Aber dass Politik ein Gemeinschaftsprojekt ist, das liegt ja an sich in der Natur der Sache.

Ja, da habe ich mich zu wenig damit beschäftigt. Ich habe ehrlich gesagt: Ich hätte wahrscheinlich Politikwissenschaften auch noch studieren sollen.

Ich weiß gar nicht, ob das notwendig ist und dann bessere Politiker macht …

Nein, glaube ich eh nicht.

Also, ich habe Politikwissenschaft studiert, ich wäre ein furchtbarer Politiker… Aber Sie sind ja auch bekannt geworden durch eine, sagen wir mal, ungewöhnliche Öffentlichkeitsarbeit. Sie haben Kondome verteilt in Schulen. Sie haben für die Kinderkrebshilfe bei einem Benefiz-Csárdás getanzt – in allen Zeitungen war das Foto, da kann sich jeder noch erinnern. Sie haben ein Schweinsbraten-Kochbuch mit einem Promi-Koch herausgegeben. Und Sie haben durchaus ungewöhnliche Interviews gegeben, in denen Sie zum Beispiel als kinderlose ÖVP-Familienministerin – an sich ja schon ein bisschen ungewöhnlich – gesagt haben, man soll die Mutterschaft nicht politisch verklären. Das hat nicht allen in Ihrer Partei gefallen. Und in Porträts über Sie waren die freundliche Beschreibungen: „Unkonventionell“ und „unorthodox“, die weniger freundlichen waren „fidel“, „laut“, „schrill“, „chaotisch“.


„Es sprudelt aus mir raus.“


Und niemand, der das damals gehört hat, wird je Ihr Interview bei Claudia Stöckl am Sonntagfrüh im „Frühstück bei mir“ auf Ö3 vergessen, in dem Sie damals von Ihrer Trennung erzählt haben, von Ihrer neuen Liebe und wie lange Sie jetzt als Single in der Badewanne liegen. Und jeder, der es gehört hat, hat sich damals gedacht: Too much information. Warum macht man sowas?

Also prinzipiell war mein Ziel, das Gesundheitsministerium in die Öffentlichkeit zu bringen: Ich möchte unbedingt, dass die Leute verstehen, wie das Ganze funktioniert und was es ist.

Aber dafür war jetzt Ihre Badewanne nicht so relevant.

Das ist richtig – das war ein Blödsinn. Das sprudelt aus mir raus, Herr Wolf, Sie kennen mich zum Teil. Ich habe das in etlichen Fällen gesagt. Ich habe zum Beispiel gesagt bei einer Pressekonferenz mit dem Ärztekammerpräsidenten [Walter] Dorner – da hat ein Journalist gesagt: „Frau Bundesministerin, warum tun Sie immer mit dem Herrn Präsidenten so streiten?“ Daraufhin habe ich kurz in die Luft geschaut und dann kam das so über meinen Hinterkopf in meinen Mund und über meine Zunge hinaus, dass ich gesagt habe: „Schauen Sie, wenn man den Sumpf trockenlegen möchte, dann fragt man nicht die Frösche.“ Dass der Dorner dann sich geschraubt hat in höchste Höhen und natürlich heiß war ohne Ende, sehe ich heute total ein. Aber ich schwöre es Ihnen: Ich habe nichts von den ganzen Dingen niedergeschrieben oder mich hingesetzt und überlegt. Ja, wahrscheinlich unüberlegt. Vielleicht zu wenig Coaching.


„Die eigene Partei hat mich am miesesten behandelt.“


Das hört man selten von Politikern und Politikerinnen, aber ich habe eher als Journalist zumindest den Eindruck: Politikerinnen sind heute eher übercoacht. Wie viel Sexismus war dabei? Der damalige Generalsekretär des ÖVP-Wirtschaftsbundes, sehr mächtiger Mann in der ÖVP, hat mal gesagt: „Ich kann diese Frau nicht mehr ernst nehmen.“ Ich kann mich an kein Zitat erinnern, wo je ein Spitzenpolitiker über einen Mann öffentlich gesagt hätte: „Ich kann diesen Mann nicht mehr ernst nehmen.“

Das hat mich sehr gekränkt. Und ich war sehr – eigentlich, ja, traurig ist das falsche Wort – ich war eigentlich fassungslos. Wie ich überhaupt fassungslos war, dass mich eigentlich die eigenen Parteileute am miesesten behandelt haben. Sie haben mich ja ausgewählt. Die haben ja von Anfang an gewusst, dass ich mehrfach geschieden bin, dass ich keine Kinder habe, dass ich unkonventionell bin, dass ich den Mund aufmache. Also jeder wusste, wie ich bin.

