Alle Beiträge von Armin Wolf

Geboren am 19. August 1966 in Innsbruck. Studium der Politikwissenschaft (mit einer Fächerkombination aus Zeitgeschichte, Soziologie und Erwachsenenbildung) in Innsbruck und Wien. Sponsion 2000, Promotion 2005. Postgraduate-Studium Business Administration in Berlin, MBA 2010. Seit 1985 ORF-Journalist. Ab 2002 Moderator der ZiB2, seit 2010 auch stellvertretender Chefredakteur der TV-Information.

„Das hilft ja nur der FPÖ“

Gestern habe ich im ZiB2-Studio Bundeskanzler und ÖVP-Chef Christian Stocker befragt – zu den Ergebnissen der Regierungsklausur und zu einer Bilanz der ÖVP nach dem ersten Jahr Dreier-Koalition (hier nachzusehen). Gleich nach der Sendung bekam ich von Frau S. dieses Mail:

„Wenn Sie Interviews in dieser Form halten, ist es kaum verwunderlich, wenn die ÖVP weiterhin Stimmen verliert und die FPÖ an Stimmen gewinnt. Die Medien stärken damit sehr effizient die FPÖ. Kickl hält sich vernünftigerweise mit derartigen Interviews zurück, so wird er weiter gewinnen. Ist das Ihr Ziel?“

Das fand ich interessant, da ich diese Kritik kenne, seit ich Mitte der 1990er Jahre Innenpolitik-Journalist wurde. Damals hieß es nach kritischen Berichten oder Interviews zur Regierung sehr häufig: „Das hilft alles nur dem Haider. Wollt Ihr das wirklich?“

Ich habe das nie ganz verstanden.

Es geht mir nicht darum, mit meinen Interviews einer Partei zu helfen oder einer anderen zu schaden. Wir befragen im ZiB2-Studio einflussreiche Politiker·innen zu ihren Gesetzen, Handlungen und Plänen. Dabei konfrontieren wir sie – durchaus hartnäckig – mit Kritik, Gegenargumenten und möglichen Widersprüchen. Warum?

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„Ich bin nicht Marco Wanda“

Seit Anfang 2026 darf ich einmal pro Monat Gastgeber der fabelhaften Ö1-Radioreihe „Im Gespräch“ sein – einer Sendung, die einst Peter Huemer nach seinem (unfreiwilligen) Abschied vom Club2 begründet hat. Als ersten Gesprächspartner habe ich mir jemanden ausgesucht, den man vielleicht nicht unbedingt mit meiner sonstigen Arbeit assoziieren würde: Marco Wanda, den Gründer, Sänger und Songwriter der Wiener Rockband Wanda.

Der Musiker hat letzten Sommer sein erstes Buch veröffentlicht – über die irre Karriere einer Band, die 2015 innerhalb weniger Monate aus dem Wiener Underground zu einem der erfolgreichsten Acts im deutschen Sprachraum wurde, während ihr Keyboarder bald unheilbar erkrankte und 2022 mit nur 32 Jahren starb.

Schmerzhaft offen und literarisch ambitioniert beschreibt Wanda, wie fünf junge Männer mit diesem Hype, mit ihrem Instant-Ruhm, Krankheit, Lügen, Freundschaft, Alkohol und Drogen rangen und wie die Band daran beinahe zerbrach.

Marco Wanda und Armin Wolf im Ö1-StudioIch fand „Dass es uns überhaupt gegeben hat“ als Lektüre faszinierend – wohl auch, weil es ein Leben beschreibt, das so diametral anders ist als meines. Ähnlich ging es mir mit dem Buch, das praktisch gleichzeitig von Stefan Redelsteiner erschien, dem ersten Manager von Wanda, der dieselbe Geschichte aus einer etwas anderen Perspektive schildert.

Ich dachte mir, das könnte die Basis für ein interessantes Gespräch werden. Und das ist es, finde ich, dann auch geworden. Vor allem auch in den Passagen über den Zustand der Musikindustrie, über #metoo und Social Media.

Eine 52 Minuten lange Radioversion hat Ö1 am 9. Jänner gesendet, unterhalten haben ich mich mit Marco Wanda aber eineinhalb Stunden lang. Das gesamte Gespräch gibt es als Podcast auf sound.orf.at und allen Podcast-Plattformen zu hören.

