„Ich wurde gefragt, ob ich ansteckend bin. Ernsthaft.“

Dafür, dass Andrea Kdolksy nur von Jänner 2007 bis Dezember 2008 Ministerin war, wurde sie ziemlich bekannt. Weniger mit grundlegenden Reformen im Gesundheitsbereich oder in der Familienpolitik, sondern für ihre öffentlichen Auftritte.

Die ÖVP-Ministerin Kdolsky verteilte in Schulen Kondome, tanzte für die Kinder-Krebshilfe auf einer Bühne Csárdás, veröffentlichte ein Schweinsbraten-Kochbuch mit einem „Promi-Koch“ und gab ungewöhnlich persönliche Interviews, auch zu ihrem Beziehungs-Status. In der ÖVP schuf sie sich bald so viele Gegner, dass ihre politische Karriere mit dem vorzeitigen Ende der Koalition Gusenbauer-Molterer auch schon wieder vorbei war.

Nach ihrer Zeit in der Spitzenpolitik leitete die frühere Fachärztin für Anästhesie die Gesundheitssparte eines Consulting-Konzerns, organisierte Hochschul-Lehrgänge für Gesundheitsberufe und arbeitete wieder als Ärztin. Regelmäßig meldete sie sich mit Vorschlägen zur Gesundheitspolitik zu Wort – in Interviews, Talkshows, auf Social Media.

Ihre Mitgliedschaft in der ÖVP, der sie mit sechzehn beigetreten war, legte sie 2023 zurück – wegen der schwarz-blauen Koalition in Niederösterreich. Seither berät sie zu Gesundheitsthemen die Neos.

„SIE HABEN DARMKREBS“

Im Oktober 2024, wenige Wochen vor ihrem 62. Geburtstag, bekam Andrea Kdolsky nach einer Routine-Untersuchung die Diagnose Darmkrebs – zehn Jahre nachdem ihre Mutter an Darmkrebs verstorben war. Nach einer offenbar erfolgreichen Strahlentherapie wurden im Frühling 2025 mehrere Tumore in ihrem Gehirn entdeckt.

Kdolsky machte ihre Krebserkrankung öffentlich und schrieb über ihre Erfahrungen als Patientin, Ärztin und Gesundheitspolitikerin ein Buch, mit dem sie vor allem aufklären will: Betroffene, Angehörige und ihr Umfeld. Das Thema ist extrem relevant. Jedes Jahr erkranken in Österreich etwa 45.000 Menschen an Krebs, fast jede·r Dritte wird vor dem 75. Geburtstag eine Krebsdiagnose bekommen.

Als ich Andrea Kdolsky Anfang Mai via SMS zu „Im Gespräch“ ins Ö1-Studio einlud, wusste ich nicht, dass sie vier Wochen zuvor auch noch einen Schlaganfall hatte. Bei Ihrem Besuch im ORF-Zentrum merkte man ihr nichts davon an. Sie wirkte erstaunlich fit, war munter, offen, überraschend fröhlich, selbstkritisch und immer wieder sehr nachdenklich.

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Guter Rat ist … anders

Wie man den ORF-Stiftungsrat anders organisieren könnte: 15 statt 35. Profis statt Parteifraktionen. Ein Vorschlag.


Praktisch täglich können wir derzeit lesen, dass bereits klar ist, wer neuer ORF-Chef wird – zwei Wochen vor dem Ende der offiziellen Bewerbungsfrist.

ÖVP und SPÖ haben sich offenbar auf einen Generaldirektor geeinigt und verhandeln jetzt noch über die Besetzung des übrigen Direktoriums. Und das, obwohl weder die beiden Parteien noch die Regierung formal irgendwas mit der Bestellung der ORF-Spitze zu tun haben. Laut Gesetz ist dafür ausschließlich der – unabhängige – ORF-Stiftungsrat verantwortlich.

Im Stiftungsrat gibt es allerdings politische Fraktionen, die sich – etwas verschämt – „Freundeskreise“ nennen. Die ÖVP-Fraktion zählt derzeit 13 Mitglieder, die SPÖ-Fraktion elf, das ergibt zusammen eine Zwei-Drittel-Mehrheit im 35-köpfigen Stiftungsrat. Mit den drei Neos-Vertreter·innen stellt die Regierungskoalition 27 von 35 Mitgliedern.

