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Wie großartig ist das denn?

Eine elegante Ruine wird 100

Heute vor 100 Jahren hat die Provisorische Nationalversammlung in Wien das „Gesetz vom 1. Oktober 1920, womit die Republik Österreich als Bundesstaat eingerichtet wird“ beschlossen – die österreichische Bundesverfassung.

Sie ist eine der ältesten noch gültigen Verfassungen der Welt. Letztes Jahr hat der Bundespräsident ihre „Eleganz und Schönheit“ gelobt, sehr viele Jurist*innen haben damals geschmunzelt. „Eine innere und äußere Ruine“ hat sie einst Verfassungs-Professor und Justizminister Hans Klecatsky genannt.

Tatsächlich ist die österreichische Verfassung extrem unübersichtlich und zersplittert. Das Bundes-Verfassungsgesetz (B-VG) von 1920 wurde mehr als hundert Mal geändert, von seinen 152 Artikeln ist gerade noch ein Zehntel in seinem ursprünglichen Wortlaut in Kraft. Und nicht alle sind so elegant wie der berühmte Beginn:


Artikel 1, B-VG


Artikel 14a zum Beispiel gilt unter Jurist*innen als Schulbeispiel dafür, wie man Verfassungsinhalte nicht formuliert. In mehr als 600 Wörtern wird da bis ins kleinste Detail das „Gebiet des land- und forstwirtschaftlichen Schulwesens“ organisiert.

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Bullshit-Bingo

Seit einigen Wochen hat Donald Trump ein neues Lieblingswort: Obamagate. Er hat dieses Wort erfunden, es beschreibt auch nichts, es ist ein von Trump frei erfundender angeblicher Riesen-Skandal. Niemand weiß, was er damit meinen könnte, irgendwas sehr Verwirrendes und jedenfalls ganz Schlimmes rund um Ex-Präsident Obama & die Russen.

Und jeden Tag agitieren Trump und seine Sprecher*innen in Pressekonferenzen, Interviews und via Twitter die Medien an, sie sollten jetzt endlich diesen unglaublichen Skandal recherchieren und darüber berichten. Früher wäre das recht einfach gewesen: Journalist*innen schauen sich das an, stellen fest, dass da kein Skandal existiert und legen das Thema zu den Akten. Erledigt. Heute funktioniert das nicht mehr. Trump kann das Nicht-Thema auch ohne Journalist*innen permanent in der öffentlichen Debatte halten – und nicht wenige Menschen fragen sich dann, warum die Medien eigentlich nicht über diesen unglaublichen Skandal berichten, von dem der Präsident doch sicher nicht ohne Grund ständig redet.

Es ist das bisher beste Beispiel für eine Strategie, die Trumps einstiger Stabschef Steve Bannon sehr präzise so beschrieben hat: „The real opposition is the media. And the way to deal with them is to flood the zone with shit.”

Seriöse Medien bringt das in ein wirklich schwieriges Dilemma, das die US-Politik-Plattform VOX in diesem Text sehr klug analysiert – wenn auch leider (Spoiler!) ohne Lösung.

Screenshot mit Link


VOX.COM, 17.5.20

I have the best words!

Sarah Cooper ist eine amerikanische Komikerin – und seit einigen Wochen produziert sie kleine Filme, in denen sie zu Ausschnitten aus Donald Trump-Pressekonferenzen zur Corona-Krise die Lippen bewegt. Diese Lip Sync-Videos sind zum Niederknien lustig. Mehr davon gibts auf Coopers Twitter-Account und auf TikTok:

Die ultimative Verschwörung

Bei fast jeder Kundgebung von Donald Trump sind in den letzten Jahren Transparente oder T-Shirts mit einem großen Q aufgetaucht oder mit dem seltsamen Wort QAnon.

Trump-Demo

QAnon ist das Zentrum einer riesigen Verschwörungstheorie, angeblich ein anonymer Super-Insider aus der US-Geheimdienstwelt mit der „Sicherheitsstufe Q“ und Zugang zu den vertraulichsten Staatsgeheimnissen wie etwa dem weltweiten Kinderpornoring, den Barack Obama, Hillary Clinton und Georg Soros gemeinsam betreiben würden.

Die Thesen von QAnon sind völlig grotesk, aber das hindert Millionen Menschen in den USA nicht daran, sie für die Wahrheit und nichts als die reine Wahrheit zu halten. Eine „neue Religion“ sieht Adrienne LaFrance, die Chefredakteurin des ATLANTIC, sogar in der Bewegung – und sie begründet diese These in diesem sehr langen, hervorragend recherchierten Text.

Screenshot mit Link
THE ATLANTIC, Juni 2020

Eh scho wurscht

Für den wunderbaren Radiosender FM4 bastelt der Salzburger Rapper Scheibsta seit einigen Wochen Instant-„Rap ups“ rund um aktuelle O-Töne (Originaltöne) aus den Nachrichten. In diesem Fall aus einem ZiB2-Interview, das ich mit Kabarett-Altmeister Lukas Resetarits über den Kulturbetrieb in Zeiten von Corona geführt habe – und seine Antwort auf die Frage, ob Kultur-Staatssekretärin Ulrike Lunacek zurücktreten solle. (Sie ist wenige Tage nach dem Interview zurückgetreten.)

Könnte der Sommerhit 2020 werden.