Und nachstehend ungekürzt zu lesen – mit vielen weiterführenden Links und etlichen Wanda-Videos als Bonus-Tracks. (Meine nächsten Gäste „Im Gespräch“ werden übr. im Februar Carolin Amlinger & Oliver Nachtwey sein und im März die wunderbare Barbara Coudenhove-Kalergi.)


IM GESPRÄCH: MARCO WANDA



Marco Wanda oder Michael Marco Fitzthum, wie Sie ja amtlich heißen – wie rede ich Sie eigentlich an?

Marco.

Und wie stellen Sie sich vor, wenn Marco nicht reicht?

Bis jetzt hat es immer gereicht. Die meisten Menschen, denen ich im Inland begegne, wissen, wer ich bin und wie ich heiße. Ich habe mich, ehrlich gesagt, lange niemandem mehr vorgestellt.

Und wenn Sie irgendwo unterschreiben müssen?

Dann habe ich eine Art Wellenlinie entwickelt, damit das schnell geht. MW in einer geschwungenen Linie.

Und am Amt?

Da habe ich eine andere Unterschrift. Meine amtliche Unterschrift ist nicht deckungsgleich mit meiner Künstler-Unterschrift.

Das ist ja vernünftigerweise so, weil möglicherweise nach Konzerten Menschen einem Dinge vorlegen, die man dann unterschreibt…

…genau, eine Entmündigungs-Erklärung. (lacht)

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All you need is love – und ev. eine Behilfe

Der aktuelle Bericht Familien in Zahlen 2025 enthält viele interessante Statistiken und Grafiken, aber diese hier ist mein absoluter Favorit – wegen des steilen Zackens in der Mitte.

Grafik zur Entwicklung der Eheschließungen in Österreich ab 1945

Der zeigt, dass in Österreich 1987 so viele Paare geheiratet haben wie nie vorher seit 1945 und wie nie wieder seither. Exakt 76.205 waren es – gut 30.000 mehr als im Jahr davor und rund doppelt so viele wie im Jahr danach.

Aber was war 1987 so besonders?

Es ging … um Geld.
1987 war das letzte Jahr, in dem noch „Heiratsbeihilfe“ ausbezahlt wurde. Diese staatliche Prämie zur (ersten) Hochzeit hatte 1972 die SPÖ-Alleinregierung von Bruno Kreisky eingeführt, wegen der seit 1960 immer weiter sinkenden Zahl an Eheschließungen.

Die Höhe der Beihilfe von 15.000 Schilling pro Paar wurde trotz der enormen Inflation in den 1970er Jahren nie geändert (1972 entsprachen 15.000 Schilling einer heutigen Kaufkraft von ca. 5.750 Euro, 1987 war die Prämie real weniger als die Hälfte wert.)

Tatsächlich sieht man in der Grafik 1972 einen Anstieg der Hochzeiten, aber der Effekt hielt nicht an. 1983 gab es nocheinmal ein Zwischenhoch – nach ersten Gerüchten, die Heiratsprämie werde abgeschafft. Vor ihrem tatsächlichen Ende mit 31. Dezember 1987 kam es dann zum historischen Hochzeits-Rekord.

2024 wurden in Österreich übrigens genau 45.810 Ehen geschlossen, davon 45.026 zwischen Mann und Frau, 366 zwischen zwei Männern und 418 zwischen zwei Frauen. 

Ich glaube, Elon Musk merkt es nicht, aber…

… trotzdem ist mir nicht egal, wie seine Hate Speech– und Fake News-Schleuder X mit Hass-Postings umgeht. Deshalb habe ich dem Berliner TAGESSPIEGEL in einem ausführlichen Interiew erklärt, warum ich X angezeigt habe. Konkret wegen des Strafdelikts der „Begünstigung“ (§ 299 StGB) weil X die Strafverfolgung eines anonymen Nutzers beharrlich verhindert (mehr dazu auch hier im Blog).

Ich freue mich, dass der TAGESSPIEGEL das gesamte Interview ohne Paywall online gestellt hat. Dass die Zeitung für ihre heutige Printausgabe auch eine Titelseite daraus bastelte, habe ich erst erfahren, als mir ein Freund in Berlin gestern Abend ein Foto davon schickte (das Bild oben ist ein Screenshot aus dem heutigen e-paper).

