Seit Anfang 2026 darf ich einmal pro Monat Gastgeber der fabelhaften Ö1-Radioreihe „Im Gespräch“ sein – einer Sendung, die einst Peter Huemer nach seinem (unfreiwilligen) Abschied vom Club2 begründet hat. Als ersten Gesprächspartner habe ich mir jemanden ausgesucht, den man vielleicht nicht unbedingt mit meiner sonstigen Arbeit assoziieren würde: Marco Wanda, den Gründer, Sänger und Songwriter der Wiener Rockband Wanda.
Der Musiker hat letzten Sommer sein erstes Buch veröffentlicht – über die irre Karriere einer Band, die 2015 innerhalb weniger Monate aus dem Wiener Underground zu einem der erfolgreichsten Acts im deutschen Sprachraum wurde, während ihr Keyboarder bald unheilbar erkrankte und 2022 mit nur 32 Jahren starb.
Schmerzhaft offen und literarisch ambitioniert beschreibt Wanda, wie fünf junge Männer mit diesem Hype, mit ihrem Instant-Ruhm, Krankheit, Lügen, Freundschaft, Alkohol und Drogen rangen und wie die Band daran beinahe zerbrach.
Ich fand „Dass es uns überhaupt gegeben hat“ als Lektüre faszinierend – wohl auch, weil es ein Leben beschreibt, das so diametral anders ist als meines. Ähnlich ging es mir mit dem Buch, das praktisch gleichzeitig von Stefan Redelsteiner erschien, dem ersten Manager von Wanda, der dieselbe Geschichte aus einer etwas anderen Perspektive schildert.
Ich dachte mir, das könnte die Basis für ein interessantes Gespräch werden. Und das ist es, finde ich, dann auch geworden. Vor allem auch in den Passagen über den Zustand der Musikindustrie, über #metoo und Social Media.
Eine 52 Minuten lange Radioversion hat Ö1 am 9. Jänner gesendet, unterhalten haben ich mich mit Marco Wanda aber eineinhalb Stunden lang. Das gesamte Gespräch gibt es als Podcast auf sound.orf.at und allen Podcast-Plattformen zu hören.
Und nachstehend ungekürzt zu lesen – mit vielen weiterführenden Links und etlichen Wanda-Videos als Bonus-Tracks. (Meine nächsten Gäste „Im Gespräch“ werden übr. im Februar Carolin Amlinger & Oliver Nachtwey sein und im März die wunderbare Barbara Coudenhove-Kalergi.)
IM GESPRÄCH: MARCO WANDA
Marco Wanda oder Michael Marco Fitzthum, wie Sie ja amtlich heißen – wie rede ich Sie eigentlich an?
Marco.
Und wie stellen Sie sich vor, wenn Marco nicht reicht?
Bis jetzt hat es immer gereicht. Die meisten Menschen, denen ich im Inland begegne, wissen, wer ich bin und wie ich heiße. Ich habe mich, ehrlich gesagt, lange niemandem mehr vorgestellt.
Und wenn Sie irgendwo unterschreiben müssen?
Dann habe ich eine Art Wellenlinie entwickelt, damit das schnell geht. MW in einer geschwungenen Linie.
Und am Amt?
Da habe ich eine andere Unterschrift. Meine amtliche Unterschrift ist nicht deckungsgleich mit meiner Künstler-Unterschrift.
Das ist ja vernünftigerweise so, weil möglicherweise nach Konzerten Menschen einem Dinge vorlegen, die man dann unterschreibt…
…genau, eine Entmündigungs-Erklärung. (lacht)
Sie waren gerade monatelang auf Tour, allerdings nicht auf Konzerttourneen mit Ihrer Band, sondern auf einer Lesereise für Ihr Buch. Wie unterscheidet sich eigentlich von der Bühne aus eine Lesung von einem Konzert, außer dass es nicht so laut ist?
Das sind grundlegend unterschiedliche Erfahrungen. Es ist sehr ruhig, es ist sehr leise, man hört alles. Man hört die Menschen husten, man hört sie sich bewegen, atmen. Die Stimmung aus dem Publikum überträgt sich einfach ganz anders auch auf mich auf der Bühne. Bei einem Konzert sind die Währung und das Zeichen dafür, dass es gut läuft, Lautstärke, ekstatisches Geschrei, Hände, die durch die Luft fliegen. Bei einer Lesung ist es Stille. Da ist Stille die höchste Auszeichnung. Es war sehr interessant zu erleben.
Was macht mehr Spaß?
Spaß macht natürlich das Musikmachen mehr, aber das Lesen hat nochmal eine andere Tiefe. Und es ist weniger rauschhaft. Es ist wie eine Achtsamkeitsübung. Es will auch etwas völlig anderes. Ich erwarte von einem Konzert, dass es mich körperlich befreit. Ich sehe das wie ein uraltes Ritual, ein sehr körperliches Ritual. Bei der Lesung geht es um ein Gefühl, viel mehr als beim Musikmachen.
Sie haben während Ihrer Musikkarriere, in der Sie ja sehr viele Interviews gegeben haben, schon öfter gesagt, Sie wären zum Solokünstler nicht geeignet. Bei der Lesung sind Sie ein Solokünstler.
Ich habe aus einem sehr persönlichen Buch gelesen. Da nehme ich mich nicht als Künstler wahr. Da gibt es auch keine Show. Ich mache ja nichts, außer zu sitzen und zu lesen. Es hat mich total überrascht, dass das ein Job ist. Das ist ein komischer Beruf eigentlich: Sitzen und lesen und dafür bezahlt werden auch noch.
„Ich brauche eine Pause.“
Apropos Show, für das ganze Jahr 2026 sind keine Wanda-Konzerte geplant. Warum nicht?
Wir haben jetzt fast zwölf Jahre durchgespielt, wenn man Corona abzieht. Mir hat es irgendwie gereicht. Ich brauche eine Pause. Es ging sehr stark von mir aus. Ich glaube, dass die Burschen schon noch gespielt hätten. Aber wir haben uns auf dieses Jahr Pause geeinigt und werden noch ein Album aufnehmen. So ganz stillstehen kann diese Maschine sowieso nie. Dafür haben wir auch viel zu viel Lust drauf. Aber nach zwölf Jahren Rock’n’Roll-Ekstase hat es mir ein bisschen gereicht.
Reden wir über diese zwölf Jahre, aber fangen wir ganz am Anfang an. Sie haben mal erzählt, dass das erste Lied, das Sie in Ihrem Leben geschrieben haben, den Titel hatte „Ich kotze“. Wahre Geschichte oder gut erfunden?
Tatsächlich, ja. Ich kenne die Geschichte eigentlich nur aus Überlieferungen einer sehr engen Freundin, mit der ich seit meiner Kindheit befreundet bin. Sie hat mir das geschildert. Wir hatten dieselbe Klavierlehrerin, die immer Konzerte mit ihren SchülerInnen veranstaltet hat. Alle haben da irgendwelche Bach-Etüden oder so klassische Sachen vorgetragen. Ich habe anscheinend eine Eigenkomposition mit dem Titel „Ich kotze“ vorgetragen und angeblich manisch auf die Tasten geschlagen und dabei Geräusche imitiert, als würde ich mich übergeben.
Aber Sie können es sich nicht erinnern?
Ich habe keine Erinnerung. Es war einfach in the moment.
Wie alt waren Sie da ungefähr?
Sechs oder sieben. In dem Alter hat Mozart Streichquartette komponiert. Das ist ein großer Unterschied. (lacht)
Sie wissen also auch nicht mehr, wie das Publikum reagiert hat?
Ich glaube, das war ein sehr aufgeschlossener Haufen. Ich glaube, die fanden das lustig. Müsste ich mal nachfragen.
War das – auch wenn Sie sich heute nicht mehr daran erinnern können – der Zeitpunkt, an dem Sie beschlossen haben, Rock-Musiker zu werden.
Nein, mit Sicherheit nicht. Ich glaube, in dem Alter hat man gar kein Bewusstsein dafür. Das kam viel später. Durch dieses Idole-Haben in der Teenagerzeit. Kurt Cobain, John Lennon… Solche Figuren haben mich langsam an die Vorstellung einer Musikerkarriere herangeführt.
In dem Interview, in dem Sie von diesem Debut erzählen, haben Sie auch erzählt, Sie hätten schon immer gewusst, dass Sie mal was Besonderes machen werden. Ihren Schulkollegen hätten Sie damals gesagt: „Ich muss nichts lernen, ich werde berühmt“.
Es war mir selber schon sehr früh klar, dass ich irgendwie verrückt bin – oder ich kam mir verrückt vor. Mir war schon als Kind klar, dass ich ein bisschen anders bin als das jeweilige Umfeld, in dem ich verkehre. Dieses Gefühl hat mich getragen. Ich war laut, ich war auffällig. Ich wollte was. Ich habe keine Ahnung was, aber ich wollte immer irgendwas.
Inwiefern?
Ich wollte gar nicht unbedingt auffallen, aber ich hatte irgendwie eine sehr hohe Energie. Jetzt könnte man auch sagen, der medizinische Fachbegriff ist ADHS oder so. Vielleicht war ich einfach so ein typisches, nicht behandeltes ADHS-Kind. Aber ja, ich wollte immer was. Mit mir war es immer laut und ich war immer der Lauteste.
Und haben Ihnen Ihre Schulkollegen geglaubt, dass Sie berühmt werden?
Ich denke nicht, nein. Ich konnte auch lange Zeit gar kein Instrument wirklich gut spielen und ich konnte gar nicht wirklich singen. Ich habe dann irgendwann in der Schulzeit begonnen, manchmal eine Gitarre mitzunehmen. Und was habe ich da gespielt? Irgendwas von Nirvana. Ich glaube, irgendeinen Song vom Unplugged-Album habe ich in den Pausen manchmal gesungen. Als wir verreist sind mit der Klasse, habe ich das im Zug so vor mich hingesungen. Und da gab es einen Schulkollegen, der mir gesagt hat: Hey, du kannst das. Der hat mir Mut gemacht. Ohne dass er mir gesagt hätte, ich kann das, hätte ich vielleicht gar nicht bemerkt, dass ich singen kann.
„Berühmt sein ist furchbar.
Niemand bereitet einen darauf vor.“
Laut dieser Erzählung haben Sie damals gesagt: „Ich werde berühmt“. Gleichzeitig haben Sie offenbar zum Thema Ruhm, ein sehr ambivalentes Verhältnis. Kürzlich haben Sie in einer Lesung im Burgtheater dem Publikum gesagt: „Sollte jemand von Ihnen davon träumen, berühmt zu werden, lassen Sie es, es ist furchtbar“. Warum?
Es ist auch furchtbar. Oder, für mich ist es auch furchtbar. Wir sind noch am Anfang des Gesprächs, aber jetzt springen wir halt irgendwie so mitten rein. Da ging ein Zirkus los, der hat mein Leben verändert und auch mein Wesen. Und ich bin bis heute bemüht, mir das Davor wieder zurück zu kämpfen. Niemand bereitet einen darauf vor, dass man letzten Endes auch in ein Geschäft vordringt, in dem alles, was man sagt, interpretiert wird. In dem alles, was man sagt, verknappt wird, zitiert wird. Dinge, die ich jetzt mit Ihnen hier unter vier Augen bespreche, könnten in Ausschnitten morgen in einer Tageszeitung stehen. Auf dieses Multimediale und Ineinandergreifen von Medien, darauf war ich nicht vorbereitet. Ich war sehr naiv.
Haben Sie sich berühmt sein anders vorgestellt?
Ja, von Grund auf. Vor allem habe ich es mir irgendwie als eine Art Lösung und Heilmittel für alles vorgestellt. Wahrscheinlich wie so viele, die das anzieht. Ich dachte aus irgendeinem Grund, dann wird alles besser. So als könnten einen Erfolg und Karriere vor einem Dilemma im Leben bewahren oder vor Tragödien oder Schicksalsschlägen. Das ist natürlich Blödsinn, aber mit 24, 25 dachte ich das.
