Der Viren-Scanner

Selten habe ich mich so um einen Studiogast für die ZiB2 bemüht, wie in den letzten Wochen um Christian Drosten, den Chef-Virologen der Berliner Charité.

Drosten ist einer der weltweit führenden Corona-Experten und zur Zeit auch Deutschlands einflussreichster und bekanntester Wissenschafter – auch weil er seine Arbeit extrem gut erklären kann: in Pressekonferenzen, in Talkshows, in einem sensationellen Podcast, vor fast 300.000 Followern auf Twitter oder eben in Interviews. Ich habe – für die ZiB2 sehr ungewöhnlich – eine halbe Stunde lang mit ihm gesprochen und ich finde, es hat sich gelohnt:

Und das waren die Themen des Gesprächs:
Sind die strengen Corona-Maßnahmen im Rückblick gerechtfertigt?
– Ist der „schwedische Weg“ klüger“?
– Wie ist das nun wirklich mit der Sterblichkeit?
– Wo kommt das Virus wirklich her?
– Droht uns eine zweite Infektionswelle?
– Wie gefährlich ist das Virus im Freien?
– Warum weiß man so wenig über Kinder?
– Wie lange bleibt man immun?
Ist „Herdenimmunität“ eine sinnvolle Strategie?
– Wann kommt ein Impfstoff?
– Wird unser Leben irgendwann wie früher?

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In der Corona-WG: Mein letzter Tag

Heute ist mein letzter Tag hier in der ORF-Sperrzone. Nach der ZiB2 heute Abend packe ich meine sieben Sachen und fahre nach zwei Wochen „Isolation“ nachhause zu meiner Familie. Das Notbett in meinem Büro ist bereits abgezogen und meine Wäsche aus dem Aktenschrank geräumt.

Was habe ich hier gelernt?

Stressigste Erkenntnis: Man muss sich für die Kasernierung nicht besonders ausrüsten. Ich hatte eigens ein paar neue Bücher auf meinen Kindle geladen. Keines davon gelesen. Auf meinem iPad gibt’s diverse Streaming-Accounts – nichtmal die letzte Folge „Picard“ habe ich bisher geschafft. Die kaputten Playstations im Aufenthaltsraum sind niemandem abgegangen. Es gab wirklich wenig freie Zeit. Aber beim nächsten Mal: Eigenen Kopfpolster mitbringen!

Abgezogenes Bett

Wichtigste Erkenntnis: Die Trennung zwischen Arbeit und Freizeit/Privatleben ist viel entscheidender als ich dachte. Viele Menschen bemerken ja dieser Tage, dass Home Office gar nicht so toll ist, wie sie sich das vorgestellt hatten. Office Home ist definitiv nicht toll.

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In der Corona-WG: Tag 8

Ich muss gestehen, gestern hatte ich ein Tief. Die erste Woche hier in unsererm Isolationsbereich ist vorbei. Es läuft gut, der Teamgeist ist noch immer großartig, die Sendungen funktionieren, das Publikumsinteresse ist gigantisch.

Die ZiB2 hatte gestern 1,04 Millionen Zuseher*innen, am Montag waren es 1,23 Millionen, die Zeit im Bild um 19h30 erreicht seit Wochen jeden Tag weit über zwei Millionen, etwa das Doppelte der üblichen Zahl. Produziert werden die ZiBs aber völlig anders als sonst.

Vom ZiB2-Team sind Redaktionsleiter Christoph Varga und ich hier in der ZiB-Sperrzone isoliert. Christoph plant und koordiniert die Sendung und betreut sie abends als Chef vom Dienst, ich moderiere. Die anderen Kolleg*innen aus der Redaktion haben wir seit Wochen nicht mehr gesehen.

Wolf & Varga

Schon vor der Isolation hatten wir unsere Arbeitsweise stark dezentralisiert, jetzt ist es noch drastischer. Einige Kollegen arbeiten von zuhause, andere in Außenstudios in der Wiener Innenstadt oder der Stiftskaserne und im Newsroom hier im ORF-Zentrum sind der 1. und der 2. Stock voneinander abgeriegelt. Heroben werken wir „Isolierten“, unten die Redakteur*innen, Cutter*innen und Assistent*innen, die zuhause schlafen. In den Redaktionsräumen müssen sie konsequent alle Sicherheitsregeln einhalten, beim Eingang Fieber messen und bei der Arbeit maximalen Abstand voneinander halten.