Zum Verfahren selbst gibts eine erste Neuigkeit: Nach mehr als echs Wochen hat meine Anzeige gegen X, die Medienanwältin Maria Windhager eingebracht hat, nun tatsächlich eine Aktenzahl (AZ 54 UT 93/25a) bei der Staatsanwaltschaft Wien. Anfang dieser Woche wurde uns mitgeteilt, dass unsere Sachverhaltsdarstellung vom 21. Oktober „eingelangt ist und geprüft wird. Es wurde noch kein Ermittlungsverfahren eingeleitet.“

Die Mühlen der Justiz mahlen sehr langsam, aber immerhin beginnen sie zu mahlen. I’ll keep you posted.


Nachtrag vom 22.12.25: Ein weiteres Interview mit mir zum Thema ist heute im Medienmagazin Österreichs Journalist:in erschienen: „Das sind diskursive Massenvernichtungswaffen geworden“.

Nachtrag vom 30.12.25: Ein ausführliches Radio-Interview mit mir zum Thema gibts im Medienmagazin von BR24 zu hören.

Die Texte des Jahres

Jedes Jahr Anfang Dezember darf ich in Berlin an der großen Jury-Sitzung für den deutschen Reporter:innen-Preis teilnehmen, eine der renommiertesten Auszeichnungen für Journalist:innen im deutschen Sprachraum.

Teilnehmen können deutschsprachige Texte, Podcasts und Webprojekte in elf verschiedenen Kategorien – von Newcomern über Wissenschaftsreportage, Essay und Interview bis zu großen investegativen Recherchen und zur „Königsdisziplin“ Reportage. Eine Vorjury hat aus den 940 eingereichten Arbeiten letztlich 107 nominiert. Sie stehen alle hier online – und bieten einen grandiosen Überblick über die besten journalistischen Texte dieses Jahres.

Ich konnte leider noch nicht alle lesen (habe mir das aber fix für die Weihnachtsfeiertage vorgenommen), hätte aber – neben den fabelhaften Sieger-Texten – noch zwei Tipps aus „meiner“ Jury, die für Wissenschaft und Investigation zuständig war:

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Der Himmel könnte noch blauer sein

Vor genau einem Jahr habe ich meinen X-Account stillgelegt und bin – gemeinsam mit vielen anderen Journalist·innen – auf Bluesky gewechselt. Hat sich der #eXit gelohnt?

Ich muss gestehen, meine Bilanz ist ein wenig durchwachsen. Meinen Entschluss, X/Twitter zu verlassen, habe ich nicht eine Sekunde bereut. Die Plattform ist unter Elon Musk derart toxisch geworden, dass es schlicht keinen Spass mehr gemacht hat, meinen Account dort zu öffnen.

Sinnvolle Diskussionen waren – jedenfalls mit einem sehr großen Account (ich hatte zuletzt ca. 640.000 Follower) – kaum mehr möglich. Konstruktive oder interessante Mentions gingen in einer Flut von Hate-Posts einfach unter. Ich hab das vor einem Jahr im Detail hier beschrieben.

Dazu kommt, dass Elon Musk X als rechtsradikale Agitprop-Plattform und gigantische fake news-Schleuder missbraucht und dass X bei hate speech nicht nur seine eigenen Richtlinien ignoriert, sondern auch konsequent Gesetze missachtet und Behörden den Mittelfinger zeigt. (Mehr dazu hier und hier. In einem aktuellen FALTER-Podcast hat mich Florian Klenk dazu ausführlich befragt.)

Es ist mir ein echtes Rätsel, dass österreichische Politiker·innen aller Parteien vom Bundespräsidenten abwärts, X noch immer als Kommunikations-Plattform nützen und den permanenten Rechtsbruch damit auch noch belohnen.

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Aktenzeichen X

Ich habe X jetzt angezeigt.

Ich weigere mich einfach, zu akzeptieren, dass X (vormals Twitter), eine der größten und einflussreichsten Social-Media-Plattformen der Welt, einschlägige Gesetze in Österreich und der EU nicht nur ignoriert, sondern ganz offen verhöhnt und sich der Justiz entzieht.

Die Vorgeschichte, die ich hier ausführlich erzählt habe, nochmal ganz kurz: Ein durchgeknallter Troll hat auf X jahrelang unter falschen Namen einen Account betrieben, auf dem er Tag für Tag Dutzende klagsfähige Postings veröffentlichte. Praktisch jedes Tweet war eine Beleidigung, Verleumung, üble Nachrede oder Kreditschädigung. Einige davon betrafen auch mich.