Sie wollten schon als sehr junger Mann Künstler werden. Sie haben literarische Texte geschrieben. Sie haben gemalt und sich auch an der Akademie der Bildenden Künste beworben, wurden aber abgelehnt. Sie haben an der Angewandten bei Robert Schindel Sprachkunst studiert. Und Sie haben schon vor Wanda in mehreren Bands gespielt, damals noch ohne Erfolg. Stimmt die Geschichte, dass Ihre Mutter – Psychologin und Musiktherapeutin – damals zu Ihnen gesagt hat: „Du bist kein Musiker, lass es bleiben“?
Irgendwann hat sie das sicher gesagt. Aber ich denke vor allem auch aus Sorge. In Österreich in den 90er Jahren, 2000er Jahren, vielleicht bis heute erschien es unmöglich von seiner Kunst oder seiner Musik zu leben. Das gab es ja 30 Jahre lang nicht. Der letzte war Falco und dann war aus. Deswegen kam es meinen Eltern, glaube ich, einfach unrealistisch vor: Dass einer am Frühstückstisch sitzt mit zerrissenen Jeans, ausschaut wie ein Obdachloser, gar kein Instrument spielen kann, nie einen Song vorgewiesen hat und sagt, er wird der nächste Falco oder so. Das hätte mich auch irritiert als Vater.
Und warum waren Sie sich so sicher?
Ich weiß nicht, ob ich mir sicher war. Keine Ahnung.
Warum haben Sie es für möglich gehalten?
Ich habe es nicht für möglich gehalten. Ich wusste nur, dass das alles ist, was ich will: Musik machen für viele Menschen. Das war alles, was ich wollte. Und es hat eine Reihe an Mutmachern gebraucht. Immer in meiner Biografie haben mir in entscheidenden Momenten andere Menschen Mut gemacht, es war deren Zuspruch und deren Glaube. Ich habe an die Band Wanda am Anfang auch gar nicht wirklich geglaubt. Ich habe das auch als meine letzte Chance gesehen und ich war auch bereit, diesen Traum im Falle eines Scheiterns aufzugeben. Es waren dann eher die anderen Bandmitglieder, mit denen gemeinsam sich diese Dynamik und dieser unglaubliche Glaube ergeben hat.

Im Buch erzählen Sie die Gründungsgeschichte, als Sie mit Ihrem Freund Manuel Poppe, dem heutigen Gitarristen von Wanda, im Café Alt Wien zusammensaßen, wo Sie damals Lokalverbot hatten, und er gesagt hat: „Gründen wir eine Band“. Manuel Poppe hat damals zu Ihnen gesagt, er würde alles dieser Band unterordnen, aber Sie müssten ihm dafür versprechen, sich nicht umzubringen, wenn die Band Erfolg hat. Und das haben Sie ihm auch versprochen. Aber wie kam er überhaupt auf diese Idee, Ihnen dieses Versprechen abzunehmen?
Manu ist ein sehr empathischer Mensch und er hat etwas Düsteres in mir gespürt. Rückblickend glaube ich, gab es in mir die genuine Möglichkeit, mir in dieser Zeit das Leben zu nehmen, mit Anfang 20. Mir ging es nicht gut und Manu hat das gewusst. Manu hat durch diese laute, sehr männlich inszenierte Lederjackentyp-Fassade hindurchgeschaut und gesehen, dass darunter ein verletzlicher Mensch steckt, der mit dem Leben hadert. Deswegen hat er mir das Versprechen abgenommen. Es war ihm sehr ernst, glaube ich. Das war kein Witz oder so.
Was einen aber wundert, wenn man das liest: Er hat Ihnen nicht das Versprechen abgenommen, dass Sie sich nichts antun, wenn es nichts wird, sondern dass Sie sich nichts antun, wenn es ein Erfolg wird.
Manu war pragmatisch. Es war ihm völlig egal, was im Falle eines Scheiterns passiert. Weil ich glaube, dass auch der Manu als Mensch nicht glücklich geworden wäre, ohne den Erfolg dieser Band. Das war schon unser Schicksal. Und mit Schicksal meine ich: Wir haben das entschieden, dass es unser Schicksal ist.
Bei diesem Gespräch hat er Sie auch gefragt, ob Sie eine Idee für einen Namen haben und sie haben Wanda vorgeschlagen, nach einer berüchtigten Wiener Zuhälterin, Wanda Kuchwalek. Sie hatten den Namen also schon bevor es die Band gab. Aber warum Wanda?
Diese Geschichte hat mich einfach fasziniert. Das hat man im Nachtleben in Wien ganz oft gehört von älteren Kellnern, Wirten oder Taxifahrern. Von allen Seiten habe ich jahrelang Anekdoten aus dem Leben dieser Zuhälterin gehört. Ich fand das spannend und fand es generell interessant, dass sich eine Band bestehend nur aus jungen Männern nach einer Frau benennt. Das war mir auch ganz wichtig in dieser Zeit.
Ab wann haben Sie sich eigentlich selbst Marco Wanda genannt und warum?
Fitzthum hielt ich für einen Zungenbrecher. Wanda rollt leichter über die Lippen. Aber da sind nicht viel Gedanken hineingeflossen, wie in gar nichts in dieser Zeit. Diese Zeit hatte eine ganz eigene Dynamik. Es waren fünf junge Männer, die entschieden haben, alles auf eine Karte zu setzen und die Welt zu erobern, mit all dem jugendlichen Pathos und all den Träumen.
„Das wächst sich zu einer Therapie aus, Herr Wolf.“
Aber ab wann gab es Marco Wanda?
Ab dem Zeitpunkt, in dem die Öffentlichkeit begonnen hat, mich mit Alkohol und Lederjacken zu assoziieren. Da würde ich sagen, wurde diese Figur, die ich nicht bin und nie war, geboren. Diese Projektion halt einfach.
Die Sie nicht sind und die Sie nie waren?
Sicher nicht allumfassend. Dass diese Figur ein Teil von mir ist, ja. Aber ich bin nicht Marco Wanda. Was für ein Blödsinn!
Wer ist Marco Wanda?
Keine Ahnung. Das habe ich aus der Hand gegeben. Das weiß ich nicht. Ich weiß, wer ich bin. Aber ich bin nicht allumfassend Marco Wanda.
Wer ist Michael Marko Fitzthum?
Das wächst sich zu einer Therapie aus, Herr Wolf.
Ich weiß nicht, ob ich Ihnen helfen kann.
Könnten Sie das beantworten: Wer ist Herr Wolf?
Könnte ich vielleicht. Wenn Sie mich mal zu einem Gespräch einladen, und mich das fragen, denke ich darüber nach.
Es ist schwer, sich selbst herunterzubrechen. Ich glaube, mediale Rezeption lebt davon, Dinge herunterzubrechen, aber man selbst bricht sich ja nicht herunter. Das würde man sich nicht antun.
Ich hatte mir die Frage gar nicht vorgenommen. Ich habe sie nur gestellt, weil Sie vorhin gesagt haben: Ich weiß, wer ich bin.
Ja.
Wer sind Sie?
Was heißt, ich weiß, wer ich bin? Ich habe ein Gefühl dafür, wer ich bin. Ja, das habe ich. Aber ich habe auch keine große Not, mich darzulegen oder mich zu sezieren. Ich habe kein anatomisches Interesse an meiner Person, sondern eine persönliche Beziehung.
Kommen wir zurück zur Band. War eigentlich von Anfang an klar, dass Sie der sind, der die Lieder und die Texte schreibt?
Ja, das war schon klar, weil ich de facto der Einzige war, der sich als Songwriter identifiziert hat. Ich habe das als Lebensaufgabe gesehen, Lieder zu schreiben. Bis heute macht mich nichts so glücklich wie ein gelungenes Lied. Es ist eine ewige Jagd nach dem nächsten und dem nächsten Lied.
Als Sie damals im Cafe Alt Wien gesessen sind und die Gründung von Wanda beschlossen haben – hatten Sie dann schon Lieder, die später auf Wanda-Alben waren?
Ja. eine Handvoll.
Zum Beispiel?
Ich glaube, es gab schon „Ich will Schnaps“. Ich glaube, es gab schon „Lucia“. Es gab ein Lied, das hieß „Sterne“. Es findet sich auf dem zweiten Album „Bussi“. Noch keine der späteren Hits, aber es gab ein paar Songs.
„Dass das etwas Besonderes ist, war klar. Nur ein Tauber hätte das überhört.“
Sie haben dann in sehr kurzer Zeit jede Menge Lieder geschrieben und sich mit recht exzessiven Konzerten durch die einschlägigen Wiener Gürtel-Bogenlokale gespielt, bis sie dann ihren Produzenten Paul Gallister gefunden haben und ihren Manager Stefan Redelsteiner, beide sehr wichtige Figuren in der Wiener Szene damals. Vor allem Redelsteiner mit seinem Plattenlabel und mit seinen Künstlern Der Nino aus Wien und Voodoo Jürgens. Redelsteiner hat auch ein Buch geschrieben, es ist ziemlich gleichzeitig mit Ihrem im letzten Sommer erschienen, und er erzählt darin eine großartige Geschichte vom ersten Treffen in Ihrem Proberaum. Sie hätten ihm nämlich damals schon erklärt: „Wanda wird das größte Ding, das du dir vorstellen kannst, und in Deutschland Zehntausender-Hallen ausverkaufen. Ich habe die Deutschen analysiert. Ich weiß, wie es geht. Wir werden sie knacken. Gehen wir es richtig an, sind wir innerhalb eines Jahres die größte Band des deutschsprachigen Raums.“ Das klingt ziemlich selbstbewusst für eine Band, die damals vor maximal 70 oder 100 Leuten gespielt hat.
Das steht in seinem Buch, dass ich das gesagt hätte? Das ist interessant, weil ich habe mich gerade gefragt: Wer hat das gesagt? Es hätte genauso gut Stefan sagen können.
Ja, das ist lustig, weil Sie es in Ihrem Buch genau umgekehrt beschreiben. Sie schreiben: „Redelsteiner dachte bereits an Deutschland, bevor ich für möglich hielt, dass wir außerhalb der Gürtellokale funktionieren.“
Ja, absolut. Ich glaube, wir haben uns in dieser Hinsicht einfach ergänzt. Ich muss noch kurz zurückspulen und einer Bemerkung widersprechen: Wichtig in der Szene waren Paul Gallister und Stefan Redelsteiner nicht. Das waren keine Mainstream-Label-Chefs oder Star-Produzenten, sondern das waren talentierte, auch am Anfang stehende, musikinteressierte junge Menschen, genauso wie wir. Wir haben uns da eigentlich alle auf Augenhöhe kennengelernt. Also, ich weiß nicht mehr, wer das gesagt hat. Es würde zu mir passen in Momenten, es würde aber auch zu Stefan passen. In dieser Zeit wussten schon alle Beteiligten an diesem Projekt Wanda: Das ist not your usual underground band. Dass das etwas Besonderes ist, war klar. Nur ein Tauber hätte es überhört. Das war schon klar, dass das besondere Songs sind, besondere Typen, eine sehr spezielle Mischung, eine spezielle Botschaft, ein Sturm und Drang, den niemand in dieser Szene hatte. Stefan hat mir damals mal gesagt: Bei anderen Bands hat er das Gefühl, sie können, aber wir müssen. Das war der große Unterschied. Und wir haben uns einfach fantastisch ergänzt. Wir wussten, wir haben da was in der Hand. Und wir sind immer so hin und her gependelt zwischen: Na, klar wird das riesig – und schrecklichen Zweifeln. Wir alle hatten genauso Angst, dass es nicht funktioniert, dass es übersehen wird.
Haben Sie Redelsteiners Buch nicht gelesen?
Auf Tour hatte es jemand mit. Ich habe noch nicht die Zeit gefunden, weil das für mich eine sehr aufwühlende Phase meines Lebens ist. Und das aus Stefans Sicht zu lesen, dafür möchte ich mir Zeit nehmen. Mehr Zeit als ich hatte.
Sie kommen ziemlich ausführlich vor. Er ist ein großer Fan.
Vice versa. Wir sind jetzt nicht unbedingt im Schlechten auseinandergegangen, sondern das hat sich auseinandergelebt. Wie etwas das wächst, ist es zerbrochen.