DER Text zur Corona-Krise

Das ist der wohl einflussreichste Text, der bisher zur Pandemie veröffentlicht wurde. Autor Tomas Pueyo hat mit einem Titel einer Strategie den Namen gegeben, die in den letzten Monaten von Politiker*innen in weiten Teilen der Welt verfolgt worden ist: Zuerst mit massiven Einschränkungen des Alltagslebens – dem „Hammer“ – die Ausbreitung des Virus soweit wie möglich herunterdrücken und dann – im „Tanz“ – die Maßnahmen soweit lockern und notfalls wieder anziehen, dass die „Reproduktionsrate“ nicht mehr steigt.

Der ursprünglich englischsprachige Text ist in der deutschen Übersetzung hier verlinkt.



MEDIUM.COM 19. bzw. 21.03.20

Der Viren-Scanner

Selten habe ich mich so um einen Studiogast für die ZiB2 bemüht, wie in den letzten Wochen um Christian Drosten, den Chef-Virologen der Berliner Charité.

Drosten ist einer der weltweit führenden Corona-Experten und zur Zeit auch Deutschlands einflussreichster und bekanntester Wissenschafter – auch weil er seine Arbeit extrem gut erklären kann: in Pressekonferenzen, in Talkshows, in einem sensationellen Podcast, vor fast 300.000 Followern auf Twitter oder eben in Interviews. Ich habe – für die ZiB2 sehr ungewöhnlich – eine halbe Stunde lang mit ihm gesprochen und ich finde, es hat sich gelohnt:

Und das waren die Themen des Gesprächs:
Sind die strengen Corona-Maßnahmen im Rückblick gerechtfertigt?
– Ist der „schwedische Weg“ klüger“?
– Wie ist das nun wirklich mit der Sterblichkeit?
– Wo kommt das Virus wirklich her?
– Droht uns eine zweite Infektionswelle?
– Wie gefährlich ist das Virus im Freien?
– Warum weiß man so wenig über Kinder?
– Wie lange bleibt man immun?
Ist „Herdenimmunität“ eine sinnvolle Strategie?
– Wann kommt ein Impfstoff?
– Wird unser Leben irgendwann wie früher?

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In der Corona-WG: Mein letzter Tag

Heute ist mein letzter Tag hier in der ORF-Sperrzone. Nach der ZiB2 heute Abend packe ich meine sieben Sachen und fahre nach zwei Wochen „Isolation“ nachhause zu meiner Familie. Das Notbett in meinem Büro ist bereits abgezogen und meine Wäsche aus dem Aktenschrank geräumt.

Was habe ich hier gelernt?

Stressigste Erkenntnis: Man muss sich für die Kasernierung nicht besonders ausrüsten. Ich hatte eigens ein paar neue Bücher auf meinen Kindle geladen. Keines davon gelesen. Auf meinem iPad gibt’s diverse Streaming-Accounts – nichtmal die letzte Folge „Picard“ habe ich bisher geschafft. Die kaputten Playstations im Aufenthaltsraum sind niemandem abgegangen. Es gab wirklich wenig freie Zeit. Aber beim nächsten Mal: Eigenen Kopfpolster mitbringen!

Abgezogenes Bett

Wichtigste Erkenntnis: Die Trennung zwischen Arbeit und Freizeit/Privatleben ist viel entscheidender als ich dachte. Viele Menschen bemerken ja dieser Tage, dass Home Office gar nicht so toll ist, wie sie sich das vorgestellt hatten. Office Home ist definitiv nicht toll.

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In der Corona-WG: Tag 8

Ich muss gestehen, gestern hatte ich ein Tief. Die erste Woche hier in unsererm Isolationsbereich ist vorbei. Es läuft gut, der Teamgeist ist noch immer großartig, die Sendungen funktionieren, das Publikumsinteresse ist gigantisch.

Die ZiB2 hatte gestern 1,04 Millionen Zuseher*innen, am Montag waren es 1,23 Millionen, die Zeit im Bild um 19h30 erreicht seit Wochen jeden Tag weit über zwei Millionen, etwa das Doppelte der üblichen Zahl. Produziert werden die ZiBs aber völlig anders als sonst.

Vom ZiB2-Team sind Redaktionsleiter Christoph Varga und ich hier in der ZiB-Sperrzone isoliert. Christoph plant und koordiniert die Sendung und betreut sie abends als Chef vom Dienst, ich moderiere. Die anderen Kolleg*innen aus der Redaktion haben wir seit Wochen nicht mehr gesehen.

Wolf & Varga

Schon vor der Isolation hatten wir unsere Arbeitsweise stark dezentralisiert, jetzt ist es noch drastischer. Einige Kollegen arbeiten von zuhause, andere in Außenstudios in der Wiener Innenstadt oder der Stiftskaserne und im Newsroom hier im ORF-Zentrum sind der 1. und der 2. Stock voneinander abgeriegelt. Heroben werken wir „Isolierten“, unten die Redakteur*innen, Cutter*innen und Assistent*innen, die zuhause schlafen. In den Redaktionsräumen müssen sie konsequent alle Sicherheitsregeln einhalten, beim Eingang Fieber messen und bei der Arbeit maximalen Abstand voneinander halten.

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Armin Wolf ist Journalist und TV-Moderator. Sein Blog befasst sich v.a. mit Medien und Politik.

Armin Wolf