Jedes einzelne Posting verstieß auch gegen die X-internen Richtlinien. Trotzdem weigerte sich die Plattform auch nach mehrfacher Aufforderung, die Postings zu löschen. Einen Antrag des Straflandesgericht Wien, die Nutzerdaten des Trolls herauszugeben, um ihn (als medienrechtlich Verantwortlichen) klagen zu können, ignorierte das Unternehmen.

X verlangte ein offizielles Rechtshilfeansuchen an die Republik Irland (wo die europäische Firmenzentrale sitzt), das dann aber mit der bizarren Begründung abgelehnt wurde, die Nutzerdaten würden nicht innerhalb der EU gespeichert. Wir mögen uns an die US-Justiz wenden. Aber auch dort wurde ein Rechtshilfeansuchen abgelehnt. Begründung: man wäre leider überlastet und die Straftat nicht schwer genug.

Bliebe die Möglichkeit, nicht den Verfasser der Hass-Postings zu klagen, sondern X. Die Plattform ist zwar absurderweise nicht für die Postings verantwortlich, die sie veröffentlicht, wohl aber für jene, die sie trotz Aufforderung nicht löscht.

Meine Lust auf das Prozess- und Kostenrisiko gegen einen Milliardenkonzern mit riesiger Rechtsabteilung und einer Advokaten-Armee ist allerdings endenwollend. Und damit wäre die Sache (die bis dahin der großartige Dornbirner Rechtsanwalt Philipp Längle durchgefochten hatte), an dieser Stelle leider zu Ende gewesen. Was doch einigermaßen frustierend war.

Das sah auch Längles Wiener Kollegin Maria Windhager so – und möchte doch noch weitere rechtliche Möglichkeiten ausschöpfen.

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Warum feiern wir am 26. Oktober Nationalfeiertag?

„Weil da 1955 die letzten (russischen) Besatzungssoldaten Österreich verlassen haben“, haben viele von uns in der Schule gelernt. Das ist aber falsch.

Tatsächlich wurde am 26. Oktober 1955 im Nationalrat die „immerwährende Neutralität“ Österreichs beschlossen. Zehn Jahre später wurde dieser Tag dann zum Nationalfeiertag erklärt (die ersten zwei Jahre übrigens noch ohne arbeitsfrei zu sein).

Das war damals nicht ganz unumstritten und ist auch recht ungewöhnlich. Normalerweise wird mit einem Nationalfeiertag ja die Unabhängigkeit eines Staates gefeiert – dementsprechend wurden auch lange der 12. November (Ausrufung der Republik 1918), der 27. April (Unabhängigkeitserklärung 1945) und der 15. Mai (Staatsvertrag 1955) als Feiertage diskutiert.

Letztlich wurde es aber doch der 26. Oktober, der bis dahin in den Schulen als „Tag der Fahne“ begangen worden war. Der Beschluss des Neutralitätsgesetzes sollte als „erste feierliche Äußerung des Unabhängigkeitswillens der Republik Österreich nach Wiedererlangung ihrer vollen Souveränität“ gefeiert werden.

Die Bezeichnung „Nationalfeiertag“ wurde aber noch diskutiert. Die FPÖ hätte einen „Staatsfeiertag“ (wie am 1. Mai) bevorzugt, sie bestritt damals noch ausdrücklich die Existenz einer eigenständigen „österreichischen Nation“, setzte sich aber nicht durch.

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Anton Pelinka 1941-2025

Wenige Menschen haben mich in meinem Berufsleben so sehr beeinflusst wie Anton Pelinka. Er war der Grund dafür, dass ich doch nicht Lehrer wurde, sondern Politikwissenschaft inskribierte. In seinen Lehrveranstaltungen habe ich erstmals verstanden, was Politik ist, wie sie funktioniert und wie man sie analysiert.

Als Reporter und später als Moderator habe ich Pelinka unzählige Male im Radio und im Fernsehen interviewt. Bis zuletzt faszinierte mich seine Fähigkeit, komplexe Fragen für jede·n verständlich und immer interessant zu beantworten, ohne dabei zu simplifizieren. Seine eigene Vergangenheit als – hoch talentierter – Journalist war dafür sicher kein Nachteil. Die Idee, Wissenschaft nur für andere Wissenschafter·innen zu betreiben, war ihm nicht nur fremd, sondern erschien ihm völlig absurd.