„Wow! Was passiert hier?
Es war völlig absurd.
Aber eine großartige Zeit.“
Dieser legendäre Abend in ihrem Tonstudio, an dem Redelsteiner ihre Lieder das erste Mal gehört hat und dann nach Hause gegangen ist, seine Freundin aufgeweckt hat und ihr 30 Lieder vorgespielt hat – das war im Herbst 2013. Ein Jahr später kommt ihr erstes Album „Amore“ heraus und Wanda geht auf Tour durch Österreich und Deutschland: Die fünf Musiker und ein Mann, der gleichzeitig Chauffeur, Tourmanager und ihr Tontechniker war, in einem alten Opel Minivan. Und ein paar Tage lang begleitet sie damals ein Redakteur der wichtigen deutschen Musikzeitschrift „Musikexpress“ und schreibt eine zig Seiten lange Titelgeschichte mit dem bis heute ständig zitierten Satz „Wanda ist die vielleicht letzte wichtige Rock’n’Roll-Band unserer Generation“. Ein großer Satz. Das erschien, während Sie nach ihren Konzerten damals noch gemeinsam in Doppelbetten in sehr billigen Hotels übernachtet haben. Was haben Sie sich gedacht, als Sie den Satz gelesen haben?
Wow! Mein erster Gedanke war: Wow! Die zweite Frage war: Was passiert hier? In welchem Film lebst du? Wie Sie beschreiben: Diese zwei Realitäten. Wir waren total gehypt und auf der anderen Seite waren wir nicht professionalisiert. Wir sind durch die Lande getingelt wie eine Hochzeits-Band. Es war völlig absurd. Aber eine großartige Zeit. Diese Energie, die alle Beteiligten hatten, die Bandmitglieder, die Menschen, mit denen wir uns umgeben haben und gearbeitet haben … da war eine hohe Energie. Und alle wussten zu jedem Zeitpunkt: Hier passiert was Besonderes. Das ist nicht nur eine Band auf einer Tour, sondern das ist history in the making. Das ist ein oarges Gefühl.
Das ist jetzt gut zehn Jahre her. Hatte der Musikexpress recht: Ist Wanda die letzte wichtige Rock’n’Roll-Band ihrer Generation?
Ich hoffe nicht. Ich glaube, es wird immer großartige Bands geben. Aber sie müssen alles anders machen als alle Bands davor. Auch anders als wir.
Was haben Sie anders gemacht als alle Bands davor?
Wir haben uns nicht angebiedert. Wir haben nicht auf Englisch gesungen. In der Zeit, in der wir angefangen haben, war die Szene eigentlich komplett englischsprachig. Und es hat immer noch dieses alte Versprechen gegolten, also quasi man kann Österreich überspringen oder umgehen. Wenn man Englisch singt, wird man international ein Star. Und das aufkommende Internet und MySpace haben diesen Glauben gefüttert. Alle dachten, wir brauchen Österreich quasi nicht. Ich empfand die Stimmung in der Underground-Szene als ziemlich abgehoben. Die Bands haben keine Musik für ihre unmittelbare Nachbarschaft, für ihre eigene Kultur gemacht. Es war immer gleich der Traum vom Internationalen. Wir haben versucht, Musik für die ÖsterreicherInnen zu machen, für unser eigenes Land, unsere Kultur. Und dann kam Deutschland dazu, fair enough.

In Deutschland ist damals ein unglaublicher Hype um die Band ausgebrochen. Nicht nur um Ihre Band, sondern gleichzeitig auch noch um andere Musiker aus Österreich. Haben Sie im Nachhinein eine Erklärung dafür – warum das damals so explodiert ist?
Ich glaube, es hat gefehlt. Es hat ein Narrativ gefehlt. Es ist eine schöne Geschichte, dass eine Reihe von jungen Musikern, die bis dato nur in den Gürtellokalen vor 50 Leuten gespielt hat, alle kollektiv explodieren und den Mainstream übernehmen. Das ist eine schöne Geschichte und diese Geschichte wurde gerne erzählt.
Und warum gefiel das gerade den Deutschen so gut? Das „Wiener Pop-Wunder“, der „Wiener Grind“.
Das kann ich nicht beantworten. Weil mich das auch nicht interessiert.
Redelsteiner hat doch erzählt: Sie haben die Deutschen studiert und Ihre Mutter ist Deutsche.
Ich glaube nicht, dass dieser Satz aus dem Buch jemals so gefallen ist. Das kann ich mir nicht vorstellen. Und wenn dann unter dem starken Einfluss von Drogen oder Alkohol. (lacht)
„Ich hasse den Kapitalismus.
Aber ich hasse keine Band.“
Dazu kommen wir noch. Nun hat die Band ja auch von Anfang an extrem polarisiert. Sie hatte sehr, sehr eingeschworene Fans, aber es gab auch Menschen, die Wanda regelrecht gehasst haben.
Bis heute.
Warum ist das so, glauben Sie?
Das weiß ich nicht, weil ich generell nichts hasse. Ich kann nichts hassen, da tue ich mir ganz schwer. Ich hasse den Kapitalismus. Ich hasse den Umstand, dass wir alle seit den 90er Jahren zu Konsumenten erzogen werden. Das sind Dinge, die ich genuin hassen kann. Ich hasse Ungerechtigkeit, ich hasse kriegerische Aggressoren. Aber diesen kleinen Hass, diesen kleinkarierten … diese Projektion, da kann ich nicht mitgehen. Deswegen habe ich keine Antwort auf diese Frage. Ich hasse keine Bands. Das würde mir im Traum nicht einfallen. Ich weiß nicht, wie man da hinkommt.
Schon ein paar Monate vor diesem berühmt gewordenen Artikel im „Musikexpress“ schrieb die FAZ, die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ – also wirklich große Bühne – im Februar 2015 eine Geschichte mit dem sehr hübschen Titel „Wanda geschehen“ [nicht online]. Muss einem mal einfallen…
Das verstehe ich gar nicht: Wanda geschehen?
So wie „Wunder geschehen“.
Ach, so. Okay, wow!
Das ist doch ein hinreißender Titel. In dem Artikel hieß es wörtlich: „Eine Band aus Wien regiert die Popmusik. Sie geben dem Schlager die Würde und Gefahr zurück, die Helene Fischer ihm genommen hat. Schwermütiger, heftiger Schlagerpop mit laut pochendem Herzen und Alkohol im Blut. Von 0 auf 100 in anderthalb Promille“. Fühlen Sie sich da gut beschrieben?
Wahrscheinlich schon, als Phänomen oder als Sehnsucht. Wie gesagt, ich glaube, es gab in dieser Zeit eine Sehnsucht nach einer wilden Band. Es war in dieser Zeit nichts wild. Es gab keine Rock’n’Roll-Band, die auf Deutsch singt, auch in Deutschland nicht. Ich sehe sehr viel Sehnsucht in diesem Artikel.
Gleichzeitig stehen hier aber auch die Wörter „Schlager“ und „Schlagerpop“. Gefallen Ihnen die für Ihre Musik?
Mein Gott, das steht mir nicht zu, das zu kommentieren. Wenn das jemand so empfindet, ist das eine persönliche Wahrheit. Wenn Wanda für irgendjemanden Schlager ist – kann ich nicht nachvollziehen, aber es würde mich jetzt nicht aufregen. Ich werde mich dadurch nicht fundamental missverstanden fühlen. Mein Ziel war es, immer Musik zu machen, die möglichst viele Menschen erreicht, mit dem Ziel, sie zu vereinen. Also etwas zu schaffen, auf das sich möglichst viele Menschen einigen können. Ich war jung in einem Jahrzehnt der politischen Spaltung in Österreich, Deutschland und ganz Europa. Und relativ früh war uns als Band klar: Was fehlt, ist eine Band, auf die sich jemand mit einer linken Ideologie und jemand mit einer rechten Ideologie einigen können. Die können sich streiten, aber wenn „Bussi Baby“ im Radio läuft, können sie sich zuprosten und sagen: Ja, aber der Song ist leiwand, oder? Das war die Mission, auf der wir uns gesehen haben.
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Dann frag ich jetzt sehr anders und vielleicht ein bisschen provokant, weil Sie sagen, Sie wollten Rock’n’Roll machen und es hat niemand auf Deutsch gesungen. Es hat jemand auf Deutsch gesungen, nämlich der „Volks-Rock’n’Roller“ Andreas Gabalier. Was unterscheidet Wanda von Gabalier?
Er ist ein Solokünstler.
Was unterscheidet die Musik von Wanda von der Musik Gabaliers?
Ich würde sagen, dass man Andreas Gabaliers Musik als Schlager bis hin zum Volkslied einordnen könnte. Und da würde ich Wanda nicht einordnen. Das Einzige, was Wanda mit dem Schlager gemein hat, sind eingängige Melodien, die man sich merkt.
„Wir waren keine Strizzis.
Das waren alles Worthülsen, die man uns nachgeschmissen hat.“
„Strizzi-Rocker“ las man damals auch ziemlich oft. Konnten Sie damit was anfangen? Das stand 2015, 2016 wirklich in jedem zweiten Artikel.
Ich weiß nicht, ich habe uns da nie wieder gefunden. Also ich wusste ja, dass wir ganz anders sind. Wir waren keine Strizzis. Ein Strizzi ist ein Krimineller. Wir sind ja nicht an der Straßenecke gestanden und haben irgendeine alte Frau ausgeraubt. Das waren alles Worthülsen, die man uns auf dem Weg nachgeschmissen hat, in der Hoffnung, dass irgendwas haftet und dieses Phänomen erklärt.
In dem FAZ-Artikel kam es bereits vor – und es gab wirklich viele Jahre keinen Text über Wanda, ohne ihren exzessiven Alkoholkonsum. Sie haben selber mal gesagt: „Rausch und Musikmachen sind untrennbar verbunden“ und schreiben auch in Ihrem Buch: „Es wurde erbarmungslos getrunken, sodass ich praktisch keine Erinnerungen mehr an das Frühjahr 2015 habe“. Was war das mit dieser Sauferei?
Naja, das ist etwas, das alle jungen Menschen tun. Bei uns ist es halt in der Öffentlichkeit passiert. Das ist der große Unterschied.
Naja, das war schon ziemlich exzessiv, oder? Also im Vergleich zu den meisten jungen Menschen war es schon mehr?
700.000 Österreicher sind diagnostiziert alkoholkrank. 700.000.
Die meisten davon sind nicht jung.
Da behaupte ich das Gegenteil. Das kann man jetzt recherchieren, aber Alkoholismus ist eine Volkskrankheit. Auf der halben Welt – in der arabischen nicht -, aber bei uns auf jeden Fall. Ich kann Ihnen nur sagen: Ich habe mich nie identifiziert, mit diesem Image, das wir hatten. Und ich habe uns ganz anders erlebt. Ich glaube, letzten Endes hat sich die Geschichte einer exzessiven Band einfach auch besser verkauft, als dass man da jetzt berichtet hätte, das ist eine Band, die in ihrer Philosophie Menschen unterschiedlicher Denkweisen zusammenbringen will. Ich habe das gebetsmühlenartig in all diesen Interviews die ersten Jahre immer wieder betont, es wurde nie gedruckt. Und dann habe ich irgendwann was über Alkohol gesagt, das wurde die Schlagzeile, das wurde der Vortext, das wurde das ganze Narrativ des Artikels. Ich muss Ihnen ja nicht erklären, wieviel Einfluss Medien haben auf das Bild einer Person in der Öffentlichkeit. Ich sage nicht, dass es nicht da war. Klar, wir haben hart gesoffen, ja. Aber es gab auch eine ganz andere Seite an uns, die einfach nie berichtet wurde. So einfach ist das.