Meine Frage war: Wie viel Sexismus war dabei an der Kritik?

Viel. Ich würde sagen achtzig Prozent. Was aber etwas ist, an das man sich fast schon in Österreich in der Politik als Frau gewöhnt, weil die einfach schlecht behandelt werden.

Ist das heute von Ihrem Eindruck als Beobachterin besser als vor zwanzig Jahren?

Sagen wir so: Es wird besser aufgezeigt – auch nicht überall. Und es wird – und das fängt bei Epstein an und endet letztendlich beim sexistischen Witz im unfallchirurgischen OP – stärker beachtet. Das schon, ja.


„Über die Frisur eines Abgeordneten wurde nie diskutiert.“


Also damals wurde – wenn Sie sich erinnern – ich wurde definiert über mein Gewicht, über meine Kleidung, über meine Frisur. Ich kann mich nicht erinnern, dass jemals über die Frisur irgendeines Abgeordneten diskutiert worden ist.

Gerade über die Frisur von Erwin Buchinger, des Sozialministers, wurde eben schon diskutiert …

Wir zwei waren ja die …

Aber auch, weil er sich vor laufenden Kameras die langen Haare abschneiden hat lassen.

Ja, aber normalerweise der 08/15-Nationalratsabgeordnete, der auch nicht immer attraktiv ist und auch nicht immer die Idealfigur hat und auch nicht immer gut angezogen ist – da wird das nie beachtet. Bei den Frauen immer.

Wären Sie heute eine bessere Gesundheitsministerin?

Ja.

Was würden Sie anders machen?

Ich würde mich nicht mehr fürchten vor Einsprüchen. Ich würde mir diplomatischer Partner suchen. Zum Beispiel, wenn Sie sich erinnern: Ich habe seinerzeit diese medizinischen Versorgungszentren, heute Primärversorgungszentren, aus Deutschland abgekupfert und eigentlich in Österreich bekannt gemacht. Eine große Kritik ist von der Ärztekammer gekommen. Weil die dann Wirtschaftskammer und nicht Ärztekammer gewesen wären und die Beiträge wären dorthin geflossen. Da sieht man schon, um was es in Wirklichkeit geht.


„Meine Eitelkeit würde ich heute zurückspulen.“


Und heute würde ich mir die Ärztekammer als Partner holen, würde sagen: „Ich schenke euch das Thema. Ihr habt es gemacht.“ Und hätte nicht so egoistisch gesagt: „Ich habe es erfunden, ich habe es geholt, daher muss ich auch die Lorbeeren kriegen.“ Also ich glaube, meine Eitelkeit würde ich zurückspulen.

Wie schwierig war nach der Spitzenpolitik die Resozialisierung, also quasi die Rückkehr in ein normales Berufsleben?

Am Anfang war es irrsinnig schwierig, weil du einfach – und auch wenn das die Leute nicht glauben – als ehemalige Spitzenpolitikerin, noch dazu wenn du keine Unterstützung hast oder kaum Unterstützung hast, weil ich ja keinen [ÖVP-]Bund hatte oder Sepp Pröll immer den Bauernbund hinter sich gehabt hat. Wenn der irgendwas gesagt hat und einer hat was Falsches dagegen gesagt, ist der gesamte Bauernbund aufgestanden und hat sich vor ihn gestellt wie eine Mauer. Vor mich hat sich keiner gestellt. Ganz im Gegenteil: Der Gesundheitssprecher war, glaube ich, sauer, dass er nicht Gesundheitsminister geworden ist und hat alles getan, um mir auch noch die Hacke ins Kreuz zu werfen.
Also, ich würde glauben, dass es sehr, sehr schwierig ist, von einer absoluten Spitzenpolitik … noch dazu wenn man sich ein bisschen immer ins Out setzt und wenn man, wie gesagt, gegen Kassen, gegen große Stakeholder gegangen ist, da machst du dir schon wirklich potente Feinde und wenn das der Fall ist, kommst du nicht so schnell wieder in einen Job hinein.