Jahrzehntelang war Anton Pelinka vermutlich der erste Name, der den allermeisten Menschen in Österreich eingefallen wäre, hätte man sie nach einem Politologen gefragt. Er hat die Disziplin – und über viele Jahre auch die öffentliche Debatte über die Politik im Land – geprägt wie niemand sonst.

Anlässlich seines Todes hat mich DIE ZEIT eingeladen, einen Nachruf auf Pelinka zu schreiben. Mit Erlaubnis der Redaktion veröffentliche ich ihn auch hier.


Niemand hat Österreich besser erklärt

Es muss im März 1985 gewesen sein, als ich den Hörsaal an der Innsbrucker Uni betrat. Am „Tag der offenen Tür“ präsentierten sich die Studienrichtungen den angehenden Maturanten und Maturantinnen. Den Professor, den ich mir anhören wollte, kannte ich aus dem Fernsehen.

In meinem Elternhaus – der Vater Hausmeister, die Mutter Kassiererin im Supermarkt, beide Mitglieder der kleinen ÖVP-Ortsgruppe Innsbruck Olympisches Dorf – galt er als einer der zwei klügsten Menschen in Österreich, auch wenn beide politisch verdächtig waren.

Professor Anton Pelinka und DDr. Günther Nenningmoderierten damals regelmäßig den „Club 2“, eine TV-Gesprächsrunde, die man sich in ihrer Unberechenbarkeit heute kaum mehr vorstellen kann.

Der linke „Doktordoktor“ mit den buschigen Augenbrauen und dem schelmischen „gell?“ am Ende jedes zweiten Satzes war eine Art intellektueller Hallodri. Der eloquente Professor war nüchterner, vermutlich auch kein ÖVPler, aber beeindruckend gescheit, immer ruhig und souverän. Vor allem konnte er fantastisch erklären. Was er sagte, klang stets besonders klug und trotzdem war es immer verständlich.

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Das 1×1 der (österreichischen) Neutralität

Die österreichische Neutralität wurde erst zehn Jahre nach der Gründung der Zweiten Republik beschlossen und ist kein „Baugesetz“ der Verfassung. Der Nationalrat könnte sie jederzeit mit einer Zweidrittel-Mehrheit wieder abschaffen – so wie sie auch eingeführt wurde. Eine Volksabstimmung wäre formal nicht nötig. Und doch wäre das undenkbar.

Denn wohl kaum etwas hat die Identität der Zweiten Republik so sehr definiert wie unsere „immerwährende Neutralität“ nach dem Vorbild der Schweiz. Auch wenn Österreich das Vorbild schon nach wenigen Wochen hinter sich ließ und – anders als die Schweiz – schon im Dezember 1955 UNO-Mitglied wurde. Seit dem EU-Beitritt 1995 und der Entwicklung der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik, hat sich die Neutralität Österreichs nochmal grundlegend verändert. Und spätestens seit dem russischen Überfall auf die Ukraine stellt sich für viele Fachleute die Frage, ob sie noch zeitgemäß ist.

Wirklich geführt wird diese Debatte jedoch nicht. In der Bevölkerung ist die Neutralität unverändert populär – in jeder Meinungsumfrage sind zwei Drittel bis drei Viertel der Befragten dafür. Dementsprechend gering ist auch die Lust von Politiker·innen, sich der Debatte zu stellen. Oder wie 2022 der damalige Kanzler Karl Nehammer verkündete: „Österreich war neutral, Österreich ist neutral, Österreich wird auch neutral bleiben“. Immerwährend halt.


Nun haben allerdings mehr als 20 Politolog·innen, Völkerrechtler·innen und Diplomaten einen sehr lesenswerten Sammelband zur (österreichischen) Neutralität vorgelegt, der sie in 23 Kapiteln umfassend analysiert – von ihren historischen Grundlagen, ihrer ethischen Dimension, ihrer rechtlichen Verankerung und ihrer Weiterentwicklung bis zum Vergleich mit der Schweiz, Irland, Malta und mit Schweden und Finnland, die nach dem russischen Überfall auf die Ukraine ihre Bündnisfreiheit zugunsten eines NATO-Beitritts aufgaben. (Aus dem Beitrag des Verfassungsjuristen Peter Bußjäger lernt man übrigens, das zwar die Abschaffung der österreichischen Neutralität formal ohne Volksabstimmung möglich wäre, nicht jedoch ein Beitritt zur NATO.)

Und das Tollste an dem Buch – der gesamte 415seitige Band steht frei verfügbar als PDF im Netz. Große Empfehlung!