Das Schöne an diesem Gespräch ist ja, dass wir genügend Zeit haben, um über das alles zu reden. Nun können Sie nicht beeinflussen, was die Medien über Sie berichten. Aber natürlich konnten Sie beeinflussen, wie Sie Ihr Buch schreiben. Und schon auf der ersten Seite Ihres Buches steht: „Die meisten KünstlerInnen, die ich kannte, konsumierten Drogen. Darin gab es kein Alleinstellungsmerkmal mehr. Also entschied ich mich, der zu sein, der am meisten trinkt. Trinken, dachte ich mir, ist wienerisch. Wenn ich also in einer Wiener Kunsttradition stehen will, die Kunst und Alltag verbindet, muss ich trinken. So wurde ich Alkoholiker.“
Das war die Gedankenwelt eines damals 21-Jährigen. So habe ich mir das Künstlersein vorgestellt. Ich habe irgendwann gelesen, dass Hemingway einen Riesenwirbel in der Literaturwelt gemacht hat durch dieses Alleinstellungsmerkmal des heftigen Trinkers. Und mit 21 dachte ich mir: Aha, das hat schon mal funktioniert, vielleicht funktioniert das nochmal. Hat auch funktioniert. Der Preis war hoch, aber es hat auch funktioniert.
„Kokain ist ein Teufelszeug.
Ein absolutes Höllending.
Das bereue ich.“
Ja, offenbar nicht nur mit Alkohol. Es kamen dann nämlich in den nächsten Jahren noch jede Menge anderer Drogen dazu: Marihuana sowieso, von Anfang an, dann Ecstasy, dann offenbar zwei sehr schlimme Jahre, die Sie im Buch sehr eindrucksvoll beschreiben, mit Kokain, Fentanyl irgendwann gegen Schmerzen.
Kokain ist ein Teufelszeug. Das ist ein absolutes Höllending. Den Alkohol bereue ich nicht. Weed gibt es ja schon als therapeutisches Mittel. Halluzinogene Drogen sind interessant für die Persönlichkeitsentwicklung in jungen Jahren, muss man nicht machen. Aber Kokain, das ist einfach die Hölle. Das bereue ich.
Weil?
Weil es einen Menschen aufspaltet in zwei Persönlichkeiten. Und eine ist untragbar für das eigene Leben und für das Leben aller Nahestehenden. Das ist eine Katastrophe, das Zeug.
Ich habe keinerlei Drogenerfahrung…
Zum Glück.
…aber das merkt man ja wahrscheinlich relativ bald. Warum macht man es dann so lang?
Also, die Geschichte dieser Band im Inneren ist untrennbar mit der Krankheit unseres Keyboarders Christian Hummer verbunden. Das kann man, wenn man Wanda von innen besprechen will, nicht von außen – dann kann man das nicht trennen.
Das muss man jetzt vielleicht kurz für unsere Zuhörer erklären: Wanda wurde 2015, 2016 mit einem Knall richtig berühmt. Sie waren alle Ende 20 damals. Und 2017, also sehr bald, ist Ihr Keyboarder Christian Hummer an Blutkrebs erkrankt. Er wollte aber nicht, dass diese Krankheit öffentlich wird. Und er ist dann auch 2022 mit erst 32 Jahren gestorben. Die Band hat also während ihres größten Erfolgs und während ihrer erfolgreichsten Tourneen mit einem Keyboarder gespielt, der eine tödliche Krankheit hatte.
Der auch regelmäßig auf Tour hätte sterben können. Ich habe die ganze Zeit mit einem Anruf gerechnet, jahrelang. Und das hat was mit uns gemacht, dieser Widerspruch. Dieser unglaubliche Glücksrausch, es geschafft zu haben, einmal im Leben etwas richtig gemacht zu haben und dafür Anerkennung zu bekommen und Menschen glücklich zu machen. Und dem gegenüberstehend das permanente Leben mit einem Menschen, der die ganze Zeit sterben kann. Das lag über allem. In dieser Zeit habe ich zu Drogen gegriffen, weil ich dachte, dem irgendwie nachkommen zu müssen. Ich weiß nicht, ob Sie das verstehen können, aber ich habe gemerkt, dass die Situation meine Ratio übersteigt. Von Kokain habe ich mir versprochen, schneller denken zu können, Dinge schneller einordnen zu können, bessere Entscheidungen zu treffen. Kokain stellt man sich wie eine Art Dopingmittel vor, wenn man keine Ahnung hat. Dass es einen Preis mit sich liefert, war mir, ehrlich gesagt, in meiner Naivität gar nicht so bewusst.
Warum haben Sie dann aufgehört?
Überlebensinstinkt. Ich habe gemerkt, dass es mich gegen eine Wand fährt, und das möchte ich nicht. Ich liebe das Leben. Deswegen habe ich aufgehört.
Eine Folge der Rauschmittel war auch noch ein anderes Rock’n’Roll-Klischee: Verwüstete Hotelzimmer bis hin zu einer Nacht, in der die Band offenbar ein halbes deutsches Dorf zerlegt hat.
Ein österreichisches. Leider auch noch…
Ein österreichisches? In welchem Bundesland?
Das darf ich nicht sagen.
Es muss jedenfalls eine recht wilde Geschichte gewesen sein. Grundsätzlich gab es für diese Auszucker in der Band einen Code: „Schlecht träumen“. Aber warum kennt man diese Geschichten mit dem Hotelzimmer-Zerlegen nur von Rock-Bands, aber nicht von klassischen Musikern oder von Jazz-Bands oder von Udo Jürgens?
Die Jazzer in den 50er, 60er Jahren waren auch ziemlich oarg drauf, so ist es nicht. Ich glaube, man kennt es von Bands, weil es einfach in der Öffentlichkeit steht. Meine Generation – ich bin aufgewachsen mit Vandalismus. Ich bin ein Kind der 90er Jahre.
„Wir waren wütend.
Wir waren alle wütend.“
Fast alle männlichen Bekannten, die ich habe, haben an irgendeinem Punkt ihrer Jugend ein Straßenschild abmontiert, einen Mercedes-Stern abgebrochen, eine Scheibe eingeschlagen. Das ist Teil meiner Generation: Die Wut auf den Kapitalismus und auf die Welt, in der man lebt. Ich hätte auch Sachen zerstört ohne den Erfolg dieser Band. Ich habe auch Sachen zerstört, ohne in dieser Band gewesen zu sein.
Warum waren Sie so wütend?
Ich wurde 1987 geboren …
Man könnte auch sagen: Die privilegierteste Generation, die je auf der Welt war…
Ja, das könnte man sagen. Was in sich eine gewisse Tragik birgt, weil: Wohin mit diesem Privileg? Was damit tun?
Gutes tun für die Welt?
Gutes tun für die Welt, ja. Darum ist meine Generation ja auch bemüht und das wird auch getan, aber wir waren wütend. Wir waren alle wütend. Das ist etwas, das ich nur auf der Gefühlsebene schildern kann. Das hat für mich keinen intellektuellen Boden. Es ist ein Lebensgefühl. Wir waren wütend. Die Musik, die wir gehört haben, war wütend. Die Literatur, die wir gelesen haben, war wütend. Jack Kerouac war wütend. Allen Ginsberg war wütend. William S. Burroughs war wütend. Marguerite Duras war wütend. Camus war wütend. Alle waren wütend. Und wir waren alle wütend auf den Kapitalismus. Wir haben gespürt, dass es das Versprechen einer freien Welt nicht gibt und sich für uns nicht realisieren wird. Das habe ich gespürt im Teenageralter.
Woran?
Konsum, Konsum, Konsum. Und seit dem Internet sowieso. Wir sind ja alle nur noch ein datenausspuckendes Ding. Wir sind Konsumenten. Das ist alles, was wir sind. Wir werden am Leben gehalten, um zu konsumieren. Das ist alles. Das war das Lebensgefühl meiner Generation.
Wann haben Sie aufgehört, Hotelzimmer zu zerlegen?
Irgendwann 2017, würde ich sagen. Hat nicht lange angehalten. Irgendwann war ich zu alt dafür. Und auch nicht mehr so wütend.
Seit dem Frühling 2024 trinken Sie nichts mehr, schreiben Sie. Dabei konnten Sie sich viele Jahre lang nicht vorstellen, ohne Alkohol ein Lied zu schreiben oder gar auf eine Bühne zu gehen. Nun haben Sie seitdem doch etliche Konzerte gespielt und zuletzt viele Lesungen absolviert. Wie ging es Ihnen da ohne Alkohol?
Das musste ich neu lernen. Das war ein nochmal Anfangen. Das auf der Bühne ist gut, das geht. Außerdem kann man immer noch ein bisschen kiffen davor. Das ist kein Problem. Aber das nüchtern Liederschreiben, das war Arbeit, mir das zurückzuerobern. Das habe ich 15 Jahre nicht mehr gemacht, nüchtern zu schreiben.
In etlichen Wanda-Liedern geht zum Alkohol. Einer Ihrer bekanntesten Songs heißt „Ich will Schnaps“. Den haben Sie beim Donauinselfest im Sommer 2024 nochmal gesungen – da waren Sie schon nüchtern. Singen Sie den noch öfter?
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Es gibt drei Lieder, in denen es um Alkohol geht, habe ich gerade zusammengerechnet. In einzelnen Zeilen. Da beginnt das mit der Rezeption.
Interessant, gefühlsmäßig sind es mehr.
Ja, genau. Aber da haben Sie die Antwort. Es ist nicht der Rede wert. Es sind drei Lieder. So sehr beschäftigt mich Alkoholismus nicht in meiner Kunst. Aber es ist etwas, das ich nicht ausklammern möchte.
Singen Sie „Ich will Schnaps“ noch?
Ja, selbstverständlich. Aber nicht um der Bedeutung wegen, so wie ich keines meiner Lieder um der ursprünglichen Bedeutung wegen singe. Das Gefühl, das man im Moment hat, wenn man ein Lied schreibt, spürt man auf der Bühne schon lange nicht mehr. Sondern da geht es um das gemeinsame Erleben mit dem Publikum. Außerdem vergesse ich den Text sehr oft. (lacht)
Reden wir über Ihre Musik. Haben Sie ein Lieblingslied von Wanda?
Ich habe Lieblingsmomente auf der Bühne und das ist tatsächlich „Ich will Schnaps“, weil wir das hinten raus immer ausimprovisieren, manchmal bis zu 10, 15 Minuten. Das finde ich ganz toll.
Zu Silvester 2022, ein paar Monate nach dem Tod von Keyboarder Christian Hummer, hat Ihnen Ihr damals todkranker Vater – der übrigens lange ORF-Journalist war [Werner Fitzthum, u.a. Leiter von „Inlandsreport“ und „Universum“] und der wohl allergrößte Wanda-Fan, den es je gegeben hat – eine sehr schöne SMS geschrieben, wie sehr er sie liebt. Sie haben sich am nächsten Tag, am Neujahrstag 2023, ans Keyboard gesetzt und „Bei niemand anders“ komponiert – eine sehr berührende Ballade, über die Sie selber im Buch schreiben: „Es ist das eine Lied, das man nur einmal im Leben schreibt“. Was meinen Sie damit?
Dass ich diese Art von großen Verlusten mir nahestehender Menschen zum ersten Mal erlebt hatte. Und egal was noch kommt, es wird nie wieder zum ersten Mal sein. Insofern wird es so ein Lied nie wieder geben.
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Sind Sie stolz auf das Lied?
Stolz ist das falsche Wort. Ich wünschte, ich hätte es nie schreiben müssen. Ich wünschte, das wäre alles nie passiert. Insofern habe ich ein gespaltenes Verhältnis zu dem Lied. Aber ich freue mich sehr, dass es Menschen etwas bedeutet. Und ich glaube, es bedeutet Menschen nochmal auf einer ganz anderen Ebene etwas als viele andere Songs von uns. Zu diesem Lied haben viele Menschen eine sehr, sehr persönliche Beziehung. Und mehr kann man sich als Songwriter nicht wünschen.
In den Konzerten ist es ganz spürbar ein ganz besonderer Moment. Auch für Sie immer noch?
