Die Preisträger und die Stifter

„Man muss schon ein bisschen Anstand haben“

Am Montag dieser Woche wurde ich mit dem diesjährigen Ferdinand-Berger-Preis ausgezeichnet, den das Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes seit 2018 vergibt. Das ist eine große Ehre, ganz besonders gefreut hat mich aber, dass ich diesen Preis gemeinsam mit Dimitrios Papatsetsilas bekommen habe.

Der Name sagt Ihnen wahrscheinlich nichts, aber Dimitrios‘ Geschichte haben Sie vermutlich gehört. Er ist jener Taxifahrer, der im Juni im Leoben „Sieg Heil!“-grölende Fahrgäste aus seinem Taxi geworfen hat und dafür von Rechtsextremen zusammengeschlagen wurde.

Dimitrios Papatsetsilas im Wiener Rathaus

Die Laudatio auf Dimitrios Papatsetsilas, der seit 1986 in Österreich lebt, hielt die Grazer Zeithistorikerin Barbara Stelzl-Marx. Auf ihre Frage, warum er etwas gemacht hat, was sich sehr viele Menschen nicht trauen würden, antwortete Dimitrios mit dem Satz: „Man muss schon ein bisschen Anstand haben.“

Mich hat das sehr beeindruckt. Und alle anderen bei der Preisverleihung im Wiener Rathaus sichtlich auch.

Ferdinand Berger, nach dem die Auszeichnung benannt ist, war ein österreichischer Widerstandskämpfer, der vier Jahre lang in den NS-Konzentrationslagern Dachau und Flossenbürg eingesperrt war. Sein Sohn, der bekannte Jugendpsychiater Ernst Berger, und sein Enkel René Berger haben den Preis gestiftet.

Dass STANDARD-Herausgeber Oscar Bronner eine Laudatio auf mich gehalten hat, ehrt und freut mich sehr. Ich darf sie hier veröffentlichen – und anschließend meine Dankesworte auf dem Festakt.


OSCAR BRONNER: 

Als Armin Wolf mich einlud, bei der Verleihung des Ferdinand-Berger-Preises des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes die Laudatio zu halten, fühlte ich mich geehrt. Denn ich bin – wie vermutlich die meisten hier – ein Bewunderer seiner Arbeit.

Es gibt aber noch einen zweiten Grund, weshalb ich sehr gerne zugesagt habe: Seit über 60 Jahren empfinde ich gegenüber dem Dokumentationsarchiv eine Dankesschuld.

Nachdem damals mehrere eigentümliche Urteile gegen Alt- und Neonazis einerseits und gegen Juden andererseits gefällt worden waren, begann ich, mich für die Vergangenheit mancher Richter zu interessieren. Und im damals noch sehr jungen Dokumentationsarchiv, wurde ich fündig: Ich fand Todesurteile gegen Widerstandskämpfer, an denen Richter mitgewirkt hatten, die in der Nachkriegsjustiz wieder tätig waren – in allen Instanzen, bis hinauf zum Obersten Gerichtshof.

Die Dokumentation, die ich darüber 1965 in der Zeitschrift FORVM veröffentlichte, erregte einiges Aufsehen – im Ausland, nicht in Österreich. Hier interessierte sich nur eine verschwindend kleine Minderheit für so ein Thema. Widerstandskämpfer galten als Verräter, Feiglinge oder Eidbrecher. Manche sehen die Geschichte immer noch so – und manche wieder.

DIE FPÖ UND IHRE FEINDBILDER

Die FPÖ etwa hat das Dokumentationsarchiv seit vielen Jahren zum Feindbild gemacht und mit Angriffen und polemischen parlamentarischen Anfragen überzogen. Wohl als Retourkutsche dafür, dass das DÖW in seinen Recherchen die FPÖ immer wieder als das beschreibt was sie ist: Im Rechtsextremismusbericht vom Vorjahr etwa kommt die FPÖ auf 200 Seiten 231 Mal vor.

Als die FPÖ das Dokumentationsarchiv als „pseudowissenschaftliche Institution“ bezeichnete, klagte das DÖW. Nach drei Jahren und durch sämtliche Instanzen hindurch gab der Oberste Gerichtshof dem DÖW recht: Die FPÖ muss diese Behauptung widerrufen und künftig unterlassen. Herzliche Gratulation zu diesem wichtigen Urteil! Es zeigt: Die österreichische Justiz hat sich im Lauf der Jahrzehnte langsam, aber doch zum Besseren verändert.

