Buch-Preis

Wenn in Österreich von einem Buch 15.000 Stück verkauft werden, ist das ziemlich viel – und der Hauptverband des Buchhandels verleiht dafür ein „Goldenes Buch“. Ab 25.000 gibt es ein „Platin-Buch“.

Da man in unserem kleinen Land schon mit 3 bis 4.000 verkauften Büchern weit oben in den Bestseller-Listen steht, gibts für Sachbücher eher selten Platin. Der Hauptverband führt keine vollständige Liste, aber die 25.000 Stück erreichen am ehesten Kochbücher, Kabarettist·innen und Sportlegenden. Journalist·innen sind nur sehr selten dabei – und noch nie hat ein Universitätsprofessor für Politikwissenschaft ein Platin-Buch geschafft. Bis jetzt jedenfalls.

Doch diese Woche bekamen Peter Filzmaier und ich im schönen Altbaubüro unseres wunderbaren Verlags zwei Urkunden und zwei platinfarbene Buchstützen überreicht, weil von „Der Professor und der Wolf“ mehr als 25.000 Bücher in Österreich verkauft worden sind (und noch ein paar tausend mehr in Deutschland). Wir sind extrem happy und fühlen uns geehrt!

Wir sind auch dankbar. Wie ich in diesem Ö1-Gespräch von Marco Wanda gelernt habe, müssen Musiker·innen ihre goldenen oder Platin-Schallplatten nämlich selbst bezahlen. In unserem Fall hat das der Brandstätter-Verlag übernommen und das ist doch sehr nett.

BuchcoverAm meisten freuen wir uns aber darüber, dass mehr als 25.000 Menschen ein Buch gekauft haben, in dem sie erfahren, was eine „15a-Vereinbarung“ ist. Wir haben ja keinen Roman geschrieben und kein Kochbuch, Kabarettisten oder Sportlegenden sind wir auch nicht, sondern wir versuchen, auf 183 Seiten das politische System Österreichs zu erklären. Das aber tatsächlich niederschwellig und möglichst nicht fad.

Offenbar ist uns das halbwegs gelungen, das zeigen auch nach drei Jahren noch die vielen Besucher·innen bei unserem Bühnenprogramm zum Buch. Beide sind eine Art „Longseller“ geworden, was bei Sachbüchern eher ungewöhnlich ist. Dabei hilft natürlich, dass sich das politische System im Land nicht dramatisch schnell ändert.

Deshalb kann ich unser Buch auch nach wie vor empfehlen – falls Sie interessiert, was eine 15a-Vereinbarung ist. Oder was der Bundespräsident alles (nicht) darf, weshalb es für Berufspolitiker·innen keine Ausbildung braucht, warum der Regierungschef nicht der Chef der Regierung ist, warum die Neutralität nicht im Staatsvertrag steht und weshalb Politiker·innen in Fernseh-Interviews oft keine konkreten Antworten geben.

Und falls Sie das alles schon wissen: Weihnachten nähert sich schon wieder dramatisch schnell!

„Die Welt, wie wir sie kennen, gibt es nicht mehr.“

Der bulgarische Politikwissenschafter Ivan Krastev ist einer der originellsten und gefragtesten Analytiker der Weltpolitik. Er berät Staats- und Regierungschefs, kennt Wladimir Putin, schreibt regelmäßig Kolumnen für Financial Times und New York Times und ist Autor weltweit beachteter Bücher.

Seit vielen Jahren lebt und arbeitet der 61-Jährige in Wien am Institut für die Wissenschaft vom Menschen (IWM), das er interemistisch auch leitet.

Für die Ö1-Reihe „Im Gespräch“ habe ich Ivan Krastev gebeten, mir die Welt zu erklären. Wir haben über den Krieg in der Ukraine gesprochen, über Putin und Trump, über Politik als Zustelldienst, Parteien als Zeitmaschinen und Krieg als Videospiel, über eine norwegische Fernsehserie, vegetarischen Kannibalismus und über Unsterblichkeit.

Das englischsprachige Original dieses Gesprächs, das wir Anfang Juni aufgezeichnet haben, gibt es als Podcast-Version (1h20min) und als Transkript. Im Folgenden die übersetzte Abschrift der 52-minütigen Radiosendung:


Ivan Krastev, ich habe ein recht bescheidenes Ziel für unser Gespräch. Ich würde am Ende gerne die Welt ein bisschen besser verstehen. Und Europa. Können Sie mir dabei helfen?

Mit Vergnügen. Weil ich mir damit auch selber helfe. Denn um ehrlich zu sein, bin ich mir nicht sicher, dass ich sie verstehe. (lacht)

In den vergangenen Jahren wurde immer wieder ein Satz aus Shakespeares Hamlet zitiert: „Die Welt ist aus den Fugen.“ Das scheint ein Gefühl zu beschreiben, das sehr viele Menschen teilen. Und Sie werden sehr oft gebeten, diese Zeit zu erklären – von führenden Medien wie der New York Times über Regierungschefs – und heute von mir. Aber warum eigentlich Sie? Woher wissen Sie, was aus den Fugen geraten ist und warum?

Nun, darauf können Sie eine scherzhafte Antwort haben: Ich komme aus einem Land, das wahrscheinlich mehr Wahrsager pro Kopf hat als jedes andere Land der Welt. Wahrscheinlich ist das ein Grund. Aber ernsthaft gesprochen glaube ich gar nicht, dass das so viel mit meiner Person zu tun hat. Es hat mehr damit zu tun, dass ich zu einer Generation gehöre, deren eigene Biografie durch einen radikalen Umbruch geprägt wurde. Das ist etwas anderes, als einfach nur Dinge zu wissen. Es geht darum, eine Erfahrung gemacht zu haben, die vielleicht dabei hilft, eine Welt zu verstehen, die sich vor unseren Augen gerade dramatisch verändert.
Stellen Sie sich mal vor, wie schnell sich 1989 die Welt für einen 24-, 25-jährigen Bulgaren verändert hat – die Geschwindigkeit dieses Wandels: Dass man am Freitag nicht mehr glauben kann, was man am Montag noch gedacht hat. Dass grundlegende Annahmen, nach denen die Welt funktioniert hatte, plötzlich in Frage gestellt wurden. Ich glaube, das hilft einem, wenn man über eine Welt sprechen soll, die sich rasant verändert. Wahrscheinlich ist das einer der Gründe, warum Menschen sich für jemandem wie mich interessieren.

Greifen wir auf diese Erfahrung zurück. In einer viel diskutierten Rede in Davos hat der kanadische Premierminister Mark Carney heuer gesagt: „Wir befinden uns mitten in einem Bruch, nicht in einem Übergang.“ Was genau zerbricht da gerade – oder ist bereits zerbrochen?

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