Ja, ja. Wobei ich nicht weiß, ob man so ein Lied für den Rest seines Lebens singen kann. Mal schauen. Wir haben jetzt ein Jahr Pause, da kann ich mir genau solche Gedanken machen. Aber ich will nicht, dass „Bei niemand anders“ ein Zirkustrick wird. Das können andere Lieder sein, aber „Bei niemand anders“ ist mir irgendwie auch ein bisschen heilig. Ich weiß nicht, ob man das so Knopfdruck aufführen kann, 20 Jahre lang. Auch nicht, ob ich das will. Der lässt mich nicht kalt. Alle Songs live lassen mich kalt. Da geht es nur um die Ekstase im Augenblick. Der Song ist nur ein Vehikel, auf dem diese Ekstase entsteht. Aber „Bei niemand anders“ geht sehr, sehr tief.
„Ich fand ‚Bologna‘ einfach komisch.“
Ihr wahrscheinlich bekanntestes Lied ist „Bologna“ über die „Tante Ceccarelli“, die dort „Amore gemacht“ hat. Das ist de facto ein Volkslied geworden. Dabei wollten Sie das gar nicht auf dem ersten Album haben.
Stefan Redelsteiner und Ilias Dahimène haben das damals vorgeschlagen und haben es auch vorgeschlagen als den Hit. Und beiden war klar: Das wird unser Durchbruch. Ich habe geglaubt, die beiden sind wahnsinnig geworden.
Weil?
Ich fand das Lied einfach komisch.
Sie haben es ja geschrieben.
Ja, ich habe es geschrieben und es hat sich irgendwie geil angefühlt. Aber ich hätte nie gedacht, dass dieser Text auch das Tor zum Mainstream aufstößt. Ich dachte, alle, die das glauben, sind wahnsinnig. Zum Glück habe ich es nicht entschieden.
Eine inzestöse Beziehung zur Cousine…
Ja, auch das als Thema. Ich dachte mir nicht, dass das tausende Menschen strahlend mitsingen. Das habe ich mir nicht vorstellen können.
Aber die Tante Ceccarelli, die gab es tatsächlich und die war auch tatsächlich mal in Bologna verliebt.
Die gab es, ja. Ich hatte eine Großtante, also die Schwester meiner Großmutter. Eine halbe Italienerin, halbe Deutsche.
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Bei welchen Songs haben Sie sich eigentlich noch geirrt? Wo haben Sie gedacht: Das wird ein richtiger Knaller – und das hat dann nicht wirklich funktioniert? Und was, außer „Bologna“, war viel erfolgreicher, als Sie erwartet hatten?
Ich halte mich da raus in dieser Single-Auswahl. Ich bin da nicht gut, also aus einer marktwirtschaftlichen Perspektive. Wäre ich Manager einer Band, würde ich immer die falschen Lieder auswählen. Ich würde eine Band in die Unbekanntheit managen. Ich bin ganz froh, dass das andere Menschen entscheiden. Und mittlerweile geht es mir persönlich in der Single-Auswahl auch gar nicht mehr darum, ob es ein Chart-Erfolg sein kann, sondern ich möchte eine Geschichte erzählen und wir wählen die Songs eher nach dem Narrativ aus. Oder danach, was wir glauben, dass diese Welt gerade braucht, dass diese Welt gerade fühlen könnte über unsere Musik.
Welcher Ihrer Songs wird am meisten unterschätzt?
Das weiß ich nicht. Ich versuche mich nicht damit zu beschäftigen. Da müsste ich es ja selbst beurteilen und sagen, der ist besser als der, aber das tue ich nicht.
Sie schreiben ja selber im Buch, dass nicht alle Alben gleich gut waren, weil sie auch in unterschiedlichen Phasen entstanden sind.
Zu unserem vierten Album [„Ciao“] habe ich ein sehr gespaltenes Verhältnis. Aber nicht, weil es Scheiß-Musik ist, sondern weil die Zeit, in der wir es aufgenommen haben, eine Katastrophe war. Aber ich könnte das nicht beantworten. Ich finde, das Urteil der Fans ist immer noch das Nonplusultra. Fans entscheiden, was gut ist. Fans entscheiden, womit sie was anfangen können.
Ist das so? Das Publikum hat immer recht?
Das Publikum hat recht. Auf jeden Fall. Und ich brauche nicht für jede Arbeit Applaus. Ich weiß schon, dass das alles gut ist, sonst hätte ich es nie aufgenommen, sonst hätte ich es nie vorgeschlagen. Ich würde meine Bandkollegen nie mit schlechtem Material quälen. Das unterläuft schon einen Prozess, bevor es überhaupt ins Studio kommt. Aber danach hat die Welt recht. Die Welt hat nicht recht in der Beurteilung der Qualität. Aber was an diesen Songs ihnen etwas bringt, das ist ja das entscheidende Momentum. Wo fühlen sie sich gespiegelt? Wo spricht ihnen ein Text aus der Seele? Und das kann ich nicht entscheiden, für niemanden, nur anbieten.
„Ich sehe mich als cantautore.
Ein singender Schriftsteller.“
Sie haben mal gesagt – das ist schon relativ lang her – zu den wichtigen Einflüssen auf Ihre Arbeit gehört unter anderem Luigi Tenco. Das war in den 1960er Jahren ein sehr populärer italienischer Liedermacher, der sich 1967 mit erst 28 Jahren in seinem Hotelzimmer erschossen hat, weil er mit seinem Lied nicht ins Finale von Sanremo, dieses wichtigen italienischen Musikfestivals, gewählt wurde. Ist Ihnen wirklich die Musik von Tenco so wichtig oder war das mehr die dramatische Geschichte des Künstlers, der für sein Werk stirbt?
Hätten Sie es nicht gesagt, hätte ich es jetzt tatsächlich auch selbst korrigiert. Ich glaube, ich war mehr fasziniert von seiner Geschichte, als dass seine Musik tatsächlich ein veritabler Einfluss gewesen wäre. Generell finde ich das Italienische sehr singbar und danach habe ich mich in meiner Akzentwahl beim Singen quasi orientiert. Wie die Laute gezogen werden, das ist wunderschön. Aber da war es mehr die Geschichte dieses Menschen. Dass einer so für seine Kunst brennt, dass er sich aus Protest das Leben nimmt. Das ist schon… das ist ein bisschen wahnsinnig. Das ist aber auch irgendwo bemerkenswert…
Das ist vielleicht nicht nur ein bisschen wahnsinnig.
…oder tragisch. Wahnsinnig ist abwertend. Nennen wir es tragisch.
Tenco war das, was man in Italien einen cantautore nennt und auf Englisch einen singer-songwriter, also einen Sänger, der seine Lieder auch selber schreibt. Wäre das auch Ihre Selbstdefinition oder wie würden Sie Ihren Beruf beschreiben?
Diese Ideologie, dieses Selbstbild als genre-übergreifender Künstler, der Literatur und Melodie verbindet und in seinem Handwerk und in seiner Kunst vereint, das hat mich zutiefst geprägt. Und ich sehe mich nicht nur als Musiker und auch nicht nur als Schriftsteller, sondern als cantautore. Ein singender Schriftsteller.
Wenn Sie ein Lied schreiben, beginnen Sie mit dem Text oder mit der Musik?
Es fängt mit Akkorden an. Es braucht irgendeine Art von Akkord-Struktur und meistens findet der Text eine Melodie. Meistens und im besten Falle. Wenn das nicht passiert, kann man stundenlang sitzen und es wird nichts. Aber es gibt so ein magisches Momentum. Da entscheidet ein Satz eine Melodie und dann rutscht alles los. Im besten Fall.
Gibt es Zeilen, die Sie geschrieben haben, auf die Sie richtig stolz sind?
Eine Reihe von Zeilen, ja.
Sagen Sie zwei, drei.
„Immer leichter wird es schwer“. „Alles schaut so gut aus, so dass man es fast glaubt“… Da gibt es ein paar Zeilen. „Der Erste, der aufwacht, weckt den anderen auf“ – als Sinnbild für eine Trennung oder das Aufwachen aus einer Liebe. Da gibt es schon eine Reihe an Zeilen, wo ich das Gefühl habe, ich hätte etwas Veritables über das Leben ausgesagt. Und dann gibt es eine Reihe an Zeilen, wo mir das sicher nicht gelungen ist.
Sie haben an der Angewandten Sprachkunst studiert und Sie haben dort mal ganz früh „Bussi Baby“ vorgespielt, später einen ihrer allergrößten Hits, und „Lucia“. Und Sie schreiben im Buch: „Der Professor gab mir das Feedback: Zum Fremdschämen“.
Das hat mich schockiert.
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Hat es Sie verunsichert?
Selbstverständlich. In dieser Zeit hat mich alles verunsichert. Er hätte es auch loben können, ich hätte es ihm gar nicht geglaubt. Er hatte eh keine Chance.
Haben Sie später noch mal von ihm gehört?
Wir haben uns nie wieder gehört. Aber ich schätze ihn sehr. Alle meine Professoren und Professorinnen schätze ich sehr. Ich bin dieser Ausbildung sehr dankbar. Aber es hat mich schockiert.
Als Sie den Nino aus Wien kennengelernt haben, der für Sie sehr wichtig war und ist, und er Sie damals gefragt hat, was Sie für eine Art von Musik machen, haben Sie geantwortet: „Wir machen sowas wie die Beatles auf Deutsch, glaube ich“. Wäre das auch heute noch Ihre Antwort?
Ich glaube nicht mehr. Ich glaube, dass sich unsere Musik woanders hin entwickelt hat und auch jetzt gerade nochmal ganz woanders hin entwickelt. Aber in der Zeit waren wir alle sehr von den Beatles geprägt – und der Nino auch, das wusste ich. Das war eigentlich meine Art, „Hallo“ zu sagen. Das war meine Vorstellung davon, wie man an ihn rankommt, wie man etwas sagt, das er interessant finden könnte.
Das hat ja offenbar funktioniert.
Es hat funktioniert.
Jetzt haben Sie vorhin schon erzählt, warum Sie auf Deutsch singen wollten. Gleichzeitig wollten Sie eine „Rock’n’Roll-Band mit Welteroberungsanspruch“ sein, haben Sie auch mal gesagt. Ist da Deutsch nicht ein gewisses Problem? Aus historischen Gründen – aber auch sprachlich.
Ich habe noch nicht alles erzählt. Auf Deutsch zu singen habe ich eigentlich wegen Nino begonnen. Der Nino aus Wien war der erste Songwriter meiner Generation, der auf Deutsch und im Wienerischen Dialekt Musik aufgenommen hat, die was wert ist, die poetische Qualität hat, die handwerklich solide ist. Das hat mich von Grund auf verändert. Ich wollte einfach wie dieser Nino sein. In Ermangelung eines Vorbilds aus meiner eigenen Kultur, weil Kurt Cobain kann ich nicht sein, John Lennon kann ich nicht sein. Dann kam dieser Nino und dann wollte ich ein paar Jahre einfach nur dieser Nino sein.
Sie hätten Georg Danzer oder Ludwig Hirsch oder Wolfgang Ambros sein können.
Das ist nicht meine Generation. Inhaltlich gibt es da keine Überschneidung. Das sind ganz andere Themen.
Sie singen und schreiben auf Deutsch, aber das wichtigste Wort im Gesamtwerk von Wanda ist nicht deutsch, sondern italienisch: Amore. Warum nicht Liebe?
Ich singe das Wort Liebe auch in einigen Songs. Auch das hat sich verselbstständigt. „Amore“ wurde dieser Schlachtruf der Fangemeinde. Damit habe ich nicht gerechnet. Wenn man das auf einen Zettel schreibt, denkt man nicht daran, dass Jahre später hunderttausende Menschen sich auf einer fast schon metaphysischen Ebene mit diesem Wort identifizieren.
Das erste Album heißt „Amore“.
Das hätte nicht garantiert, dass es in der Fangemeinde eine Art von Kult um dieses Wort gibt. Damit kann man nicht rechnen.
„Ich bin ein beschissener Solo-Gitarrist. Keine Technik, leider.“
Der „Musikexpress“ hat Sie mal nach Ihren zehn musikalischen all time favourites gefragt. Da nannten Sie auf Platz 1 „Beatles for Sale“, das Album von 1964; auf Platz 2 „Buena Vista Social Club“; aber auf Platz 3 das Requiem von Mozart und auf Platz 8 das erste Impromptu aus dem Opus 90 von Franz Schubert [nicht online]. Und in einem anderen Interview haben Sie auch mal Gustav Mahler als wichtigen Einfluss genannt. Wie wichtig ist klassische Musik tatsächlich für Sie – oder ging es da mehr um den Distinktionsgewinn für die Pop-Zeitung?
