Lendvai (rechts) + Wolf bei der Preisverleihung

Der Erklärer

Gestern wurden in Wien die renommierten Concordia-Preise verliehen: In der Kategorie „Menschenrechte“ an die großartige PROFIL-Journalistin Christa Zöchling und in der Kategorie „Pressefreiheit“ an meinen wunderbaren ZiB2-Kollegen Martin Thür (hier gibt es Martins hervorragende Dankesrede zum Nachlesen – und alle Ansprachen von gestern zum Nachsehen).

Für sein Lebenswerk wurde der große Paul Lendvai ausgezeichnet. Ich durfte ihn aus diesem Anlass würdigen. Meine Laudatio und Lendvais Dankesworte hier zum Nachlesen:


Ich muss ja gestehen, dass ich durchaus überrascht war, als mich Paul Lendvai vor einigen Wochen gefragt hat, ob ich die Laudatio auf ihn heute halten würde. Freudig überrascht, weil das natürlich für mich die weit größere Auszeichnung ist als für ihn. Überrascht aber auch, weil ich mir dachte: Wie oft kann man eigentlich den Concordia-Preis fürs Lebenswerk kriegen? Ich war nämlich ganz sicher, dass Paul Lendvai den schon hat. Und zwar schon länger.

Ich meine: Der Mann hat 1974 den Renner-Preis bekommen (der damals noch was wert war) und das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik. 1974, da waren sich die Eltern von Martin Thür noch fünf Jahre lang nicht mal begegnet. Und Paul Lendvai war bereits ein sehr berühmter Journalist. Aber da war noch nichtmal Halbzeit bei ihm.

Seither wurde ihm – völlig zu Recht – praktisch jeder Preis, Titel und Orden verliehen, den dieses Land für Menschen aus unserem Gewerbe zur Verfügung hat, vom Professor über den Staatspreis für Kulturpublizistik oder den Ehrenpreis des Buchhandels bis zum Horst-Knapp-Preis für Wirtschaftsjournalismus. Mutmaßlich ist er der einzige Mensch, der den Bruno-Kreisky- und den Alois-Mock-Preis bekommen hat. Dazu noch Ehrungen in Deutschland, Polen, natürlich in Ungarn (immer dann, wenn Orban gerade mal nicht Regierungschef war). Und 2019 wurde er auch noch „Europäer des Jahres“.

Mit dem heutigen Tag ist er endgültig “ausdekoriert” – nur den Paul-Lendvai-Preis hat er noch nicht. Der wurde tatsächlich vor wenigen Wochen erstmals vergeben, bescheidenerweise aber nicht an ihn.

Dass Paul Lendvai in Österreich ein berühmter Journalist wurde – ja, einer der „großen Publizisten des 20. Jahrhunderts”, wie niemand geringerer als die NZZ über ihn schrieb – das war aber keineswegs ausgemacht.

Er galt zwar in Ungarn als eine Art journalistisches Wunderkind und schrieb schon mit 18 in der Parteizeitung SZABAD NEP und danach bei der Nachrichtenagentur MTI. Doch schon mit 23 musste er aus politischen Gründen acht Monate in Haft, danach folgten drei Jahre Berufsverbot. Und als er 1957 über Prag nach Wien flüchtete, kannte er hier zwar Hugo Portisch, aber kaum ein Wort Deutsch. Das Zweite war vielleicht nicht die ganz ideale Voraussetzung für unseren Beruf.

Anfangs schrieb er noch unter Pseudonymen, um seine Mutter in Ungarn nicht zu gefährden: György Hollo hieß er und Arpad Becs und für englisch-sprachige Zeitungen Paul Landy. Er schrieb vor allem für die PRESSE und für die NZZ und schon nach drei Jahren, ab 1960, war er Osteuropa-Korrespondent des Weltblatts FINANCIAL TIMES, der er zwanzig Jahre lang blieb.

Wir alle kennen Paul Lendvai aber aus dem Fernsehen, wo ihn Gerd Bacher erst als Kommentator holte und ihn dann ab 1982 als Chefredakteur eine eigene Osteuropa-Redaktion aufbauen ließ, in der so fantastische Journalist·innen wie Barbara Coudenhove, Susanne Scholl oder Fritz Orter gearbeitet haben. Und die für die sojwetische ISWESTJA und für die TASS ein Hort „antikommunistischer Propaganda“ war.

“Unsere Aufgabe ist es, zu schreien, wenn wir etwas Böses sehen. Man darf nicht schweigen”, hat Lendvai mal gesagt. Und an anderer Stelle: “Man muss aussprechen, was Sache ist. Mein Motto ist ein Zitat von Marx: ‘De omnibus dubitandum est’ – ‘an allem zweifeln’.