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In der Corona-WG: Tag 5

Man muss sagen, es ist nicht alles schlecht in unserer Isolationshaft. Wir haben Auslauf. Unser Hof würde keinen Garten-Wettbewerb gewinnen, aber er ist da und sonnig und wir haben die Feldbetten, auf denen wir glücklicherweise doch nicht schlafen müssen. Also haben wir sie gestern kurzerhand zu Liegen umfunktioniert und die kurze Mittagspause nach der verlängerten 13h00-Sendung beim Après-ZiB verbracht.

Überhaupt ist das Freizeitangebot hier herinnen nicht so übel. Also, nicht das Angebot an Freizeit, aber für die Freizeit. An sich arbeiten wir ja meistens, das ist ja auch der Sinn unseres Aufenthalts. Aus Bescheidenheit verschweige ich, wer nach der ZiB2 gestern Nacht unser erstes Tischtennis-Turnier gewonnen hat (nicht im Bild).

Tischtennis

Für die motorisch weniger Begabten gibt es einen Fitnessraum. Der ist ein bisserl vollgeräumt, wurde vermutlich um 1980 mit damals sicher modernen Geräten ausgestattet und ist eher für die Hardcore-Mucki-Fraktion gedacht, aber vormittags – von der jeweiligen Spätschicht – nicht schlecht besucht. (Als dezenter Mensch habe ich nachmittags fotografiert.)

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In der Corona-WG: Tag 1

Für den Nasenabstrich fährt mir die Ärztin mit einem Staberl ziemlich weit ins linke Nasenloch hinauf, echt unangenehm, aber weniger schlimm als befürchtet. In 24 Stunden soll das Testergebnis da sein. Aber wir ziehen jetzt schon ein. Wenn wer positiv ist, muss er morgen eben wieder raus aus unserer Corona-WG am Küniglberg. Bis dahin gilt es, voneinander maximal Abstand zu halten.

Rund 30 ORF-Mitarbeiter*innen sind hier Dienstag Abend eingezogen: Regie, Kameraleute, CvDs, Grafik, Moderator*innen, Maske, Sendeleitung – wen man eben braucht, um die Info-Sendungen von der ZiB um 13h00 bis zur ZiB2 im abgeriegelten Newsroom zu produzieren. Wir haben den zweiten Stock für uns, den darf sonst niemand betreten. Der Rest des ZiB-Teams – Redakteur*innen, Reporter*innen, Dispo und Administration – sitzt im ersten Stock oder in Außenstudios über Wien verteilt und darf zuhause schlafen.

Ich habe Glück, ich habe auch im corona-freien Leben ein Büro in der Chefredaktion gegenüber vom Newsroom, in dem seit heute eben auch ein Bett steht. Es ist etwa 25 cm hoch und 80 breit, die Matratze muss ein überzogenes Brett sein und die Bettwäsche dürfte eine Firma dem ORF aus ihren unverkäuflichen Lagerbeständen überlassen haben. Sagen wir so: Der Mustermix ist mutig. Andererseits: Sieht ja keiner außer mir.

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Wer ist Pete Buttigieg?

Der 38jährige Pete Buttigieg aus Indiana ist bisher der Überraschungskandidat in den Vorwahlen der US-Demokraten. Buttigieg hat eine interessante Biografie: Professoren-Kind, Harvard- und Oxford-Absolvent, Afghanistan-Veteran, McKinsey-Berater und mit Ende 20 Bürgermeister in seiner 100.000-Einwohner-Heimatstadt. Er ist hocheloquent, offensichtlich gebildet, der einzige offen schwule Kandidat und politisch moderat. Dabei war er mal ein großer Bernie Sanders-Fan, wie einer seiner ehemaligen Harvard-Professoren in diesem sehr langen, aber sehr lesenswerten Portrait erzählt. Jedenfalls der interessanteste Text, den ich bisher über Buttigieg gelesen habe.