Ich bin nicht mit klassischer Musik aufgewachsen. Das heißt, auf einer Gefühlsebene resoniert ein total einzigartiger Teil in mir mit dieser Musik. Und es ist eine Musik, von der ich nicht weiß, wie man sie herstellt. Ich kann keine Oper komponieren, ich kann kein Streichquartett komponieren, ich kann nicht verschiedene Sätze komponieren oder Kontrapunkte oder gegenläufige Melodiebögen, Ich bin total eindimensional, ich bin ein Pop- und Rock-Musiker. Ich habe eine Akkord-Struktur und mein einziger Kontrapunkt ist eine Stimme. Deswegen ist es einfach erfrischend für mich, Klassik zu hören, weil ich es nicht begreife. Klassik kann ich wie ein Fan hören.
Wie komponieren Sie eigentlich? Schreiben Sie Noten auf oder spielen Sie und nehmen sich auf und lassen das dann eine App in Noten übersetzen?
Mit Noten arbeite ich nicht. Ich tue so lange rum, bis es sich gut anhört und gut anfühlt. Das ist das Einzige. Hinhören!
Und dann spielen Sie es Ihren Bandkollegen vor?
Dann spiele ich es vor. Und meistens finden die es nicht beschissen.
Und irgendjemand transkribiert es dann?
Nein, transkribieren tun wir nie. Da gibt es nichts zum Transkribieren. Das sind Akkorde.
Das heißt, Sie spielen Ihre Songs einfach aus dem Gedächtnis, alle, immer?
Genau, ich spiele dann halt vor. Was ist es? Meistens ist es E-Moll, A-Moll, C-Dur, G-Dur, D-Dur, H7. Das ist ungefähr das ganze Rohmaterial, aus dem man alle Wanda-Songs mehr oder weniger ableiten kann. Alles in derselben Tonleiter.
Ein wie guter Gitarrist sind Sie?
Ich bin, glaube ich, ein sehr guter bis überragender Rhythmus-Gitarrist, aber ein beschissener Solo-Gitarrist. Keine Technik, leider.
Und wie gut sind Sie am Keyboard?
Absolutes unteres Mittelmaß. Aber es reicht zum Komponieren. Ich kann mit drei Klängen arbeiten und Akkord-Strukturen entwickeln. Aber so abjazzen, um irgendjemanden zu unterhalten, könnte ich jetzt nicht.
„Auf der Bühne singen ist Krieg.“
Wie haben Sie singen gelernt?
Gar nicht. Ausprobiert
Aber irgendwer muss Ihnen irgendwann eine gewisse Technik beigebracht haben, sonst hätten Sie heute keine Stimme mehr.
Nein, ich habe keine Technik gelernt. Ich habe das im Ausschlussverfahren entwickelt. Ich habe so lange geschrien, bis ich gemerkt habe, wo schreie ich, dass es nicht weh tut. Und wo schreie ich, dass ich nicht eine Woche heiser bin. Ich singe ja auch auf der Bühne, das ist ja nochmal ein völlig anderes Singen. Auf der Bühne hilft einem „mi mi mi mi mi“ gar nichts. Auf der Bühne singen ist Krieg. Das ist Boxen. Das ist Ausdauer. Da geht es um was ganz anderes.
Reden wir kurz über die Musikindustrie…
Oh, ja. Geil. (lacht)
… und über den Kapitalismus. Sie waren in den letzten zehn Jahren einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Musiker. Wird man da reich?
Kommt darauf an, wie man das definiert.
Wie reich wird man?
Also, ich wurde ohne Frage wohlhabend. Ob ich reich wurde, weiß ich nicht. Ich weiß auch nie, wann es vorbei ist. Insofern lebe ich mit einer gewissen Unsicherheit, die sicher total überzogen ist. Aber die ist noch ein Echo aus meinen Anfangszeiten, in denen alles unsicher war, die ganze Zukunft. Aber man kann natürlich auch sehr reich werden. Aber dazu müsste man andere Entscheidungen treffen. Wir hätten reich werden können über die Jahre.
Was hätten Sie dazu tun müssen?
Werbungen, Kooperationen, mehr Firmen-Gigs hinter den Kulissen. Sehr viele Musiker werden reich, indem sie für die Chefetage von Mercedes spielen oder Audi oder OPEC, keine Ahnung…
Haben Sie nie gemacht?
In keinem nennenswerten Umfang. Es gab Krisenzeiten, Corona zum Beispiel, da haben wir solche Dinge getan, damit wir überhaupt weiter existieren können. Aber man hätte ganz andere Entscheidungen treffen müssen über die Jahre. Das wollten wir nicht. Wir wollten, dass Wanda ein Symbol bleibt, auch in der Rezeption in 40 Jahren noch. Da hätte eine Erste-Bank-Werbung die Unglaubwürdigkeit, glaube ich, doch beigemengt.
Zumindest wäre die Kapitalismus-Kritik schwieriger.
Ja, wäre schwierig gewesen.
Aber damit wir mal verstehen, wie die Industrie jetzt funktioniert. Womit verdienen Bands wie Wanda – wenn sie nicht für Chefetagen spielen – ihr Geld? Ich nehme mal an, mit Konzerten deutlich mehr als mit Tonträgern, mit Lizenzen, mit Merchandise, mit Streaming. Wie setzt sich das zusammen?
Musiker heutzutage leben fast ausnahmslos vom Live-Geschäft. Tickets, vor Leuten spielen. Das finde ich aber auch gut, weil da gehört Musik hin. Das ist der Ort, an dem Musik für mich auch stattfinden muss. Und ich jammere den Millionen, die ich nie verdient habe, nicht nach. Ich wäre in den 80er Jahren mit unserem Erfolg Multimillionär, weil wenn ich mir überlege, ich hätte Millionen Tonträger verkauft, wenn ich die Streams auf Verkäufe quasi hochrechne. Aber ich trauere dem nicht nach, weil ich finde das schön, dass Bands gezwungen sind, auf Tour zu fahren. Allein aus einer wirtschaftlichen Not heraus müssen wir alle ständig live spielen. Und das ist doch super. Ich weiß als Fan, wie wichtig es ist, meine Lieblingsbands auf der Bühne zu sehen. Das ist ganz, ganz besonders.
„Reich werden wollte ich nie.
Ich möchte sicher sein.“
Ich bin ja ein neugieriger Mensch. In Österreich spricht man an sich nicht gerne über Geld, aber ich frage jetzt einfach mal…
In Amerika ist das ganz normal.
…ja, genau. Ein Wanda-Konzert ist ja mittlerweile eine gigantische Operation, mit Sattelschlepper und Nightliner und Technik. Wenn Sie zum Beispiel die [Wiener] Stadthalle ausverkaufen, was Sie ja schon öfter gemacht haben, auch im Dezember jetzt wieder – was bleibt dann für Sie als einzelne Person am Ende über, wenn da 10.000 Leute ein Ticket von im Schnitt 70 Euro gekauft haben?
Das weiß ich in Zahlen gar nicht, aber es bleibt auf jeden Fall was über.
Das will man doch hoffen.
Es ist nicht so, dass ein Jahresgehalt überbleibt, aber es bleibt schon eine angemessene Summe über, die ja zur Hälfte versteuert wird. Und sowas legt man dann an, sowas legt man zur Seite.
Ein Weihnachts-Hit wie „Last Christmas“ wäre gut, oder?
Kommt drauf an, was man davon will. Reich werden wollte ich nie. Es gibt viele Momente, gab es und wird es auch noch geben, in denen ich die Karriere und den Erfolg dieser Band immer wieder sabotiert und untergraben habe, gerade durch das Absagen von verschiedensten Angeboten. Ich möchte nicht reich werden. Ich finde das nicht erstrebenswert. Ich möchte sicher sein.
Sicher heißt?
Leben können von dem, was ich tue. Und vielleicht genug für ein Leben nach der Karriere angespart haben. Aber ich möchte nicht im Überfluss leben oder mir die Frage stellen müssen, wohin mit dem Geld. Das finde ich absurd. Ich möchte nicht der Sklave eines Erfolgs werden. Wer viel hat, kann viel verlieren. Das möchte ich nicht.
Sie haben mal erzählt, dass Sie 44 Goldene und Platin-Schallplatten haben, aber dass man die selber bezahlen muss. Das ist nicht wahr?
Deswegen besitze ich sie physisch auch nicht.
Die muss man nicht wirklich selber bezahlen? Was kosten die?
Je nach Ausgabe – es gibt sehr schöne Ausgaben – können die bis zu 500, 600, 700 Euro kosten. Und die ganz billige Variante – Blattgold oder Gold gedruckt quasi, überhaupt nur als Papier – ist auch noch so bei 300 Euro.
„Die Musikindustrie heutzutage
entsteht in Kinderzimmern.“
Sie bekommen eine goldene Schallplatte als Auszeichnung und müssen selber dafür bezahlen?
Die Industrie ist tot. Wir leben nicht mehr in den 80er, 90er Jahren. Es ist vorbei. Die Industrie hat auch überhaupt keine Ahnung mehr, wie es läuft. Alles, was jetzt am Markt passiert, ist: Man scoutet junge Künstler auf TikTok, schaut sich an, was für eine 15-jährige 15 Sekunden Ohrwurm gepostet hat. Dann testet man das mit Algorithmen, spült mal ein bisschen durch: Wie kommt das an? Wenn es viral geht, wird diese Künstlerin für dieses eine Lied unter Vertrag genommen. Dann wird das ein Hit, es fließen ein bisschen Tantiemen und wenn dann nichts mehr kommt, wird diese Künstlerin fallen gelassen und man scoutet das nächste Kinderzimmer. Die Musikindustrie heutzutage entsteht in Kinderzimmern. Das ist die Realität meines Geschäfts. Und diesen Businessplan versuchen sie auch auf uns zu stülpen. Wir renommierten Künstler sind regelmäßig damit konfrontiert von Industrie-Seite: Macht doch hier ein Spaßvideo, mach doch da ein Video, muss auch gar nichts mit Musik zu tun haben…
Die ganze Industrie funktioniert nur noch über TikTok. Ich glaube auch, dass TikTok die Plattenfirmen-Strukturen auflösen wird. TikTok wird ein Label werden, dann werden Leute bei TikTok signen und es wird keine Plattenindustrie mehr geben. Dann haben wir eine Musiklandschaft der 15-Jährigen. Und Musikvideos werden in Kinderzimmern gedreht.
Wanda hat eine nicht sehr intensiv betreute Instagram-Seite und gar keinen TikTok-Auftritt.
Wir hatten es, wir haben es jetzt gelöscht. Wir halten das nicht aus. Das ist eine Plattform für Pädophile – TikTok. Das ist alles, was es ist. Wir wollen da nicht mitmachen. Ich finde das grauslich und dumm.
Sie sind kein großer Fan von Social Media.
Nein, gar nicht. Das ist etwas, das eine ganze Generation süchtig macht. Da kann man sich über Alkohol und Kokain echauffieren, wie man will, die schlimmste aller Süchte passiert in unseren Kinderzimmern vor unseren Augen. Das ist eine Katastrophe.
Es heißt auch oft, ein wesentlicher Punkt, um auf Social Media erfolgreich zu sein, wäre authentisch zu sein. Und Sie sagen häufig, dass Sie das Konzept „Authentizität“ für Künstler gar nicht begreifen.
Ich kann es wirklich nicht begreifen. War es jemals im Interesse der Kunst, authentisch zu sein? Was heißt überhaupt Authentizität? Ich begreife das nicht. Unverstellt zu sein? Ich kriege eine Psychose, wenn ich darüber nachdenken muss.
Ehrlich und unverstellt zu sein?
Ich sehe das Menschsein nicht so eindimensional. Ich kann auch nicht immer ehrlich sein. Ich kann auch nicht immer genau auf den Punkt Ich sein. Ich sehe das Menschsein als einen viel fluideren Prozess. Es ist mir unbegreiflich. Vielleicht habe ich aber auch eine Art von Defekt im Hirn, ich verstehe es nicht.