Allen Menschen, die sich etwas näher mit dem ORF beschäftigen, ist klar, dass das ein Problem ist. In Österreich existiert kein anderer Konzern, der einen Aufsichtsrat mit 35 Mitgliedern hat (üblich sind acht bis zwölf). Und kein anderer Aufsichtsrat kennt parteipolitische Fraktionen – nur jenes Unternehmen, dessen Unabhängigkeit in einem eigenen Verfassungsgesetz festgeschrieben ist. Der ORF-Redaktionsrat kritisiert das seit vielen Jahren.

Beschlüsse im Stiftungsrat werden laut ORF-Gesetz „in offener Abstimmung“ gefasst, das Stimmverhalten der unabhängigen Mitglieder ist also jederzeit kontrollierbar. Wenig überraschend stimmen sie bei der Wahl der Geschäftsführung nahezu immer nach Fraktionslinie ab.

Von Regierungspolitiker·innen kommt dazu häufig das Argument, dass ja irgendwer den Stiftungsrat beschicken muss – und wer sonst sollte das in einer Demokratie sein als „die Politik“, also die demokratisch gewählten Parteien.

Mit 59% ZUR DREI-VIERTEL-MEHRHEIT

Doch selbst wenn man dieses Argument akzeptiert, ist es ein offensichtliches Problem, wenn eine Koalition mit 59 Prozent der Wählerstimmen eine 77-Prozent-Mehrheit im ORF-Aufsichtsgremium stellt. Das sieht nach „Regierungsfunk“ aus.

Da wäre es zumindest konsequenter (und wohl auch demokratischer), den Stiftungsrat nach dem Ergebnis der letzten Nationalratswahl zu besetzen. Die FPÖ hätte dann nicht zwei bis drei Mandate* wie derzeit, sondern neun, die ÖVP acht (statt 13), die SPÖ sieben (statt elf), die Neos drei (wie jetzt) und die Grünen drei (statt eins). Die fünf restlichen Stiftungsräte nominiert laut Gesetz der Betriebsrat.

Die Regierung hätte noch immer eine Mehrheit – mit 18 von 35 jedoch nur eine sehr knappe und keine drei Viertel. Entfallen würde so allerdings jede Mitbestimmung der Bundesländer, die nach dem geltenden Gesetz immerhin neun der 35 Stiftungsräte nominieren.

Ich hätte deshalb einen anderen Vorschlag:

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Was ist das Problem des ORF?

Im STANDARD ist gestern ein ausführlicher Artikel über die anstehende Wahl einer neuen ORF-Geschäftsführung erschienen. Und kaum etwas beschreibt das zentrale Problem des ORF besser als dieser Text. Ich habe deshalb auf Bluesky einen längeren Thread zum Thema gepostet. Und bevor ich alles neu schreibe, kopiere ich die Posting-Serie (plus weiterführender Links) einfach hier herein:


Es gibt in Österreich deutlich größere Unternehmen als den ORF. Aber über kein anderes werden solche Artikel geschrieben. Normalerweise vertritt ein Aufsichtsrat die Eigentümer. Das wären beim ORF alle Österreicher·innen. Aber der Stiftungsrat vertritt nicht sie, sondern die politischen Parteien.

Was bedeutet das für Führungskräfte, die von diesem Aufsichtsorgan (wieder)bestellt werden wollen? Dass sie nicht die üblichen Stakeholder überzeugen müssen – Eigentümer, Kunden, Belegschaft -, sondern politische Fraktionen im Stiftungsrat. Diese falsche Incentive-Struktur ist DAS Problem des ORF.

Dann passiert genau das, was die Richterin gerade im Wöginger-Urteil angeprangert hat: Die bestqualifizierten Kandidat·innen bewerben sich für Spitzenfunktionen oft gar nicht, weil sie wissen, dass sie ohne politische Sponsoren ohnehin chancenlos sind.

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