Als Chef der Osteuropa-Redaktion hat uns Paul Lendvai die terra incognita hinter dem Eisernen Vorhang erklärt und hat uns diese gleichzeitig benachbarten und damals doch so weit entfernten Länder auch nahe gebracht – mit seiner Erfahrung, seinem Wissen aber auch mit seiner unverwechselbaren Stimme und seinem Akzent, den er wie Henry Kissinger im Englischen bis heute nicht verloren hat.

1974 hat er – quasi nebenbei – die EUROPÄISCHE RUNDSCHAU gegründet und bis 2020 als Chefredakteur geführt. Dass diese kluge, international beachtete Vierteljahresschrift mangels Finanzierung ihren 50. Geburtstag nicht mehr erleben konnte, war eine seiner großen beruflichen Enttäuschungen und ist objektiv eine Schande.

Ach ja, Bücher hat er auch noch geschrieben. Wieviele ist nicht ganz sicher – offiziell sind es 19, auf Wikipedia stehen 20, erschienen sind einige davon auch in Englisch, Franzöisch, Ungarisch, Slowakisch, Teschechisch, Polnisch, Kroatisch, Slowenisch und Estnisch, zwei auf Japanisch und eines auch in Hebräisch. Ich kenne auf Deutsch nicht alle, aber definitiv empfehlen kann ich Ihnen die aktuellste Version seines Ungarn-Buchs, den autobiografischen Interview-Band “Leben eines Grenzgängers” und “Mein Österreich”, dessen Fortsetzung im September erscheinen wird.

Paul Lendvai ist ja von Geburt jüdischer Ungar – aber aus Überzeugung und mit Enthusiasmus Österreicher: “Ich zähle die Jahre erst, seit ich in Wien bin. Ich verdanke diesem Land alles”, hat er einmal erzählt.

Und dieses Land verdankt ihm seit sechs Jahrzehnten einen Journalismus, den es hierzulande viel zu wenig gab und gibt: Das Gegenteil von provinziell und auf sich selbst konzentriert. Sondern weltoffen, weitblickend, international, sich stets an den Weltbesten messend und nicht am Kollegen, der am nächsten Schreibtisch sitzt. Da war sein letzter Job vor der formalen ORF-Pensionierung nur passend: Intendant von Radio Österreich International.

24 Jahre später ist er unverändert fleißig, unermüdlich neugierig und wie eh und je voller Leidenschaft. Nach wie vor schreibt er regelmäßig eine stets lesenswerte Kolumne im STANDARD. Kein Kommentator im Land sieht die Entwicklungen im Osten Europas kompetenter, klüger und klarer.

Und es gibt vielleicht keinen passenderen Zeitpunkt, einem Publizisten einen Preis für sein Lebenswerk zu verleihen, der drei Jahrzehnte lang über den Kalten Krieg berichtet hat, danach gut 30 Jahre lang über das angebliche „Ende der Geschichte“ und jetzt über eine neue „Zeitenwende“ – über die Rückkehr der Geschichte nach Europa. “Putin ist der Zerstörer Europas” – darüber sind wir uns heute alle einige, nur: Lendvai hat diesen Satz schon vor Jahren gesagt.

Heute ist er – soweit ich das feststellen konnte – der älteste noch regelmäßig aktive Fernseh-Moderator der Welt. Alle paar Wochen präsentiert Paul Lendvai das EUROPASTUDIO, ein gänzlich unmodernes und deshalb umso klügeres Stück Fernsehen. Ein paar gescheite Menschen aus den verschiedensten Ländern Europas sitzen bei einem in der Regel noch gescheiteren Moderator und diskutieren über die wirklich relevanten Themen unserer Zeit. Wer dabei zuhört, ist danach ebenfalls gescheiter – und viel mehr kann man von einer Stunde Fernsehen ehrlich nicht erwarten.

“Denken Sie nie ans Aufhören?”, wurde Paul Lendvai vor zwei Jahren in einem Interview zu seinem 90. Geburtstag gefragt. “Nie. Ich schaue immer in die Zukunft”, hat er geantwortet. Und das ist gut so.

Wenn ein publizistisches Lebenswerk einen Preis verdient, dann dieses. Herr Professor, Herzlichen Glückwunsch!


PAUL LENDVAI

Wenn ich hier das Publikum überblicke, könnte ich viele Freunde begrüssen, die mich in verschiedenen Phasen meines Lebens begleitet haben. Ich möchte nur zwei Personen hervorheben: Fürst Karel Schwarzenberg, der in zwei Staaten, in Österreich und Tschechien, Wegbereiter für die freie Presse war und bis heute wachsam die politische Entwicklung verfolgt und rechtzeitig diverse Bundeskanzler und sonstige Machthaber ermahnt.