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COMMONWEALMAGAZINE.ORG, 28.1.2020

Was die New York Times aus 2016 lernt

Diesmal kein Lesezeichen, sondern ein Hörbeispiel. Die NEW YORK TIMES betreibt etliche hörenswerte Podcasts, der bekannteste ist aber THE DAILY, der üblicherweise in Gesprächen mit den Journalist*innen der Zeitung Hintergründe zur aktuellen Nachrichtenlage liefert. In dieser Folge ist es jedoch ein ausführliches und sehr hörenswertes Interview mit NYT-Chefredakteur Dean Baquet über die Lehren, die die Redaktion im Wahljahr 2020 aus der letzten Präsidentenwahl von 2016 zieht. Ein sehr reflektiertes und auch selbstkritisches Gespräch.

Screenshot mit LinkTHE DAILY, 31.1.2020

„Ich unterbreche Sie ungern, aber…“

Auf Social Media kursiert eine ganz aufgeregte Zählung eines paranoiden Wir-hassen-diesen-linksgrün-versifften-Rotfunk-Blogs, wonach ich die Studiogäste in der ZiB2 ganz unterschiedlich häufig unterbrechen würde, was ganz arg parteiisch von mir wäre. Und was soll ich sagen? Die haben recht. Mit dem ersten Teil – mit dem zweiten natürlich nicht.

Ich unterbreche Gäste tatsächlich unterschiedlich oft. Und ich erkläre auch sehr gerne, warum.

Punkt 1: Ich unterbreche wirklich ungern, weil ich weiß, dass viele Zuseher*innen das unhöflich finden, wie Tweets und Mails nach vielen Interviews zeigen (Ich habe auf das untenstehende Tweet auch geantwortet – und die Entwicklung dieser Unterhaltung wurde sehr interessant, einfach draufklicken).


Tweet zu Unterbrechungen mit Link


Aber: Die ZiB2-Studiogäste werden zu einem Interview eingeladen, über das Mark Twain mal so schön geschrieben hat: „Üblicherweise besteht es aus dem Interviewer, der Fragen stellt, und dem Interviewten, der sie beantwortet.“
Man beachte bei Fragen die Mehrzahl.

Interviews sind keine Vorträge, Lesungen, Wahlreden oder Pressekonferenzen. Sie unterliegen bestimmten Regeln und sie sind zeitlich begrenzt, in der ZiB2 meist auf 6 bis 8 Minuten. Das wissen die Gäste natürlich – und sie kommen freiwillig. Ich unterbreche sie aber nur dann, wenn sie:

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Der Desinformations-Krieg

Das ist eine ziemlich erschreckende Recherche über die Wahlkampf-Taktiken des Trump-Teams im Internet – von zigtausenden, nur minimal unterschiedlichen Facebook-Werbespots, die gleichzeitig an Millionen Menschen geschickt werden, über „Zensur durch Lärm“ und die konzertierte Diffamierung kritischer Journalist*innen bis zum Einsatz erfundener Online-Lokalmedien.
(Danke für den Hinweis, Ingrid Brodnig!)

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THE ATLANTIC, March 2020

Sind die Medien kaputt?

Eine ausführliche Sammel-Besprechung mehrerer neuer Bücher über Journalismus und den düsteren Zustand der Medienbranche in den USA, wo es heute um fast zwei Drittel weniger Tageszeitungs-Journalist*innen gibt als vor dreißig Jahren, so sich die Auflage der Tageszeitungen in den letzten fünfzig Jahren fast halbiert hat (während die Bevölkerung um die Hälfte gewachsen ist) und wo Google alleine vier Mal so hohe Werbeeinnahmen hat, wie die gesamte Zeitungsbranche.


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THE NEW YORK REVIEW OF BOOKS, February 2020

Armin Wolf ist Journalist und TV-Moderator. Sein Blog befasst sich v.a. mit Medien und Politik.

Armin Wolf