Es überrascht nicht wirklich, dass eine Partei wie die FPÖ auch einen unabhängigen und kritischen Journalisten wie Armin Wolf nicht besonders schätzt und immer wieder angreift. Der seinerzeitige FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache zum Beispiel bezichtigte Armin Wolf und den ORF der Lüge. Wolf klagte und man einigte sich auf einen außergerichtlichen Vergleich: Strache musste sich öffentlichkeitswirksam entschuldigen, die Verfahrenskosten übernehmen und 10.000 Euro Entschädigung zahlen. Armin spendete das Geld dem DÖW – und hat Strache damit vermutlich zusätzlich bestraft.

DER MUT DES FERDINAND BERGER

Wann immer Armin für seinen Mut gelobt wird, weist er das zurück. Er betont, dass man in Österreich derzeit für journalistische Tätigkeit keinen besonderen Mut brauche. Das größte Risiko, das er eingehe, bestehe darin, seinen Job zu verlieren – und er sei zuversichtlich, einen anderen zu finden. Das kann ich bestätigen.

Wirklich mutig war Ferdinand Berger, an den wir mit der heutigen Preisverleihung erinnern wollen. Seine Zeit war um vieles schwieriger als die, in der wir das Privileg haben zu leben – zumindest bisher.

Ein paar Stichworte zu diesem bemerkenswerten Menschen: 1917 geboren, wird er Automechaniker. Mit 16 Jahren kämpft er als Mitglied der Sozialistischen Arbeiterjugend im Bürgerkrieg 1934. Er wechselt zur Kommunistischen Partei, wird mehrfach verhaftet und schließt sich 1937 den Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg an. Ab 1941 ist er politischer Häftling in den Konzentrationslagern Dachau und Flossenbürg.

Nach der Befreiung kehrt er nach Österreich zurück, studiert Jus und tritt in den Polizeidienst ein. Aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 tritt er aus der KPÖ aus. Nach seiner Pensionierung 1975 engagiert er sich ehrenamtlich im DÖW. Ferdinand Berger stirbt 2004.

Es war wichtig, dass solche Persönlichkeiten in die Schulen gegangen sind, um den jungen Menschen aus eigener Erfahrung zu berichten, wohin radikale Politik führen kann – auf der Rechten wie auch auf der linken Seite des politischen Spektrums. Leider leben fast keine Zeitzeugen mehr. Dabei wären sie heute wichtiger denn je.

DER PREISTRÄGER UND DIE KI

Das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes verleiht den Ferdinand-Berger-Preis an Personen, „die durch wissenschaftliche oder publizistische Leistungen oder durch besonderes öffentliches Auftreten einen markanten Beitrag gegen Neofaschismus, Rechtsextremismus, Rassismus oder demokratiegefährdendes Verhalten geleistet haben“.

Oscar Bronner bei seiner LaudatioIch freue mich sehr, dass die Jury heuer Armin Wolf diesen Preis zugesprochen hat!

Wolf ist der meistausgezeichnete Journalist, den ich kenne. Er hat die wichtigsten österreichischen Journalistenpreise erhalten – manche davon mehrmals. Aber Armin spielt längst in der internationalen Liga: Er wurde auch in Deutschland mehrfach ausgezeichnet und 2019 sogar zum Europäischen Journalisten des Jahres gewählt.

Wie heute üblich habe ich zunächst die Künstliche Intelligenz befragt, wie sie die Laudatio über Armin Wolf anlegen würde. Claude beginnt so: „Wenn man in Österreich den Fernseher am Abend einschaltet und ein Politiker beginnt zu schwitzen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Armin Wolf gegenübersitzt.“

KI hin oder her: Armin Wolf ist ein Meister der Interviewführung. Er ist immer bestens vorbereitet und kennt deshalb die Schwachstellen seiner Interviewpartner. Er kennt aber auch die Techniken, mit denen Politiker unangenehmen Fragen ausweichen – und weiß, wie er das verhindern oder zumindest für das Publikum erkennbar machen kann.

Es gibt viele Interviews von ihm, die jeder angehende Journalist beziehungsweise Journalistin studieren sollte. Eigentlich nicht nur angehende sondern auch manche alteingesessene. An erster Stelle steht natürlich das Interview mit Wladimir Putin – geführt in der Höhle des Löwen, im Kreml. Bemerkenswert ist es nicht nur, weil Wolf Putin elfmal unterbrach, sondern vor allem, weil er ihm unmissverständlich vorwarf, die Unwahrheit zu sagen.