Und  Oscar Bronner, der mehr als jeder andere für die Pressefreiheit in Österreich getan hat, indem er drei bis heute existierende Blätter – TREND, PROFIL und STANDARD – gegründet hat. Und der mich 2003 eingeladen hat, Kolumnist zu werden bei einer rosaroten Zeitung, die meinem ehemaligen Arbeitgeber, der FINANCIAL TIMES nicht nur in der Farbe ähnelt, sondern auch darin, zwar wenig Honorar zu zahlen, aber maximale inhaltliche Freiheit für die Mitarbeiter zu gewähren. Ähnliches gilt für den ORF, wo man sich nie in die Auswahl der Teilnehmer in den OSTSTUDIO-, jetzt EUROPASTUDIO-Diskussionen eingemischt hat.

Journalisten sind nicht populär, meistens gescheiterte Existenzen mit abgebrochenem Studium, vor allem Ruhestörer. In unserem Land gelten sie, wenn sie über fünfzig sind, als „Publizisten“ und über sechzig bereits oft als „Legenden“, bei Leuten über siebzig wird hinzugefügt: „lebende Legenden“!

Journalismus sei der schönste, der schrecklichste aller Berufe „mit der Lust am Wort, mit der Lust an der Beobachtung, mit dem Segen der unstillbaren Neugier“. Journalismus sei die Chance, viele Leben zu leben, schrieb einmal der bedeutende (vestorbene) Kollege Klaus Harpprecht.

Thomas Jefferson, der dritte Präsident der USA, sagte: „Wenn ich zu wählen hätte zwischen einem Land mit einer Regierung, aber ohne Zeitung, und einem Land mit Zeitung, aber ohne Regierung, dann würde ich mich für das Land ohne Regierung entscheiden.“

Häufig zitiert, aber vergessen wird, dass nach der Veröffentlichung über Jeffersons viele Kinder mit schwarzen Sklavinnen, er sich für das Verbot der betreffenden Zeitung ausgesprochen hat. Selbst Bruno Kreisky, mit dem engsten Verhältnis zwischen einem Politiker und Journalisten, beschwerte sich bei der NZZ über die Berichterstattung des Wiener Korrespondenten

Ich freue mich, das ich mit Christa Zöchling und Martin Thür, mit zwei mutigen jüngeren Journalisten hier zusammen gewürdigt werde.

In Ungarn, meiner ursprünglichen Heimat, erlebt man das stille Erwürgen der letzten Reste der freien Medien. In meiner neuen zweiten Heimat, der meine uneingeschränkte Loyalität in guten und schlechten Zeiten gilt, gibt es eine freie Presse und einen ORF mit freien Redakteuren und Korrespondenten. Zwei glückliche Zufälle haben zur Rettung der Medienfreiheit beigetragen: Das Ibiza-Video und das konfiszierte Mobiltelefon von Thomas Schmid mit 334.000 Chat-Nachrichten. Dass aber diese zwei Ereignisse eine Breitenwirkung hatten, ist nicht nur der Justiz, sondern auch dem ORF und den österreichischen Zeitungen zu verdanken.

Joseph Roth war nicht nur der Autor des „Radetzkymarsch“ und der „Kapuzinergruft“. Er war vor allem ein Journalist, der 24 Jahre lang für zirka 120 Zeitungen gearbeitet hat. Er schrieb einmal an seinen Redakteur bei der Frankfurter Zeitung: „Ich mache keine witzigen Glossen. Ich zeichne das Gesicht der Zeit.“

Roth ist laut Karl Markus Gauß der bedeutendste Journalist der österreichischen Literatur. Wir alle sind natürlich verglichen mit diesem Giganten kleine Schreiberlinge. Scribbler. Ein Freund von mir bei der NEW YORK TIMES sagte einmal sogar verbittert: „We newspapermen are not a profession but a trade.“

Ich war und bin mit ihm nicht einverstanden. Wir haben trotz allem einen großartigen Beruf. Wir Kommentatoren, Kolumnisten, Reporter, Redakteure, Moderatoren zeichnen auch das Gesicht der Zeit. Ohne uns wäre die Gesellschaft blind und taub, eine leicht lenkbare Masse für jene, die mit „Zudeckungsjournalismus“ die Zeit des „starken Mannes“ vorbereiten wollen.

Die Wahlergebnisse in Frankreich und Slowenien sind ermutigend, sie zeigen, das die Bäume der Rechts- und Linkspopulisten und -Populistinnen nicht in den Himmel wachsen können. Arbeiten wir dafür, dass es bei den kommenden Wahlen auch in Österreich so geschehen möge. Ich als „lebende Legende“ werde mein Bestes dafür tun. Danke!