Wenn man ihr Buch liest, könnte man auf die Idee kommen, es ist sehr authentisch. Es wirkt sehr offen und sehr ehrlich.
Nur weil ich nicht weiß, was es bedeutet, heißt das nicht, dass es nicht so sein kann. Und wenn man dieses Buch als authentisch empfindet – schön, super! Aber ich weiß nicht, was es bedeutet.
Apropos offen und ehrlich. Es geht im Buch, wie wir schon besprochen haben, sehr viel um Drugs und um Rock’n’Roll. Worum es gar nicht geht, ist Sex. Ist Wanda eine so prüde Band oder sind Sie einfach ein dezenter Mensch?
Ich glaube nicht, dass Wanda eine prüde Band ist. Aber vielleicht haben Sie recht, vielleicht bin ich ein dezenter Mensch. Ich empfinde diese Welt als highly over-sexualized und muss meine Sexualität nicht unbedingt in die Öffentlichkeit tragen. Ich sehe keinen Mehrwert. Der Sex springt uns eh überall an. Und in der Musik ist genug Sexualität. Musik empfinde ich als äußerst erotisch auch, unter anderem. Vielleicht deswegen.
„Die Musikindustrie ist ein ideales Biotop für sexuellen Missbrauch.“
Nun ist Sex, Drugs and Rock’n’Roll ja doch eines der meist bemühten Klischees der Musik-Geschichte. Wie haben Sie denn in den letzten Jahren die Diskussion zum Beispiel um Rammstein erlebt, wo es offenbar eine regelrechte Logistik gab, um bei Konzerten dem Frontmann junge Frauen zuzuführen…
Die’s immer noch gibt! Im hellsten Tageslicht. Immer noch.
… oder auch die Berichte jetzt rund um Konstantin Wecker und seine Beziehung als 63-Jähriger zu einer 15-Jährigen. Wie haben Sie diese Debatten empfunden?
Die Musikindustrie zieht Menschen mit sehr radikalen Lebensentwürfen an und ist als Gesamtstruktur ein ideales Biotop für sexuellen Missbrauch on a high scale. Viele Industrien übrigens, aber die Musikindustrie unter anderem.
Weil?
Weil es um Macht geht, weil es um Blasen geht, also kleine Netzwerke, kapitalistische Netzwerke. Rammstein ist ein kapitalistisches Netzwerk, das Kunst verkauft. Aber es ist ein sehr mächtiges Netzwerk, geschult und perfektioniert in der Technik, Augenhöhe zwischen Band und Publikum aufzuheben, von einem Moment auf den anderen. Das kann man backstage ganz leicht machen. Deswegen ist es ein perfektes Biotop für derartige Verbrechen. Das erschließt sich mir vollkommen. Da gibt es gar kein Geheimnis drum. Da kann es auch keine zwei Meinungen geben.
Hat sich da Wanda da in den letzten zwölf Jahren irgendwas vorzuwerfen?
Nein, wir haben überhaupt keinen Kontakt zu unserem Publikum. Ausnahmslos keinen Kontakt.
Das hat sich aber geändert seit den ersten Monaten und Jahren. Da wurde mit dem Publikum sehr viel gemeinsam gesoffen…
Da muss man ja noch bei Fans übernachten, weil wir noch überhaupt keinen Tour-Bus hatten… (lacht) Aber auch das war auf Augenhöhe. Das war ein Sich-Begegnen unter Gleichaltrigen. Wir waren Ende 20 und sind abgehangen mit Ende-20-Jährigen. Oder mit noch älteren Menschen, als wir es waren. Was in diesem Machtgefälle passiert: Man sucht sich gezielt vulnerable Gruppen. Und wenn ein 50-, 60-jähriger Mann gerne in aller Öffentlichkeit mit Teenagern abhängt, dann ist schon das in sich sowas von fucked up. Außer er ist Kindergartenlehrer. Aber das ist er wohl nicht. Er ist Multimillionär. Da gibt es überhaupt keine Augenhöhe.
„Man wollte uns canceln.“
Trotzdem hatte Wanda auf einer anderen Ebene auch eine Sexismus-Debatte. Das ist jetzt schon einige Jahre her, rund um den Song „Nimm sie, wenn du‘s brauchst“ und um ein Video zu „Bussi Baby“, in dem damals die deutsche Autorin Ronja von Rönne aufgetreten ist, die kurz zuvor einen aufsehenerregenden Text veröffentlicht hatte mit dem Titel „Warum mich der Feminismus anekelt“. Es gab damals sehr viel Wirbel im Feuilleton. In einer Wiener Bar hat Ihnen damals eine junge Frau Bier über den Kopf geschüttet und Sie als „misogynes Schwein“ beschimpft. Sie haben sich – das haben Sie oft erzählt – total missverstanden gefühlt und Sie haben auch kürzlich noch gesagt, das hätte bei Ihnen Narben hinterlassen. Inwiefern?
Ich war naiv, als ich gesagt habe, ich habe mich missverstanden gefühlt, weil man hat mich ja bewusst missverstanden. Es war ja eine auf Canceling ausgelegte Strategie dahinter. Man wollte mich als Künstler und diese Band canceln.
Warum?
Das erschließt sich mir nicht vollkommen, aber ich habe eine Vermutung: Macht. Diskursivierung. Die Strategie der Woken einfach: Den Diskurs dominieren, canceln, ein mittlerweile total etabliertes Phänomen. Bei uns hat man es sehr früh versucht, es hat nicht funktioniert, weil es nichts gibt. Es gab nichts. Wo ist es? Wo war’s jemals?
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„Nimm sie, wenn du‘s brauchst“ hat einen Text, den man, wenn man möchte, schon so verstehen kann, wie er verstanden wurde. Und dass sich Wanda als Macho-Band inszeniert hat: Fünf junge, wilde Männer in Lederjacken, keine Frauen irgendwo rundherum, außer als Hilfspersonal in Videos…
Da sprechen sie uns ja persönliche Beziehungen in unserem Leben ab mit Frauen…
Die kannte ja die Öffentlichkeit nicht.
Ja, die kannte man natürlich nicht, weil wir diese Personen ja geschützt haben.
Aber dieses Image der Macho-Band haben Sie am Anfang schon kultiviert?
Ich habe das nicht kultiviert, nein. Ich habe nie irgendetwas gesagt, das ich als aus einer machoiden Kultur kommend auffassen würde. In meinem Leben nicht. Nie.
Was vielleicht zu der Debatte beigetragen hat, war…
...und der Text von „Nimm Sie, wenn du‘s brauchst“ ist Rollenprosa. Da geht es um ein verletztes, gekränktes Männer-Ego. Ja, aus der Perspektive einer Rollenprosa. Ich muss nicht erklären, dass das Kunst ist. Es geht nicht um Gewalt gegen Frauen in diesem Song. In keiner Zeile, in keinem Wort. Für mich ist das alles Quatsch.
Was sicher beigetragen hat zu der Debatte, war ein Text, den Stefanie Sargnagel in der „Süddeutschen Zeitung“ geschrieben hat. Ihr Ex-Manager Redelsteiner beschreibt das in seinem Buch. Aus einer offenbar sehr missglückten Begegnung, wo er sie beide miteinander bekannt machen wollte, weil er sie beide damals gemanagt hat, wurde anscheinend ein sehr besoffener, sehr aggressiver Abend. Sargnagel wurde dann von Redelsteiner aus seiner Wohnung geworfen.
Das war programmiert. Die Frau Sargnagel kam in dieses Gespräch schon mich hassend. Das ist mir ziemlich schnell klar geworden. Ich merke schon, ob mich jemand mag oder nicht. Alle Vibes waren klar: Okay, diese Person hasst dich. So, wie gehen wir jetzt damit um? Ich habe ihr ein Friedensangebot gemacht. Ich wollte ihr ja eigentlich bei einer Bewerbung für ein Stipendium helfen, weil ich für meine Literatur damals zufällig eines bekommen hatte. Und ich glaube, je netter ich zu ihr war, das hat sie nur noch mehr aufgeregt. Deswegen habe ich auch so gut über sie in meinem Buch geschrieben, weil ich wusste, es regt sie auf. (lacht)
Das war gar nicht ernst gemeint – dass Sie ein Fan von ihr sind?
Nein, auf keinen Fall. (lacht)
Sie schreiben im Buch, dass Sie sie als Künstlerin bewundern…
Als Künstlerin, ja.
… und dass Sie außer Valie Export als Künstlerin in Österreich niemand so beeindruckt.
Absolut, ja, als Künstlerin. Aber es ist ja kein Geheimnis, dass wir uns persönlich nicht verstehen. Es gibt auch keine Verbindung zwischen uns. Aber das mit der künstlerischen Bewunderung, das stimmt, das ist ehrlich.
„Ich weiß nicht, ob es mir zusteht, mich als Feminist zu bezeichnen.“
Gut, aber zurück zum Thema. Sargnagel schreibt damals diesen Text in der SZ, dass sie sich Ihrer Musik nicht erziehen kann…
… auch als Künstlerin voll des Lobes, im Persönlichen nicht.
Aber dann schreibt sie eben über das Macho-Gehabe der Band. Das ist jetzt ein etwas längeres Zitat: „Alles, was sich pseudo-intellektuelle Diskurs-Popper mit gelangweilter Attitüde dann eher nicht trauen, wird hier bei Wanda mit Mut zur Peinlichkeit in die Massen gebrüllt und Bauarbeiter fallen Philosophie-Studenten in die Arme. Gemeinsam schreien sie lachend mit Tränen in den Augen „Ich hasse meine Ex-Freundin“. „Ich auch“. „Die dumme Hure“. „Scheiß auf alles. Amore!“ […] Die Journalisten sehen in ihnen den letzten kraftvollen Brunftschrei, das letzte verzweifelte Schwanz-Rausholen, bevor das Matriarchat endgültig eingeläutet wird und die Gender-Diktatorinnen die Kastrationsbestecke wetzen.“ Gut geschrieben, muss man schon sagen. Wenn Sie diesen Text heute nochmal lesen oder hören – war das wirklich alles falsch?
Also, das hat für mich Züge einer literarischen Psychose. Die Fantasie, dass unser männliches Publikum sich gegenseitig aufgeilt und bestätigt im Hass auf vermeintliche Ex-Freundinnen. Was soll man dazu sagen? Das ist eine ganz grausliche Fantasie, keine Ahnung… Ich denke mir zu diesem Artikel: Never write an angry letter. Das kommt ja offensichtlich aus einem hassenden Ort: Hass auf mich, Hass auf diese Band. Was soll man da sagen? Die Sternstunde ihrer Kunst ist der Artikel nicht.
Was ich aber schon interessant fand: Nachdem ich den Text in der Vorbereitung auf unser Gespräch gelesen habe – und ich habe sehr viele Artikel über Wanda und Interviews mit Ihnen gelesen – und da ist mir etwas aufgefallen. Praktisch alle Texte waren von Männern. Ist Ihnen das nie aufgefallen?
Ja, das ist mir schon aufgefallen.
Warum, glauben Sie, ist das so?
Keine Ahnung. Das ist ein Thema der Industrie. Ich habe mit ebenso vielen Journalistinnen Interviews geführt wie mit Männern. Das hält sich ungefähr die Waage, würde ich sagen. Aber diese Art von Kulturrezensionen ist wohl noch eindeutig in der Hand von männlichen Autoren. Woran das liegt, keine Ahnung.
Sind Sie ein Feminist?
Bin ich ein Feminist? Ich weiß nie, ob ich mir anmaßen würde, mich so zu bezeichnen. Ich halte den Feminismus als Strömung für eine der wichtigsten Agenden in den nächsten 10.000 Jahren. Hat meine volle Unterstützung. Aber ob ich mich als Feminist öffentlich bezeichnen kann – ich weiß nicht, ob mir das zusteht. Da müsste ich auch auf akademischem Niveau Bücher zu dem Thema veröffentlichen. Da würde es für mich nicht reichen, nur große Reden zu schwingen im Privaten oder was auch immer. Auf der Bühne rede ich sehr oft über solche Themen. Aber das reicht für mich immer noch nicht. Ich finde, um sich als Feminist zu definieren, vor allem als Mann, müsste man sich dem Feminismus auch wirklich verschreiben. Also ganz aktiv. Und das weiß ich nicht, ob ich das tue.