Putin reagierte nicht mit Schweiß – ich bin nicht sicher, ob er überhaupt schwitzen kann. Aber sein eiskaltes Lächeln konnte die zunehmende Nervosität nicht verbergen, die seine Körpersprache verriet. Ich weiß nicht, ob Armin während dieses Interviews auch nervös war. Zu bemerken war es jedenfalls nicht.

JOURNALISMUS ALS DIENSTLEISTUNG

Aber die Interviews sind nur die breitenwirksame Spitze des Eisbergs. Neben seinem ziemlich aufreibenden Beruf als Moderator und stellvertretender Chefredakteur hat Dr. Armin Wolf ein Studium absolviert, er hält hervorragende Vorlesungen, schreibt brillante Artikel und macht – nachdem er einmal seine Moderation der ZIB 2 als „Radio im Fernsehen“ bezeichnet hat – jetzt nebenbei tatsächlich wieder Radio: Für die Ö1-Reihe „Im Gespräch“ führt er lange, kluge Interviews.

Gemeinsam mit Peter Filzmaier erklärt er den Österreichern das politische System des Landes, im Fernsehen, per Podcast, auf Bühnen in ganz Österreich und in einem Buch, das sogar als Bestseller mit Platin ausgezeichnet wird. In der verbleibenden Freizeit ist er online aktiv und betreut auch noch die beste persönliche Homepage, die ich kenne. Ich bin sicher, dass mir noch einiges entgangen ist.

Immer wieder beschäftigt er sich mit grundsätzlichen Fragen des Journalismus und der Medien. Und es freut mich, dass er denselben aufklärerischen Zugang zum Journalismus verfolgt wie ich. Als Dienstleistung zum Funktionieren der Demokratie.

Leider gibt es immer wieder Journalisten, die diesen Beruf wählen, weil sie eigentlich Aktivismus betreiben wollen. Journalisten können über Aktivisten berichten, sie sollten aber keine sein. Es gehört zu unseren Pflichten, das auseinander zu halten.

INTOLERANZ GEGEN INTOLERANTE

Hier möchte ich Armin Wolf zitieren: „Politische Journalist·innen sind ja – hoffentlich – politisch interessierte Menschen, die auch private politische Ansichten haben. Aber in unserer Arbeit müssen wir davon abstrahieren können. Wir müssen Recherchen angehen wie gute Wissenschafter·innen ihre Forschung: Mit der ständigen Bereitschaft, eine Hypothese, wie etwas sein könnte oder sollte, durch Fakten widerlegen zu lassen. Auch wenn uns diese Fakten vielleicht persönlich missfallen.“

Wie passt diese Einstellung zu einem Preis, der für einen „markanten Beitrag gegen Neofaschismus, Rechtsextremismus, Rassismus oder demokratiegefährdendes Verhalten“ vergeben wird? Indem man – frei nach Popper – diese Offenheit der Recherche nur leben kann, wenn man gewissen intoleranten Ausrichtungen mit Intoleranz begegnet.

In Armins Worten: „Ich bin für Menschenrechte und dagegen, Menschen gegeneinander aufzuhetzen. Für Fakten und gegen Unwahrheiten im demokratischen Diskurs. Ansonsten: skeptisch-interessiert und militant unabhängig.“

Und weiter: „Ich denke also, Journalist·innen sollten sich sehr wohl mit etwas gemein machen: Mit Menschenrechten und Menschenwürde. Mit der Demokratie und ihren Grundregeln. Und damit, dass sinnvoller Diskurs auf Fakten basiert und nicht auf Lügen. Aber: Journalist·innen sollen sich niemals vereinnahmen lassen.“

In einer seiner Vorlesungen hat Armin Wolf die verschiedenen Formen des Berufs definiert: Er unterscheidet zwischen E-, U- und K-Journalismus. Analog zur Musik steht E für ernsthaften Journalismus, U für Unterhaltung. Und K hat bei ihm gleich drei Bedeutungen: Erstens: Kommerz-Journalismus. Darunter versteht er Anzeigenkeilerei, die sich als Journalismus verkleidet. Zweitens: Kampagnen-Journalismus. Das ist als Journalismus verkleidete Politik. Und drittens: Krawall-Journalismus. Da geht es vor allem um Auflagenmaximierung.