Sie haben seit ein paar Monaten eine neue berufliche Aufgabe. Im Auftrag des burgenländischen Landeshauptmanns Doskozil bauen Sie an der Klinik Oberwart an der Onkologie ein sogenanntes Maggie’s Center. Das ist eine Idee der schottischen Künstlerin Maggie Keswick Jencks und ihres Mannes, eines Landschaftsarchitekten. Die haben das erste Maggie’s Center 1996 in Edinburgh eröffnet. Mittlerweile gibt es etwa dreißig davon, die meisten in Großbritannien. Und das erste in Österreich entsteht eben jetzt in Oberwart. Können Sie ganz kurz das Konzept erklären?

Im Prinzip sehr kurz: In diesem Center, das einen offenen, freien Zugang hat und auch offene Räumlichkeiten hat – das heißt, wir sind da völlig offen und jeder, der das Bedürfnis hat zu kommen, kann kommen –, wird alles das angeboten, was sich im Spitalsbereich, in der Diagnostik und Therapie nicht ausgeht. Das heißt: Wir bieten dort psychologische Unterstützung an. Wir bieten dort viel Information an – sowohl für Angehörige als auch für Betroffene. Wir bieten Erklärungen an, wenn man sich mit Befunden nicht auskennt. Wir bieten an, dass wir Erklärungen machen über alternativ-komplementärmedizinische Themen, aber auch natürlich über die Themen Diäten zum Beispiel. Es wird immer wieder Krebskranken gesagt, es gibt die Krebsdiät und so. Jetzt ist endlich die Studie aus Harvard herausgekommen, die sagt: Bitte Krebskranke – keine Diäten! Mangelernährung! Achtung! Das sind die Themen. Wir bieten an: Physiotherapie, Bewegung, die übrigens viel wesentlicher ist als die Ernährung, weil da die Durchblutung gefördert wird, das Gehen an der frischen Luft und auch die Psyche verbessert wird. Aber auch genau diese Psyche. Das, was wir ganz am Anfang besprochen haben: die Möglichkeit, eine Schulter anzubieten, dass man sich auch einmal ausweinen kann.


„Ich würde gerne noch einmal nach Fiji.“


Sie sind jetzt 63, Sie könnten schon in Pension sein. Sie sind nicht ganz gesund. Wie lange möchten Sie noch arbeiten?

Solange es irgendwie geht.

Tatsächlich?

Ja, ich brauch‘s. Ich brauch’s.

Wenn Sie es sich aussuchen könnten – wie lange würden Sie dann gern leben?

(Denkt nach.) Ich würde mir eine Bucket List machen. Und diese Bucket List abarbeiten, um dann gehen zu können. In Ruhe gehen zu können.

Was wäre ganz oben auf der Bucket List?

Ich würde gern noch einmal nach Fiji. Ich bin zu meinem 50. Geburtstag mit meinem zweiten Ex-Ehemann auf Fiji gewesen. Und das ist so dermaßen traumhaft, die Südsee. Also dort würde ich gerne noch einmal hin. Diese Farben – ich verstehe alle Maler, die dort gemalt haben. Es ist … ich habe geweint, als wir abgefahren sind.

Und wenn wir jetzt noch einmal an den richtigen Umgang mit Krebserkrankten denken: Wie sollte man sich denn von Krebspatientinnen, die man nicht regelmäßig sieht, richtig verabschieden?

Ich wünsche dir einen wunderschönen Tag – und freue mich, wenn wir uns wiedersehen!

Frau Kdolsky, ich wünsche Ihnen einen wunderschönen Tag und freue mich, wenn wir uns wiedersehen!

Ich bedanke mich für das tolle Interview.

Danke schön!


Wir haben dieses Gespräch am 13. Mai aufgenommen. Vorgestern hat mich Andrea Kdolsky angerufen. Sie hatte gerade ihre neuesten Befunde bekommen. Sie ist jetzt wieder krebsfrei.
Ich habe mich sehr mit ihr und für sie gefreut.


Fotos: Ursula Hummel-Berger/Ö1

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