Auf dem Live-Mitschnitt vom Wiener Donauinselfest gibt es irgendwann dazwischen eine Ansage von Ihnen: „Männer, ihr habt es verschissen!“
Ja.
Was meinen Sie damit?
Der Kapitalismus ist allein in seiner Logik und in seiner Berauschtheit – Mehr, mehr, mehr! Maxime, Maxime! – etwas sehr Männliches. Das hat uns dahin gebracht, wo wir sind. Es wäre interessant, zur Abwechslung zu sehen, wie eine Welt, die von Frauen beherrscht wird, aussieht. Darüber würde ich mich freuen.
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Über die politische Haltung von Wanda wurde auch viel diskutiert, weil sie sich lange nicht gerne positioniert haben – außer von Anfang an mit der Aussage: Wanda ist eine Band, die Menschen zusammenbringen will. In den letzten Jahren gab es dann doch einige sehr klare Statements gegen rechtsextreme und gegen fremdenfeindliche Politiker und Parteien. Warum und inwiefern hat sich Ihre Haltung da verändert?
Ich weiß nicht, ob sich die Haltung verändert hat.
Die Statements sind klarer geworden.
Sie werden jetzt berichtet. Und größtenteils liegt das daran, weil wir sie öffentlich posten. Ich habe das immer gesagt, aber es wurde nie berichtet. Ich sehe keine vertiefte Politisierung innerhalb dieser Gruppe. Unsere Geisteshaltung war immer dieselbe.
„Den ‚Linksintellektueller Künstler‘-Pass kriegt man ja nur fürs Schimpfen, Abwerten und Angstmachen.“
Gegen Spaltung war von Anfang an ein großes Thema – und eine große Rolle hat da für Sie ein mehrwöchiger Aufenthalt in Kairo gespielt, im Frühsommer 2011, kurz nach dem Arabischen Frühling. Damit beginnt auch Ihr Buch, wo Sie das genau beschreiben. Warum war dieser Aufenthalt so wichtig für Sie?
Weil ich gesehen habe, wie eine tatsächlich gespaltene, im Endstadium gespaltene Gesellschaft ausschaut. Und das wenigste von dem, was ich gesehen habe, steht in diesem Buch. Ich habe Mord und Totschlag an jeder Straßenecke mitbekommen, über Wochen. Das war eine zerbrochene Gesellschaft. In Kairo ist der Gesellschaftspakt in dieser Zeit zerbrochen und das wünsche ich mir nicht für Europa und das wünsche ich mir nicht für Österreich. Ich sehe aber eine aufkommende Radikalisierung, die dieses Szenario mindestens möglich macht.
Und weil Sie sagen, Wanda als politische Band: Vom Feuilleton, vor allem in Deutschland, kriegt man den „Linksintellektueller Künstler“-Pass ja nur für das Schimpfen, für das Abwerten oder das Angstmachen vor AfD-Wählern oder einer möglichen Gefährdung der Demokratie. Aber das ist für mich schon auch spaltend. Das ist ein Symptom der Spaltung. Ich kann Parteien kritisieren, ich kann Wortführer von Parteien kritisieren, deren Weltbild mindestens fragwürdig ist, wie ein Herbert Kickl, eine Alice Weidel. Aber Kritik und Empörung und zum Schluss auch Hass darf sich nicht auf die Wählerschaft ergießen. Wir sind eine Gesellschaft, ein Gesellschaftspakt. Und der darf nicht brechen.
Im Profil haben Sie letzten Sommer Ihre politische Haltung mal so beschrieben: „Ich bin so links, dass ich im Kreis gehe“.
Ja, in meinen Grundwerten bin ich einer linken Ideologie auf jeden Fall näher als einer rechten.
Nun ist Fitztum ja kein sehr häufiger Name. In Wien habe ich acht im Telefonbuch gezählt.
So wenige? Wir sterben aus. Ich wusste es. (lacht)
In ganz Österreich stehen elf im Telefonbuch. Es gab während der NS-Zeit in Wien einen sehr hochrangigen SS-Offizier namens Josef Fitzthum. Er war Generalleutnant der Waffen-SS, stellvertretender Polizeipräsident von Wien und später SS-Chef in Albanien. Er ist 1945 gestorben, noch vor Kriegsende, an einem Autounfall. Ich konnte aber in meiner Vorbereitung nicht herausfinden, ob Sie mit ihm verwandt sind.
Ja, ja, bin ich. Mein Vater hat das aufgearbeitet, damals noch mit der Kanzlei Wiesenthal. Mein Vater und sein Bruder sind zum Wiesenthal gegangen…
Zu Simon Wiesenthal?
…zu Simon Wiesenthal und haben diesen Teil ihrer Familiengeschichte aufgearbeitet und in der Familie transparent gemacht.
Wie ist das Verwandtschaftsverhältnis?
Ich glaube, das war der Bruder seines Vaters.
Also Ihr Großonkel?
Es müsste mein Großonkel sein. Was sehr nah ist, erschreckend nah. Wir haben auch dieselben Augen. Es gibt ein Foto auf Wikipedia … er hat sogar einen Wikipedia-Eintrag.
… einen relativ langen Wikipedia-Eintrag, er war wirklich hochrangig.
… ein hochrangiger SS-Offizier, der auch ein Ehrengrab hat, das bis heute gepflegt wird, was ich abstrakt finde. Mein Vater hat kein Ehrengrab, aber dieser Herr hat ein Ehrengrab. Da sind immer frische Kerzen, habe ich mir sagen lassen.
„Der SS-General war mein Großonkel. Wir haben auch dieselben Augen.“
Er hatte einen Bruder, Robert Fitzthum, ein Rechtsanwalt, auch illegaler Nazi. War das dann Ihr Großvater?
Ich glaube, das war mein Großvater.
Hat Sie diese Geschichte je beschäftigt?
Ja, natürlich. Mein Vater hat das ab dem Zeitpunkt, an dem ich alt genug war, zum Thema gemacht und überliefert. Er wollte, dass ich das weiß.
Sie sind 2024 bei einem großen Wiener Liedermacher-Abend in der [Hamburger] Elbphilharmonie, den André Heller zusammengestellt hat, aufgetreten. Und Sie haben dort zwei Texte gesungen – keine Wanda-Lieder, sondern Texte von Kurt Robitschek. den alle kennen für seinen Text von „Im Prater blühen wieder die Bäume“. Ein emigrierter jüdischer Autor, der diese Texte für Hermann Leopoldi geschrieben hat – wiederum ein sehr bekannter jüdischer Wiener Komponist, Komödiant, Sänger, der nach New York emigriert ist. Viele jüdische Autoren damals haben Texte für Hermann Leopoldi geschrieben und wollten, dass er sie aufführt. Sie haben viele dieser Texte mal gefunden, schreiben Sie, und Sie wollen ein Album mit diesen Texten machen. Warum ist Ihnen das wichtig und hat es auch mit ihrer Familiengeschichte zu tun?
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Das hat ziemlich sicher auch mit meiner Familiengeschichte zu tun. Es hat mich nie losgelassen. Das war damals eine Auftragsarbeit 2011, noch vor der Gründung der Band Wanda oder knapp zu dieser Zeit. Da ist das Institut für Holocaust-Vermittlung an Paul Gallister herangetreten…
Ihren Produzenten…
…die haben einen Gedenkabend ausgerichtet. Da haben wir dieses Textmaterial von Robitschek bekommen und der Auftrag war, es zu vertonen. Seit dieser Auftragsarbeit hat mich das Thema nie wieder losgelassen. Es war bewegend, das Archiv einzusehen. Hermann Leopoldis Sohn hat das – ich bin nicht ganz sicher – der Wien-Bibliothek vermacht. Es ist dort öffentlich einsehbar. Ich habe mich mit meiner Managerin Kata Fohl dort tagelang eingesperrt und wir haben all diese Texte ans Licht geholt. Schauen alle aus wie gestern geschrieben, es ist verblüffend. Und man kommt ja Menschen über ihre Handschrift so nah. Und all diese Lieder bearbeiten das Kriegstrauma überhaupt nicht. Es ist schon in dem Textmaterial so viel Tragik angelegt, weil diese Menschen in einer totalen Notsituation in Amerika im Exil Texte schreiben mussten, die mainstream-tauglich sind. Da konnte man über die Tragik des Holocaust keine Texte schreiben, sondern es waren love songs und Kaugummi, bubble gum, kommt ganz oft als Signalwort… Und ganz viele Anglizismen. Das hat mich tief berührt, diese Recherche.
Und wird es dieses Album geben?
Ja, mein Gott, ich weiß nicht. Ich schreibe und schreibe seit – keine Ahnung – 15 Jahren. Aber ich mache das mit sehr viel Respekt. Ich will, dass das diesem Thema gerecht wird. Und da ist es noch nicht.
„Ich weiß, dass wir nie aufhören werden. Niemals.“
Die beiden Lieder, die sie aufgeführt haben in der Elbphilharmonie, sind jedenfalls eine ganz andere Musik als die von Wanda. Nun haben wir es schon angesprochen: Diese Band der fünf Freunde, von der Sie immer gesagt haben, die Freundschaft war für uns noch wichtiger als die Musik, ist in schwere Krisen geraten. Zum einen durch diesen völlig irren Hype und durch die Krankheit ihres Keyboarders und Freundes Christian Hummer, der dann 2022 gestorben ist. Schon 2020 ist Ihr Drummer Lukas Hasitschka ausgestiegen und die Band musste sich völlig neu sortieren. Sie sind als Stammbesetzung nur mehr zu dritt mit Ray Weber, Ihrem Bassisten, und Manuel Poppe, Ihrem Gitarristen, und haben mit Gastmusikern gespielt. Haben Sie darüber nachgedacht, die Band nach diesen unglaublich erfolgreichen zehn Jahren aufzulösen – wie die Beatles, die für Sie so wichtig sind?
Ich glaube, ich habe schon nach zwei Jahren überlegt, diese Band aufzulösen… (lacht) Wenn etwas so groß wird und zuweilen so unkontrollierbar scheint, dann hat man solche Gedanken immer wieder. Genauso wie man an Beziehungen zweifeln kann. Man kann an Ehen zweifeln, an Freundschaften. Man kann an einer Beziehung zu sich selbst zweifeln. an Glaubenssätzen zweifeln. Und genauso zweifelt man natürlich auch an einer Band. Immer wieder.
Aber ich weiß, dass wir nicht aufhören werden. Niemals. Vielleicht gibt es mal eine längere Pause irgendwann. Aber diese Band als einer meiner Lebensmittelpunkte ist nicht aufzugeben. Das geht nicht. Das will ich nicht.
Das heißt, die Band wird auch weiter Konzerte geben, auch nach dieser Pause 2026?
Ja, auf jeden Fall. Wir schreiben gerade ein Album, also wir sind mittendrin. Pause ist es eh keine. In meinem Beruf gibt es eigentlich keine Pause.
Und wie geht es mit Marco Wanda weiter? Wie lange wird es Marco Wanda noch geben? Oder wird man in den nächsten Jahren auf Bühnen oder in Bücherregalen mehr von Michael Marco Fitzthum sehen?
Ich bin sehr kritisch mit meiner eigenen Arbeit. Ich kann nur Dinge veröffentlichen, die einen Mehrwert haben für eine Gesellschaft. Wenn es das nicht hat, werde ich nichts veröffentlichen. Aber es ist auch mein Beruf. Ich liebe, was ich mache. Wenn es etwas gibt, das es wert ist, werde ich es veröffentlichen.
Aber immer als Marco Wanda oder wird es irgendwann auf einem Buch oder einer Schallplatte auch Michael Marco Fitzthum geben ?
Ich glaube, der Einfachheit halber als Marco Wanda, ja… Es wird wohl Marco Wanda sein.
Vielen Dank!
Danke Ihnen!