BOULEVARD-DEMOKRATIE

Der Politikwissenschafter Fritz Plasser hat Österreich einmal eine „Boulevard-Demokratie“ genannt. Tatsächlich gibt es bei uns leider nicht allzu viele Qualitätsmedien. Und auch die wenigen sind durch den medialen Paradigmenwechsel in ihrer Existenz bedroht. Umso wichtiger ist es, dass es gelingt, den Medienmarkt so zu organisieren, dass sowohl der öffentlich-rechtliche ORF als auch andere Qualitätsmedien überleben können. Denn ohne Konkurrenz gibt es langfristig keine Qualität.

Es ist aber auch wichtig, dass es Vorbilder wie Armin Wolf gibt, dem junge Kolleginnen und Kollegen nacheifern wollen. Es ist ein Glücksfall für den Journalismus – und für Österreich – dass der bekannteste Journalist des Landes auch einer der kompetentesten und integersten ist.

Armin hat vor Kurzem anlässlich seines 60. Geburtstags in Interviews erwähnt, er gehe davon aus, mit 65 vom ORF in Pension geschickt zu werden. Er freue sich darauf, dann mehr Zeit für Kultur zu haben. Das wäre zweifellos ein Gewinn für ihn. Für uns anderen wäre es allerdings ein Verlust. Deshalb möchte ich die heutige Gelegenheit missbrauchen und ihn schon jetzt einladen, nach seiner Pensionierung im STANDARD weiterzumachen.

Lieber Armin, herzliche Gratulation zum Ferdinand-Berger-Preis!


ARMIN WOLF: 

Ich möchte Ihnen gerne eine Geschichte erzählen. Im Frühling 1980 wurde ein neuer Bundespräsident gewählt. Ich war damals 13 und in Innsbruck, wo ich aufgewachsen bin, war das ein großes Thema, weil unser Bürgermeister Alois Lugger einer der Kandidaten war. Irgendwie kam ich als 13jähriger bei einer Wahlkundgebung vorbei, nicht von Lugger, sondern eines gewissen Norbert Burger. Ein alter Mann, der mir absolut nix gesagt hat, aber ich habe dort kurz zugehört.

Zuhause begrüßte ich meine Mutter dann mit einem Gruß, den ich bei dieser Versammlung zum ersten Mal in meinem Leben gehört hatte, dafür aber gleich mehrfach. Ich sagte zu meiner Mama ganz freundlich und mir absolut nichts dabei denkend: „Sieg Heil!“

Praktisch im selben Moment hatte ich eine Ohrfeige im Gesicht – das war bei uns zuhause leider sehr üblich – und meine Mutter hat mir dann sehr ernst erklärt, ich möge das wirklich nie wieder sagen, völlig egal, ob ernst gemeint oder im Spass. Und dass das nichts mit dem „Heile“ zu tun hat, mit dem man sich in Tirol – jedenfalls damals – im Alltag genauso regelmäßig gegrüßt hat wie mit „Griaß di“.

Am selben Abend drückte mir mein Vater – er war Hausmeister, meine Mutter saß in einem Supermarkt an der Kassa – ein dickes, schwarzes Buch aus seinem Regal in die Hand: Die Hitler-Biografie von Joachim Fest. Ich habe sie gelesen und als wir in der 4. Klasse Unterstufe zur NS-Zeit kamen, meldete ich mich für ein Referat über Adolf Hitler. Es wurde ein sehr langes Referat. Als es am Ende der Schulstunde läutete, war der Zweite Weltkrieg noch nicht fertig, meine Klassenkameraden hingegen schon.

Seit damals hat mich die NS-Zeit beschäftigt – privat und bald auch journalistisch.

Armin Wolf DankesworteIn der Autobiografie von Simon Wiesenthal las ich als ganz junger Journalist erstmals von den „Gaswagen“ der Nazis, in denen – noch vor den Vernichtungslagern – massenhaft Jüdinnen und Juden ermordet wurden, und habe mit Wiesenthal eine Radio-Dokumentation darüber gemacht. Ich habe viel über Kurt Waldheim berichtet und war mit Franz Vranitzky in Jerusalem, bei seiner Rede an der Hebräischen Universität, in der er sich für den Beitrag von Österreichern an den NS-Verbrechen entschuldigt hat. Ich habe vielen Zeitzeugen zugehört und sehr viele Bücher gelesen.

Und trotzdem ist mir immer unbegreiflich geblieben, wie das damals alles möglich war.

Bis vor ungefähr zehn Jahren – als nach der großen Migrationswelle im Spätsommer 2015 und nach der Kölner Silvesternacht die sozialen Medien übergelaufen sind mit Rassismus und Hetze und Hass.

FLAMMENWERFER UND KOPFSCHUSS

Als allen Ernstes unter einem Foto eines strahlenden syrischen Mädchens, das sich in der Sommerhitze unter einem Wassernebel abkühlte, der Kommentar stand: „Flammenwerfer wäre die bessere Lösung.“ Mit vollem Namen. Und wer anderer unter ein Facebook-Posting über Flüchtlinge geschrieben hat: „An die Wand stellen und einen Kopfschuss verpassen!“

Damals hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, ich verstehe jetzt doch, wie die „Reibpartien“ auf den Wiener Straßen 1938 möglich waren.

Ich fand das total erschreckend – und es ist seither nicht besser geworden.

Ich hätte nie gedacht, dass wichtige Politiker in Österreich oder Deutschland je nochmal die „Homogenität des Volkes“ beschwören würden. Dass – nicht so wichtige – Politiker anhand der offenbar „undeutschen“ Vornamen in einer Tiroler Volksschulklasse von „Remigration“, also von ethnischer Säuberung, fantasieren könnten. Oder dass in der – von uns allen finanzierten – Bildungsakademie einer großen Parlamentspartei jemand arbeiten könnte, der wegen NS-Wiederbetätigung und des Besitzes von Sprengmitteln und Kriegsmaterial rechtskräftig verurteilt ist.

Ich hätte das alles vor 15 Jahren nicht für möglich gehalten.

Ich hätte auch nicht gedacht, dass wir uns nochmal Sorgen um die liberale Demokratie in Österreich und in Europa machen müssten. Das erschreckend viele Menschen aus den Katastrophen und Verbrechen des 20. Jahrhunderts ausgerechnet die Lehre ziehen würden, Nationalismus und Rassismus wären doch ein tolles Konzept. Und „starke Männer“ eine gute Idee.

Oder dass wir im Jahr 2026 Preise vergeben müssen, für Beiträge „gegen Neofaschismus, Rechtsextremismus, Rassismus oder demokratiegefährdendes Verhalten“. Ich hätte gedacht, dass wäre nach unserer Geschichte in diesem Land zivilisatorischer Mindeststandard.

MITLÄUFER UND „ILLEGALER“

Vor einigen Jahren habe ich einen Historiker beauftragt, herauszufinden, was meine beiden Großväter in ihrer Jugend gemacht haben. Den oberösterreichischen Vater meines Vaters habe ich nicht mehr kennengelernt. Der Vater meiner Mutter, mein über alles geliebter Innsbrucker Opa, ist gestorben, als ich fünf war. Und ich hätte Ihnen jetzt gerne eine Lebensgeschichte erzählt, wie René Berger vorhin über seinen Großvater.

Aber von dem Historiker habe ich leider gelernt, dass mein wunderbarer Opa am 1. Jänner 1940 in Innsbruck NSDAP-Mitglied wurde, mit der Nummer 7.868.887. Einer der vielen Mitläufer.

Der Vater meines Vaters war deutlich früher dran: Mitgliedsnummer 904.152, aufgenommen am 1. Mai 1932. Ein „Illegaler“. Ein ganz Überzeugter. Mit Berufsverbot nach dem Krieg.

Ich konnte – logischerweise – mit beiden nie darüber sprechen. Aber ich bin sehr froh, dass die Kinder dieser beiden Männer – meine Mutter also und mein Vater – im Frühling 1980 den dummen, ahnungslosen Gruß ihres 13jährigen nicht ignoriert haben. Ihre Erziehungsmethoden waren sehr oft fragwürdig, aber in dieser Richtung hat der Kompass gestimmt.

Vielen Dank für diese Auszeichnung, die mich sehr ehrt und sehr freut! Wie auch die schöne Laudatio von Oscar Bronner – und sein Jobangebot. Danke natürlich auch dafür!

Und ganz herzlichen Glückwunsch an Dimitrios Papatsetsilas, der diese Auszeichnung wirklich verdient! „Man muss schon ein bisschen Anstand haben“, ist für mich der wichtigste Satz dieses Abends.


Fotos: DÖW/Daniel Shaked. Das Titelbild zeigt René Berger, Andreas Kranebitter (DÖW), Armin Wolf, Dimitrios Papatsetsilas, Ernst Berger (v.l.n.r.)

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